merken
PLUS Wirtschaft

Corona-Medikament in der Sackgasse

Das Vorhaben eines sächsischen Unternehmers für einen Import aus Kuba scheitert an den Zulassungsregeln.

Remdesivir gehört zu den Medikamenten, die in der „Solidaritätsstudie“ für die Behandlung von Covid-19 getestet werden. Interferon alfa ist nicht dabei.
Remdesivir gehört zu den Medikamenten, die in der „Solidaritätsstudie“ für die Behandlung von Covid-19 getestet werden. Interferon alfa ist nicht dabei. © Ulrich Perrey/dpa

Von Andreas Knobloch

Überall auf der Welt suchen Pharmakonzerne nach Medikamenten und Impfstoffen gegen das Coronavirus. Zahlreiche Firmen treiben Projekte voran, um möglichst schnell ein wirksames Produkt gegen den Erreger auf den Markt zu bringen. Doch bis es so weit ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Ein sächsischer Unternehmer will deshalb ein Medikament zur Corona-Behandlung aus Kuba nach Deutschland einführen.

„Wir haben von Anfang an die Entwicklung und Ausbreitung des Virus mit Besorgnis verfolgt“, sagt Georg Scheffer, Geschäftsführer und Inhaber von Profümed, einem mittelständischen Unternehmen mit etwa 150 Mitarbeitern und zwei Produktionsstätten in Sachsen und Österreich. „Schnell war klar, dass etwas getan werden muss, um Leben zu retten.“

Anzeige
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus

Dresdens Biohof steht seit fast 30 Jahren für Bio aus der Region. In den Märkten ist eine besondere Kooperation zu entdecken: Die Käsefreundschaft zu vier kleinen Bio-Dorfsennereien in Graubünden.

Da ein Impfstoff zeitnah nicht hergestellt oder ausreichend produziert werden könne, will Scheffer – seit Jahren mit guten Geschäftsbeziehungen nach Kuba – das kubanische Medikament Interferon alfa 2B (INFrec) für rund 1.000 Patienten nach Deutschland importieren. Es stärkt das Immunsystem und wird normalerweise gegen Denguefieber, Krebs sowie Hepatitis B und C eingesetzt. In China war es neben anderen Medikamenten zur Behandlung von Corona-Patienten verwendet worden – mit guten Resultaten. „Jedes Leben, welches durch die Anwendung von Interferon gerettet werden kann, ist es wert, dass wir uns so energisch um die Einfuhrgenehmigung kümmern. Wir wollen kein zweites Italien in Deutschland“, sagt Scheffer. Sein Unternehmen Profümed stellt Medizinprodukte auf Zellstoffbasis her; Erfahrung im Pharmabereich hat es aber nicht.

Fehlende klinische Tests

Das kubanische Unternehmen BioCubaFarma sicherte Profümed zu, INFrec für die Behandlung von 500 bis 1.000 Patienten bereitzustellen. Die Lieferzeit betrage bis zu 25 Tagen. Um die Bestellung durchführen zu können, benötige man „die Anforderungen bezüglich der von der Bundesregulierungsbehörde verlangten Dokumente“, in anderen Worten: Zulassung und Einfuhrgenehmigung nach Deutschland. Diese schreibt auch das deutsche Arzneimittelgesetz (AMG) vor.

Also setzt sich Scheffer Mitte März mit diversen Ministerien und Landesbehörden in Verbindung. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium kommt der Hinweis, man habe seine Mail ans Bundesministerium für Gesundheit weitergeleitet. Scheffer selbst schreibt die Poststelle des Bundesgesundheitsministeriums ebenfalls an. Auf eine Antwort wartet er noch immer.

>>> Mit unserem kostenlosen Newsletter schicken wir einmal am Tag die wichtigsten Nachrichten zur Corona-Krise direkt ins Postfach. Hier können Sie sich anmelden. <<<

Auch eine Anfrage beim sächsischen Sozialministerium bleibt unbeantwortet. Auf Pressenachfrage heißt es: „Wenn man Arzneimittel einführen möchte, sind Vorgaben nach dem AMG (Erlaubnis, sachkundige Person, Lagerung etc.) nachzuweisen.“ Ob Profümed eine Einfuhrgenehmigung für Arzneimittel besitze, sei nicht bekannt. Für die Einfuhr von Arzneimitteln sei zudem die Landesdirektion Sachsen (LDS) zuständig, eine dem sächsischen Innenministerium nachgeordnete Ministerialbehörde. Scheffer versucht über einen befreundeten Unternehmer aus Freital direkt das Büro des sächsischen Innenministers Roland Wöller (CDU) zu erreichen. Der in Aussicht gestellte Rückruf erfolgt nicht.

© dpa

„Es meldet sich niemand, es kommt auch keiner auf mich zu. Wahrscheinlich ist der Ernst der Lage noch nicht verstanden worden“, klagt Scheffer. Er wisse nicht, „warum es so lange dauert, eine positive Entscheidung zu erwirken. Ich hoffe, dass es nicht darum geht, politische Interessen, wie die US-Blockade vor Rettung von Menschenleben zu stellen“.

