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Der frühe Griff zur Flasche

Aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie sind die Menschen anfälliger für Alkohol. Sächsische. de spricht mit Dagmar Mohn von der Suchtberatung Pirna.

Die Deutschen kaufen mehr Alkohol in den Corona-zeiten. Das hat die Gesellschaft zur Konsumforschung jetzt festgestellt.
Die Deutschen kaufen mehr Alkohol in den Corona-zeiten. Das hat die Gesellschaft zur Konsumforschung jetzt festgestellt. © Symbolfoto: dpa

Frau Mohn, Isolation und Einsamkeit sind die aktuellen Stichworte in Corona-Zeiten. Besteht die Gefahr, dass manche Menschen jetzt mehr zu Drogen greifen?

Zum Alkohol auf alle Fälle. Das hat verschiedene Ursachen. Bei einem großen Teil ist die Arbeit derzeit weggefallen. Das heißt, die Betroffenen haben keine oder eine völlig andere Struktur als bisher.  Wer nicht mehr zur Arbeit geht, sitzt zu Hause auf unbestimmte Zeit. Es ist aber kein Urlaub. Vielmehr hat der Betroffene Angst, um seinen Arbeitsplatz und macht sich Gedanken  über seine generelle finanzielle Situation. Das bedeutet Stress. Andere Menschen müssen sich im Homeoffice  selber organisieren und sich auch noch um ihre Kleinkinder kümmern. Das kann anstrengend sein. Die Versuchung, bereits am Mittag ein Bier oder ein Glas Wein zu trinken, ist groß.

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Wie sieht es konkret im Landkreis aus?

Die Region Sächsische Schweiz lebt stark von der Tourismusbranche, die am Boden liegt. Da ist die Existenzangst groß. Aber ganz allgemein sind sensible Menschen, die jetzt in der Isolation sitzen, ihren Ängsten noch mehr ausgeliefert. Sie haben weniger Kontakte, können mit weniger Menschen sprechen. Die Gedanken in ihrem Kopf kreisen ohne Kontrolle. Viele fragen sich, wie geht es weiter? Wo führt das alles noch hin? Aber sie haben keine Antworten. Auch der Wegfall der Freizeitmöglichkeiten verschärft depressive Stimmungen. Langeweile spielt eine Rolle. Wer sich nicht beschäftigen kann, greift auch schneller zur Flasche. Und Alkohol ist leider ein gutes Antidepressivum, das kurzfristig gegen solche Stimmungen wirkt, aber eben das hohe Risiko birgt, in die Abhängigkeit zu geraten. Zusammenfassend möchte ich betonen: Menschen, die psychisch nicht so gefestigt sind, werden durch die Krise erheblich belastet.

Was können Betroffene beziehungsweise Gefährdete gegen das Risiko, zur Flasche zu greifen, tun?  Haben Sie Tipps?

Wer dazu neigt, leider mehr zu trinken, als er will, sollte nur begrenzt Alkoholmengen einkaufen. Gegebenenfalls kann es auch hilfreich sein, seinen Alkoholkonsum zu protokollieren. Was  habe ich wann getrunken und wie viel? Man sollte immer wieder sehr viel nicht-alkoholhaltige Flüssigkeit trinken, damit kein Durstgefühl entsteht, das dann falsch gelöscht werden würde. Weitere Wege sind auch wichtig. Ich rate dazu, den Alkohol nicht griffbereit im Küchenregal aufzubewahren, sondern im Keller oder auf dem Boden.

Fazit: Sie rechnen aufgrund der Krise mit mehr Klienten ...

Ja, aber mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung.

Trotz Kontaktsperren haben die Suchtberatungsstellen in Pirna und Neustadt geöffnet. Wie funktioniert die Beratung ganz konkret?

Die Therapiegruppen in den Beratungsstellen haben wir eingestellt, führen aber jetzt alle Beratungen telefonisch durch. Nach anfänglicher Skepsis wird dieses Angebot gut angenommen. Die Menschen sind dankbar, dass sie die Möglichkeit haben, sich auszusprechen. Ab nächster Woche wollen wir wieder mit Live-Beratungen bei uns vor Ort beginnen. Allerdings unter entsprechenden Schutzmaßnahmen wie Gesichtsmasken und Sicherheitsabständen. Die telefonischen Einzelberatungen werden natürlich ebenfalls  weitergeführt.

Dagmar Mohn, Leiterin der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie in Pirna.
Dagmar Mohn, Leiterin der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie in Pirna. © SZ/Jörg Stock

Und was ist mit den Selbsthilfegruppen, die sich sonst regelmäßig in der Beratungsstelle in Pirna treffen?

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Das Gespräch führte Mareike Huisinga.

Nähere Informationen über die Suchtberatungs- und Behandlungsstelle der Diakonie Pirna erhalten Sie hier.

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