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Corona: So ist die Lage im Kreis Görlitz

Auch am Mittwoch meldete das Kreis-Gesundheitsamt vier Neuinfektionen. Wichtiger für das Situationsbild sind aber andere Fakten.

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Klaus Heckemann (li.), nahm im Corona-Testzentrum an der A4 bei Görlitz die ersten Abstriche.
Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, Klaus Heckemann (li.), nahm im Corona-Testzentrum an der A4 bei Görlitz die ersten Abstriche. © Nikolai Schmidt

Sie kehrten von Reisen aus Ungarn, Bulgarien und Albanien zurück. Und brachten das Coronavirus mit. Drei Personen aus Löbau und ein Zittauer erfuhren nun nach den Tests von ihrer Infektion. Ihnen ging es wie zuvor bereits Görlitzer und Zittauer Rückkehrern, die sich in Ungarn, Bulgarien und Kroatien mit dem neuartigen Virus ansteckten. Über ihren Gesundheitszustand ist darüber hinaus aber nichts bekannt. 

Das ist die Crux bei den jetzt wieder auflebenden täglichen Infektionszahlen. Corona verläuft bei jedem anders. Auch das Görlitzer Kreis-Gesundheitsamt gibt nur allgemein wieder, wie es den Infizierten geht. "Einige sind symptomfrei, einige haben leichte Symptome"; erklärt die Behörde schriftlich auf Fragen der SZ. "Es gibt jedoch auch viele Betroffene, die sich über eine relativ lange Zeit sehr krank und abgeschlagen fühlen." Das können zwei, drei Wochen sein. Dass derzeit kein Erkrankter in einem Krankenhaus stationär behandelt werden muss, gibt weniger einen Hinweis darauf, wie sich die Infizierten fühlen als vielmehr, wie alt sie sind. 

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Krankenhäuser teilen sich in Corona-Betten

Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht täglich einen Bericht über die Lage in Deutschland. Am Dienstag enthielt der Bericht auch die Zahlen über das Alter der Infizierten. Danach machten die 20- bis 29-Jährigen rund 31 Prozent der Infizierten in der vergangenen Woche aus. Auf dem Höhepunkt der Pandemie waren es nur 13 Prozent. Dagegen wird der Virus derzeit seltener bei Senioren und Älteren nachgewiesen. Auch deswegen belasten die nachgewiesenen Corona-Fälle derzeit weniger das Gesundheitswesen. Es handelt sich dabei zwar um bundesweite Zahlen doch geben sie das Geschehen im Kreis Görlitz ganz gut wieder.

Das hat auch Auswirkungen auf die Kliniken im Landkreis. Bislang war das Malteser-Krankenhaus St. Carolus erste Anlaufstation für Corona-Patienten, die stationär aufgenommen werden müssen. Da aber der Bund mittlerweile einen geringeren Bettenzuschlag zur Freihaltung und Behandlung von Covid-19-Patienten zahlt, tragen nach Auskunft des Kreises "alle Kliniken die Freihaltung von Bettenkapazitäten, um die wirtschaftliche Belastung nicht auf eine Klinik prinzipiell zu verlagern". Auf dem Höhepunkt der Pandemie gab es im Landkreis über 60 Intensivbetten, die zum Teil für Corona-Patienten freigehalten wurden. Wie viele es im Augenblick sind, teilt das Landratsamt auf die SZ-Frage nicht mit. Gelenkt wird das Bettenkontingent für Ostsachsen zentral von der Krankenhausleitstelle der Universität Dresden.

Generell haben die Krankenhäuser in Deutschland offenkundig weniger unter der Corona-Pandemie gelitten als gedacht. Durch die Ausgleichszahlungen lagen die Erlöse der deutschen Krankenhäuser zwischen Januar und Mai inflationsbereinigt um zwei Prozent über dem Vorjahreswert. Diese Zahlen enthält ein Bericht einer Kommission an Gesundheitsminister Jens Spahn, die er zur Klinikfinanzierung eingesetzt hatte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete jetzt über die Details des Berichts. Angesichts der Lage soll deshalb der pauschale Krankenhaus-Rettungsschirm wegen Corona auch nicht verlängert werden.

Beschleunigt sich die Pandemie wieder?