Es geht wohl eher um Genehmigungen und fehlende klinische Tests. Es kann ja nicht jeder einfach Medikamente in Deutschland auf den Markt bringen. Selbst Eduardo Martínez, Präsident von BioCubaFarma, betonte auf einer Pressekonferenz in Havanna Mitte März: „Interferon ist ein therapeutisches Produkt, es ist kein Impfstoff.“ Er trat damit Gerüchten in den sozialen Netzwerken entgegen, Kuba besitze ein Heilmittel gegen die Pandemie. In einer von der pharmazeutischen Vereinigung Chinas herausgegebenen „Leitlinie zum Umgang mit der Covid-19-Epidemie“ wird INFrec zwar als erster antiviraler Wirkstoff bei der Behandlung von Covid-19 Patienten empfohlen, belastbare medizinische Studien fehlen aber noch.

🔸 Unser Push-Service zum Coronavirus 🔸

Wie entwickelt sich die Lage weltweit und in Sachsen? Über unsere Push-Benachrichtigungen halten wir Sie über das aktuelle Geschehen in Sachen Coronavirus auf dem Laufenden. So abonnieren Sie den kostenlosen Push-Service.
(Leider nicht kompatibel für iPhone und iPad.)

Ein Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn bekräftigt dies auf Anfrage, „Voraussetzung für ein Inverkehrbringen eines Arzneimittels ist grundsätzlich eine behördliche Zulassung.“ Dazu müssten „von einem pharmazeutischen Unternehmer Unterlagen eingereicht werden, mit denen die Wirksamkeit, die Unbedenklichkeit und die Qualität des Arzneimittels belegt werden“. Derzeit ließen sich zu keinem Arzneimittel Aussagen zu dessen Wirksamkeit bei Covid-19 treffen. Zudem seien Interferon alfa enthaltende Arzneimittel auch in Deutschland auf dem Markt.

Interferon alfa taucht in Studie nicht auf

Scheffer hält das Ganze für ein abgekartetes Spiel. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die großen deutschen Pharmakonzerne bevorzugt werden, die voraussichtlich erst Ende des Jahres einen Impfstoff entwickelt haben.“

Aber auch die für Pharmazie zuständige Stelle der Regierung von Oberbayern, bei der Scheffer über einen befreundeten Prokuristen für Verbandsstoffe, der über eine Arzneimitteleinfuhrgenehmigung verfügt, eine Anfrage stellt, verweist auf die in Deutschland zugelassenen Arzneimittel mit Interferon alfa und die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

Deren Sprecherin wiederum erklärt, es gebe bisher keine Beweise dafür, dass ein bestimmtes Medikament für die Behandlung von Covid-19 wirksam sei. Eine vergleichende weltweite Studie sei Ende März angelaufen. Sie umfasst vier Behandlungen: mit dem Ebola-Medikament Remdesivir, mit der Substanzkombination Ritonavir/Lopinavir gegen HIV, mit Ritonavir/Lopinavir in Verbindung mit dem Multi-Sklerose-Mittel Beta-Interferon sowie mit dem Malariamittel Chloroquin. Die sogenannte Solidaritätsstudie soll durch große Beteiligung schneller Ergebnisse bringen als herkömmliche klinische Studien. Interferon alfa taucht in der Studie nicht auf.

Eine Art Zahlungsversicherung

Scheffers Vorhaben, das kubanische Medikament zu importieren, steckt derzeit also in der Sackgasse. Doppelt ärgerlich, da es für den Unternehmer wohl auch eine Möglichkeit wäre, einen Teil seines Kuba-Geschäfts zu finanzieren. Denn: „Bisher war es nicht möglich, eine deutsche Bank zu finden, die Projekte auf Kuba unterstützt“, sagt Scheffer. Das hat mit der US-Blockade zu tun, unter der Kuba seit 60 Jahren leidet. Deren Bestimmungen betreffen auch Drittstaaten und lassen Banken vorsichtig agieren. Profümed liegen Bestellungen für Verbandsmaterial im sechsstelligen Euro-Bereich aus Kuba vor. Das Kontingent Interferon wäre auch eine Art Zahlungsversicherung. „Die Kubaner würden da wohl entgegenkommen und verrechnen“, meint Scheffer.

Derweil gibt es auch anderweitig viel zu tun. Derzeit sind Schutzmasken äußerst gefragt und knapp. Besonders im medizinischen Bereich ist dies ein Problem. Scheffer hat deshalb kurzfristig die Produktion im sächsischen Standort Brand-Erbisdorf umgestellt. Seit Anfang April sind die ersten Masken-Prototypen fertig, sagt er.

Weiterführende Artikel

Corona-Medikament steht kurz vor der Zulassung

Corona-Medikament steht kurz vor der Zulassung

Remdesivir wurde bereits erfolgreich bei einer Corona-Patientin in Dresden verabreicht. Doch noch fehlen Studien.

Erfolg mit Corona-Medikament in Dresden

Erfolg mit Corona-Medikament in Dresden

Das Dresdner Uniklinikum setzt ein Medikament gegen Covid-19 erfolgreich ein. Es hilft einer Krankenschwester aus Niesky.

Erste Ergebnisse zu Corona-Medikament

Erste Ergebnisse zu Corona-Medikament

Remdesivir gilt als Hoffnungsträger bei der Suche nach Mitteln zur Behandlung von Covid-19. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Covid-19-Medikamente noch in diesem Jahr

Covid-19-Medikamente noch in diesem Jahr

Wann werden erste Medikamente speziell gegen Covid-19 zugelassen? Zumindest wird es damit wohl deutlich schneller gehen als mit einer schützenden Impfung.

Und auch das Thema Interferon hat er noch nicht aufgegeben. „Wenn die Deutschen es nicht wollen, liefere ich es nach Spanien.“ Man stünde in aussichtsreichen Gesprächen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Mehr zum Thema Wirtschaft