merken
PLUS Dynamo

Dynamo, Fiel und die Trennung - die Analyse

Die fünf großen Fehler des nun gescheiterten Trainers und wie die Fans über die Entlassung denken - das Online-Voting.

Was soll er machen? Dynamo ist sein Verein, das sagt Cristian Fiel auch jetzt noch. Den Ausweg aus der Krise fand er nicht, das führte zur Trennung.
Was soll er machen? Dynamo ist sein Verein, das sagt Cristian Fiel auch jetzt noch. Den Ausweg aus der Krise fand er nicht, das führte zur Trennung. © Christian Charisius/dpa

Er ist die beste Lösung. Cristian Fiel garantiert einen Stimmungsumschwung. Bei den Fans sowieso, aber auch in der Mannschaft, die er nach der Trennung von Uwe Neuhaus im August 2018 schon einmal für drei Wochen betreut hatte, selbst wenn das einzige Spiel gegen Heidenheim zu Hause mit 1:3 verloren worden war. Die Spieler hatte er damals schon emotional gepackt, und sie waren nach der unfruchtbaren Zusammenarbeit mit Maik Walpurgis erst recht bereit, ihm zu folgen.

Das war die Ausgangslage, als Fiel am 28. Februar vom Fußball-Lehrer-Lehrling und Nachwuchscoach direkt zum Cheftrainer bei Dynamo Dresden befördert worden ist. Politiker würden die Entscheidung alternativlos nennen, und das war sie im besten Sinne, vor allem ging sie auf. Bereits zwei Spieltage vor Schluss war mit einem 2:1-Heimsieg gegen St. Pauli der Klassenerhalt gesichert. Jetzt erst hatte Fiel die Möglichkeit, nicht nur trainingsmethodisch, sondern auch personell und inhaltlich Einfluss auf die Mannschaft zu nehmen. Doch dabei sind dem 39-Jährigen Fehler unterlaufen, die ihm jetzt zur Last fallen.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

1. Mit dem Kader zufriedengegeben

Ralf Minge hatte sich an den Pranger der Mitgliederversammlung gestellt. Der Sportdirektor trägt natürlich als Entscheider die Verantwortung. Zudem musste er Fiel schützen, der sein Trainer-Projekt war. Beide wollten mit weniger Spielern in diese Saison gehen. Doch letztlich hätte Fiel auf Verstärkungen bestehen können und – das ist die Erkenntnis der bisherigen 15 Spiele in der zweiten Liga – müssen. Er hat den Kader quantitativ und qualitativ offenbar falsch eingeschätzt.

So wurden mit Dario Dumic (jetzt Darmstadt) und Sören Gonther (Aue) zwei gestandene Profis fürs Abwehrzentrum abgegeben, nachgerückt ist lediglich Kevin Ehlers aus der eigenen Jugend. Das außergewöhnliche Talent des erst 18-Jährigen ist unbestritten, in einer Krisensituation in der 2. Bundesliga jedoch von ihm am wenigsten Stabilität zu erwarten. Die Alternativen fehlen.

Kevin Ehlers kam in dieser Saison aus der Jugendmannschaft.
Kevin Ehlers kam in dieser Saison aus der Jugendmannschaft. © Robert Michael/dpa

Auch im Angriff. Dynamo hat zwar mit Alexander Jeremejeff und Luka Stor zwei Stürmer verpflichtet, aber insgesamt sechs Offensivkräfte abgegeben, zuletzt mit Haris Duljevic (Olympique Nimes) und Lucas Röser (Kaiserslautern) zwei Optionen für die Spitze.

So sind die Dresdner zu schwach aufgestellt. Von der Ausgewogenheit nach Spielertypen und Körpergröße ganz zu schweigen. Im Winter passende Neuzugänge zu finden, wird schwierig, auch wenn dafür laut Minge mindestens 1,7 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Der Transfermarkt gibt mitten in der Saison weniger her.

2. Auf Erfahrung verzichtet

Es bleibt hypothetisch, ob es wirklich funktioniert hätte, aber Fiel hat nach Informationen der SZ auf die Option verzichtet, Alexander Meier zu holen. Der 36 Jahre alte Angreifer hatte für St. Pauli in der Rückrunde der Vorsaison in 16 Spielen sechsmal getroffen, insgesamt in seiner Karriere 276 Erst- und 105 Zweitligaspiele bestritten. Inzwischen steht er bei Western Sydney in Australien unter Vertrag.

Es fehlt Erfahrung – und die hätte auch dem Trainerteam gutgetan. Seinen Assistenten Patrick Mölzl, 38 Jahre, hatte Fiel direkt vom Fußballlehrer-Lehrgang mitgebracht. „So, wie wir arbeiten und uns menschlich verstehen, ist es perfekt“, erklärte Mölzl. 