Dass jetzt vermehrt Neuinfektionen festgestellt werden, ist nicht verwunderlich.  Mit der Urlaubssaison sowie den Lockerungen seit Mai musste damit gerechnet werden. Manch einer glaubt auch, weil jetzt mehr getestet wird, werden mehr Infektionen entdeckt. Das kann prinzipiell so sein. Die Frage ist nur: Ist das die zweite Welle, also eine deutliche Steigerung der Pandemie? Das ist für den Landkreis aber schwer festzustellen. Der Kreis hat allein bis 24. August  in diesem Monat rund 1.440 Abstriche vorgenommen, vor allem bei Kontaktpersonen. Die meisten Tests aber laufen über niedergelassene Ärzte. Über deren Zahl für den Landkreis gibt es aber keine Angaben, der Kreis jedenfalls kann sie nicht mitteilen, weil die Kassenärztliche Vereinigung dafür zuständig ist. 

Erst wenn man die Gesamtzahl der Tests hat und den Anteil der positiv Getesteten, könnte man feststellen, ob die Pandemie stärker wird. Für ganz Deutschland hat der "Spiegel" errechnet, lag die Positivrate  im März bei neun Prozent, jetzt  bei knapp ein Prozent. Der Tiefpunkt war in der zweiten Juli-Woche erreicht mit rund 0,6 Prozent.  Das heißt trotz der höheren Testzahl ist der Anteil der positiven Tests seit März deutlich gesunken.

Tatsächlich ist im Landkreis Görlitz eine wichtige Kennzahl sehr tief: die Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Das Robert-Koch-Institut gab diese sogenannte Inzidenz  mit 1,6 an, da waren die vier Fälle vom Mittwoch aber noch nicht eingeschlossen. Auch im Kreis Bautzen mit 1,3 und der brandenburgische Nachbarlandkreis Oberspree-Lausitz-Kreis mit 1,8  lag diese Zahl sehr tief. Der ebenfalls benachbarte Landkreis Spree-Neiße sowie die Stadt Cottbus hatten sogar gar keinen Fall in den vergangenen sieben Tagen. Zum Vergleich: Die Stadt Offenbach in Hessen hat mit 55 derzeit die höchste Inzidenz, auf den ersten 15 Plätzen der Inzidenz-Liste stehen nur Städte und Kreise aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen.

Bei so wenigen Fällen in der Oberlausitz gelten alle Lockerungen unbeschränkt, selbst die Veranstaltungen mit über 1.000 Besuchern sollen in Sachsen erst bei einer Inzidenz von 20 wieder abgesagt werden.

Das Kreis-Gesundheitsamt hat daher im Moment keine Probleme, die Infektionsketten zurückzuverfolgen. Dafür hat es Teams nach einem vom Bund und den Ländern vorgegebenen Schlüssel gebildet. In einem Team kommen fünf Mitarbeiter auf 20.000 Einwohner. Macht im Kreis 65 Angestellte des Gesundheitsamtes, die sich um diese Kontaktketten kümmern. Das Landratsamt macht allerdings keine genauen Angaben darüber, wie viele Mitarbeiter im Gesundheitsamt momentan tätig sind. 

Trotzdem gibt es auch im Kreis immer wieder heikle Situationen. So wurden dem Kreis-Ordnungsamt bislang neun Corona-Partys angezeigt, bei denen Corona-Auflagen nicht eingehalten wurden.

Mehrheit der Menschen hält sich an Corona-Regeln

Doch hält sich die übergroße Mehrheit der Menschen im Kreis an die Vorgaben der Behörden: Maske tragen in Bus und Bahn sowie in Geschäften, Abstand halten und Hygiene. Wie viele Einwohner sich die Corona-App aufs Handy geladen haben, ist nicht bekannt. Deutschlandweit sind es 17,5 Millionen. Allerdings kann das Robert-Koch-Institut nicht mitteilen, wie viele Menschen mithilfe der Warn-App über eine mögliche Begegnung mit einem Corona-Infizierten informiert wurden. Das liegt an dem dezentralen Ansatz der App. Im Landkreis gab es bislang nur einen Fall, bei dem sich ein Bürger an die Behörde wandte, nachdem er über die Warn-App erfuhr, dass er Kontakt mit einem Infizierten hatte. Einige Reiserückkehrer haben über die App ihre Testergebnisse nach Einreise erfahren und dem Görlitzer Gesundheitsamt übermittelt. Die Anzahl ist aber relativ gering. 

Wenn an diesem Donnerstag nun die Bundeskanzlerin erneut mit den Ministerpräsidenten der Länder über die Corona-Lage spricht, dann werden vor allem die Szenarien für die nächsten Tage und Wochen im Mittelpunkt stehen. Was wird mit dem Schulbeginn in allen Bundesländern passieren? Wie geht es nach der klassischen Sommer-Urlaubszeit weiter? Das Kreis-Gesundheitsamt jedenfalls rechnet mit einer "zunehmenden Zahl von Neuinfektionen".

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