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"Auf der Reeperbahn" aus dem Leierkasten

Steffen Neumann hat wegen der Corona-Krise keine Auftritte. So dreht er jeden Abend für die Rosenthaler an der Orgel. Und das kommt an.

Steffen Neumann mit seiner Walzendrehorgel, die um 1900 in Berlin gebaut wurde.
Steffen Neumann mit seiner Walzendrehorgel, die um 1900 in Berlin gebaut wurde. © Matthias Weber/photoweber.de

Carmen Gäbler und ihre Nachbarn bekommen derzeit jeden Abend ein ganz besonderes Ständchen. Pünktlich nach dem 18-Uhr-Läuten der Kirchenglocken spielt Steffen Neumann oben auf dem Galgenberg für alle in Hörweite immer vier Lieder auf seiner Drehorgel. Lieder wie "Rosamunde", "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" oder auch die "Capri-Fischer" schallen dann durchs Tal bis fast bis zur Neiße hinunter.

Steffen Neumann ist in der Region mit seinen Drehorgeln als selbstständiger Alleinunterhalter bekannt und beliebt. Fast 100 Auftritte habe er jedes Jahr, sagt er. 2020 ist jedoch alles anders. Durch die Corona-Krise kann er nicht auftreten. Das fehle ihm. Der Rosenthaler spielt gerne Drehorgel. Es war das Hobby seines Vaters und er begleitete ihn 30 Jahre lang bei seinen Auftritten. Als der Vater vor 15 Jahren starb, übernahm der Sohn dessen Erbe. Als er dann seine Arbeit in der Grube Hagenwerder verlor, wurde er oft gefragt, warum er sich nicht selbstständig mache, sagt Steffen Neumann. Die Idee gefiel ihm und seither tritt er bei Veranstaltungen aller Art auf.

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Idee kommt von einem Schweizer

Doch seit diesem März sitzt er wie alle anderen Künstler zu Hause. Kontakt zu anderen Drehorgelspielern hat er trotzdem. Davon gibt es überraschend viele. Allein zu den seit 1990 alle zwei Jahre stattfindenden Drehorgelfesten in Frankreich kamen regelmäßig etwa 400 Teilnehmer, sagt Steffen Neumann. Das fiel dieses Jahr allerdings aus internen Gründen aus. Einer seiner Drehorgelfreunde aus der Schweiz hat er dort kennengelernt und der habe ihm erzählt, dass er jeden Abend für alle, die nicht aus dem Haus dürfen, spielt.

"Das mache ich auch", sagte sich der Rosenthaler. Er hat mehrere Drehorgeln und insgesamt 80 Lieder im Repertoire. Die wechselt er regelmäßig, damit es den Zuhörern nicht langweilig wird. Dabei braucht er viel Gefühl, sagt er. Drehorgel spielen sei nicht so einfach, wie es aussieht. Wichtig sei ein Gespür für die Harmonien. Beim Drehen der Kurbel müsse man deren Geschwindigkeit an das jeweilige Lied anpassen, denn nur dann klingt es auch gut.

Kirchenorgel im Miniformat

Vom Prinzip her ist eine Drehorgel eine "richtige" Kirchenorgel, nur eben im Miniformat. Die Melodien wurden zuerst auf einer Walze gespeichert. Heute gibt es aber auch Lochbänder und Lochkarten und immer häufiger elektronische Steuerungen.

Die Lied-Liste hängt an der Orgel.
Die Lied-Liste hängt an der Orgel. © Matthias Weber/photoweber.de

Steffen Neumann hat ausschließlich Walzendrehorgeln. Pro Walze kann er zwischen acht Liedern wählen. Für den Wechsel der Titel muss man die Walze um etwa einen Millimeter nach rechts oder links verschieben. Diese Walzen und Lochbänder werden immer noch hergestellt und so kann man neben Gassenhauern und klassischer Musik mit einer Drehorgel auch moderne Titel wie "Atemlos" spielen. Steffen Neumann findet die Melodien der 20er bis 50er Jahre am schönsten und so hat er hauptsächlich diese im Programm.

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Seine derzeit allabendlichen Ständchen mit diesen alten Titeln kommen bei den Nachbarn an. Bereits beim Glockenläuten gehen bei ihnen nach und nach die Türen auf, erzählt Carmen Gäbler. Alle kommen nach draußen, um zu lauschen. Ist ein Lied vorbei, schallt Applaus und ab und zu sogar ein Pfiff zurück nach oben. Wenn es nach den Leuten vom Ziehberg und aus dem Winkel geht, kann Steffen Neumann das durchaus noch eine Weile fortsetzen. Carmen Gäbler sagt jetzt schon einmal im Namen aller Nachbarn Danke.

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