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Der ewige Streitfall Pechstein und neue Sorgen

Der deutsche Eisschnelllauf-Verband hat auch ein finanzielles Problem. Dafür gibt es zwar einen Lösungsvorschlag – aber der hat einen Haken.

Claudia Pechstein ist das Gesicht der DESG und der Verband dennoch mehr als sie, betont Uwe Rietzke.
Claudia Pechstein ist das Gesicht der DESG und der Verband dennoch mehr als sie, betont Uwe Rietzke. © Robert Michael/Diana Kaule

Dresden. Eigentlich wollte Uwe Rietzke an diesem Samstag wieder an die zweite Stelle rücken. Seit November führt der Dresdner als Vizepräsident die Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) im Ehrenamt, wird unterstützt von Schatzmeister Dieter Wahlisch. Die außerordentliche Mitgliederversammlung in Erfurt, bei der ein neuer Chef für den krisengeschüttelten Verband gewählt werden sollte, wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

„Das Virus gibt uns noch eins obendrauf, macht es schwieriger, Partner zu finden. Dem Thema müssen wir uns stellen“, sagt Rietzke. Zu sportlichen Misserfolgen, dem ständigen Zoff um Claudia Pechstein und Personal-Querelen an der Spitze kommen nun erhebliche finanzielle Sorgen. Die DESG befindet sich nicht erst seit Corona im Krisenmanagement. Die Bedarfslücke – laut eigenen Angaben fehlen ab April 400.000 Euro – sei nicht wegzudiskutieren, räumt Rietzke ein. Bisher komme die DESG allen Zahlungsverpflichtungen nach, aber im Herbst könnte sich die Lage zuspitzen.

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Die Lösung verspricht Matthias Große. Der Lebensgefährte von Claudia Pechstein bewirbt sich als Präsident. Der Partner der fünffachen Olympiasiegerin präsentierte bereits sein Konzept, wie er den angeschlagenen Verband retten will. Der Immobilien-Unternehmer stellt dafür über Sponsoren einen hohen sechsstelligen Betrag in Aussicht. „Die Sponsoren kommen nur dann, wenn er den Posten kriegt“, kritisiert Rietze, denn: „Herr Große bringt zwar Geld mit, aber wenn er den Posten verliert, dann sind auch die Sponsoren wieder weg.“

Geldgeber kämpfen um ihre eigene Existenz

Matthias Große ist der Mann an Claudia Pechsteins Seite und vielleicht bald an der Verbandsspitze.
Matthias Große ist der Mann an Claudia Pechsteins Seite und vielleicht bald an der Verbandsspitze. © dpa/Jörg Carstensen

Rietzke setzt deshalb auf die Initiative „DESG gemeinsam retten“. Die Gruppe aus Ehrenamtlern, Aktiven, Eltern und Interessierten sei nach dem überraschenden Rücktritt von Stefanie Teeuwen als Präsidentin im Herbst entstanden. „Sie fühlen sich dem Verband verpflichtet, äußern ihre Meinung, bilden eine Plattform und machen sich Gedanken“, sagt Rietzke. Die Initiative gebe ein Stimmungsbild ab. Das sei ihr Part und seiner, mit allen in Kontakt zu stehen, sich keinem zu verschließen. „Ich mag keine Lagerbildung.“

Doch Geldgeber, mit denen man im Gespräch gewesen sei, würden jetzt um ihr Dasein kämpfen. „In der gegenwärtigen Unsicherheit ist die Hilfe für uns sicher keine vorrangige Aufgabe.“ Das treffe alle Klubs, Ligen und Verbände, meint Rietzke, und er appelliert an die Bereitschaft der Mitglieder, finanziell etwas über ihren Beitrag hinaus zu leisten. Die DESG hat 31 Mitgliedsvereine und neun Landesverbände, die 1.239 Mitglieder vertreten.

Der Verband hat auf Notbetrieb umgestellt: Homeoffice für Angestellte wie Athleten, die zu Hause auf dem Ergometer oder der Fahrradrolle trainieren. Beim Weltcup in Dresden in Februar sei das Thema Corona nicht nur wegen der Shorttracker aus China zum ersten Mal akut gewesen, sagt Rietzke. Damals habe eine Absage nicht zur Debatte gestanden, doch wenige Wochen später musste auch die für Mitte März geplante deutsche Shorttrack-Meisterschaft in Rostock abgesagt werden. Es gebe jetzt nur eine Prämisse: „Wir wollen gesund durch die Corona-Pandemie kommen“, betont Rietzke. „So eine schwere Situation hat noch keiner erlebt.“

Es wäre sicher manches einfacher, wenn der interne Zwist, der seit Jahren öffentlich ausgetragen wird, endlich beigelegt werden könnte. Außer Große gibt es einen weiteren Kandidaten. „Einen interessierten Bürger, der sich über die Kontaktadresse beworben hat“, sagt Rietzke. Ansonsten hält er sich bedeckt. Fest steht: Ein DESG-Präsident Große kooperiert wohl kaum mit Sportdirektor Matthias Kulik und Bundestrainer Erik Bouwman, der Großes Bewerbung als „Witz“ bezeichnet behauptet hatte, dass die meisten deutschen Eisschnellläufer „Pechstein zum Kotzen finden“.

Treffen in der Causa Pechstein?

„Jeder nimmt für sich das Recht in Anspruch, sich im Sinne der Meinungsfreiheit zu äußern“, meint Rietzke und ergänzt mit Blick auf die Causa Bouwman contra Pechstein: „Ich verbiete weder ihm noch ihr den Mund.“ Allerdings bevorzugt er einen anderen Stil in der Kommunikation, nämlich das Gespräch mit- anstatt übereinander. Außerdem dürfen Aussagen weder beleidigen noch diskriminieren. Rietzke bezeichnet Bouwmans Äußerungen als „nicht druckreif, suboptimal – Punkt.“ Man habe sie arbeitsrechtlich prüfen lassen, diesbezüglich seien sie jedoch nicht relevant.

„Die DESG ist nicht nur Claudia Pechstein“, sagt Rietzke. Der Vizechef spricht von gewissen Eigenheiten auf beiden Seiten und setzt auf ein Umdenken gerade in diesen Zeiten. Rietzke würde sogar ein Treffen moderieren. „Mehr kann ich auch nicht machen.“

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Vorerst bleibt er aber der vermeintlich starke Mann im schwächelnden Verband. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung zur Präsidentenwahl wäre frühestens Mitte des Jahres, eher im Spätsommer möglich. „Dann können wir mit der Wahl auch bis zur ordentlichen Mitgliederversammlung im dritten Quartal, also gegebenenfalls im September, warten“, meint Rietzke und hält das für die beste Lösung.

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