Der bisherige Co-Trainer Patrick Mölzl wurde ebenfalls von seinen Aufgaben entbunden.
Der bisherige Co-Trainer Patrick Mölzl wurde ebenfalls von seinen Aufgaben entbunden. © Robert Michael/dpa

Bevor Fiel vorgestellt wurde, war allerdings darüber spekuliert worden, ihm würde ein erfahrener Co-Trainer zur Seite gestellt. Die Bild-Zeitung hatte Rainer Scharinger ins Gespräch gebracht, es soll aber mindestens einen weiteren, sehr ernsthaften Kandidaten gegeben haben.

3. Vier Kapitäne bestimmt

In Spanien sei es üblich, dass jener Spieler zum Kapitän ernannt wird, der am längsten im Verein ist. Das hatte Fiel nun bei Dynamo eingeführt und gleich vier Spielführer bestimmt: Marco Hartmann, Niklas Kreuzer, Jannik Müller und Patrick Wiegers. Für die Gruppe der jüngeren Spieler gehört Justin Leo Löwe zum Mannschaftsrat. Trotzdem ist keine klare Hierarchie zu erkennen. Hartmann hat in dieser Saison wegen verschiedener Verletzungen erst fünf Spiele bestreiten können, in den vergangenen beiden Jahren kam er in der zweiten Liga zusammen auf 33 Einsätze, also knapp die Hälfte aller möglichen. Es muss bezweifelt werden, dass er noch den nötigen Einfluss als Führungskraft hat.

Intern soll Patrick Ebert den Ton angeben. Wenn das so ist, sollte er die Mannschaft auch auf dem Platz anführen, also die Kapitänsbinde übernehmen. Derzeit fällt allerdings auch er verletzt aus. Ein anderer Leitwolf ist nicht auszumachen.

Patrick Ebert beim Spiel gegen Wiesbadens Anfang November.
Patrick Ebert beim Spiel gegen Wiesbadens Anfang November. © Robert Michael/dpa

4. Am Spielsystem festgehalten

Die Diskussion mochte er überhaupt nicht. Trotzdem muss sich der nun ehemalige Trainer jetzt erst recht die Frage stellen lassen, ob sein System zu den Spielern gepasst hat. Individuelle Fehler sind sicher nur bedingt darauf zurückzuführen, die allgemeine Verunsicherung dagegen schon. Wenn das schöne Spiel von hinten heraus nicht zum Erfolg führt, muss man es korrigieren. Das Lob der gegnerischen Trainer für den offensiven Stil und mutigen Weg, wie von HSV-Coach Dieter Hecking nach dem unglücklichen 1:2 in Hamburg, bringt nämlich keine Punkte.

Es mangelt vorn an Durchschlagskraft und hinten an der Abstimmung. Fiel hätte sein Konzept zwar nicht komplett über den Haufen werfen müssen, aber anpassen. Man kann auch in einem defensiv stabileren System guten Offensivfußball spielen.

5. Situation zu lange verkannt

Anfangs gab es keinen Grund, nervös zu werden. Mit dem 2:1-Sieg gegen Heidenheim am dritten Spieltag konnte der Fehlstart abgewendet werden, es folgten drei Unentschieden und ein Erfolg gegen Regensburg. Die deftige 1:4-Schlappe in Aue – kann passieren. Allerdings wirkte das Schockerlebnis nach, wie Minge eingeräumt hat. Von den folgenden sieben Partien hat Dynamo nur die gegen Wiesbaden zu Hause 1:0 gewonnen – eher mühevoll als überzeugend.

Weiterführende Artikel

Das Fiel-Missverständnis bei Dynamo

Das Fiel-Missverständnis bei Dynamo

Der Publikumsliebling ist gescheitert – als Trainer bei seiner Herzensangelegenheit. Doch ist das seine Schuld? Musste es nicht genauso kommen? Eine Spurensuche.

"Ab jetzt geht der Kopf wieder hoch"

"Ab jetzt geht der Kopf wieder hoch"

Das erste Kennenlernen ist vorbei - und Interimstrainer Heiko Scholz gefordert. Bei Sächsische.de sagt er, worauf es am Sonntag gegen Sandhausen ankommt.

Wussten Sie eigentlich, dass Heiko Scholz ...

Wussten Sie eigentlich, dass Heiko Scholz ...

... Dynamos erster Millionentransfer war? Dieses und weitere Geheimnisse aus dem Leben eines beinahe „vergessenen Dynamo-Helden“.

Was Minge zu Dynamos Krise sagt - und wie er es meint

Was Minge zu Dynamos Krise sagt - und wie er es meint

Der Sportchef stellt sich den Fragen von Journalisten. Es geht um Dynamos Zukunft - aber auch um seine eigene.

Fiel hatte darauf vertraut, dass man irgendwann belohnt werde, wenn man hart arbeitet und alles versucht. Aber konnte er diese Überzeugung den Spielern noch vermitteln? Wie ist dann ein Versagen der kompletten Mannschaft, wie er die Leistung gegen Kiel einstufte, zu erklären? Ist der Druck zu groß geworden oder war die Alles-wird-gut-Einstellung falsch? Aus der Krise hat sie jedenfalls nicht geführt. Sondern letztlich zur Trennung.

Mehr zum Thema Dynamo