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„Da gibt’s auf die Socken“

Detlef Irrgang, der Energie mit seinen Toren in den Profi-Fußball schoss und dem Ede Geyer dafür etwas versprochen hatte.

© Ronald Bonß

Detlef Irrgang freut sich auf dieses Spiel, auf das Ost-Duell heute Abend sowieso. Aber genauso auf den 16. Mai. Mit den „Lausitzer Legenden“ hat sich der einstige Torjäger von Energie Cottbus die Traditionself der Dresdner Dynamos zum diesjährigen Treffen eingeladen. Wie immer für den Freitagabend vor dem DFB-Pokalfinale. Doch ausgerechnet für den Tag ist auch das erste Relegationsspiel um den Verbleib in der 2. Fußball-Bundesliga angesetzt.

Der Vergleich mag ein wenig zu hoch gegriffen klingen, aber er trifft durchaus zu. „Alles, was der FC Bayern geworden ist, verdankt er Gerd Müller“, würdigte Franz Beckenbauer einmal den Mann, der sich für seine Trefferquote den martialischen Spitznamen „Bomber der Nation“ verdiente. Detlef Irrgang hat nicht so oft getroffen, trotzdem waren seine Tore mitentscheidend für den Aufstieg des FC Energie Cottbus Ende der 1990er-Jahre.

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„Die wichtigen Tore bleiben besonders in Erinnerung wie die beiden gegen Hannover in der Relegation um den Aufstieg in die zweite Liga 1997. Nach dem 0:0 im Hinspiel steht es 1:1, Jens Melzig fliegt mit Gelb-Rot vom Platz. Dann geht plötzlich das Licht im Stadion aus, bis heute weiß keiner so genau warum. Aber danach schieße ich das 2:1 und das 3:1 – der Aufstieg ist perfekt. Unbeschreiblich. Drei Jahre später brauchen wir den Sieg gegen Köln. Ich mache das 1:0, mein erstes und einziges Tor in dieser Saison. Vasile Miriuta erhöht auf 2:0 – Cottbus in der Bundesliga. Sensationell!“

Für Irrgang, der am Tag danach 34 wird, endet damit die Karriere. Im Freudenrausch verspricht ihm Eduard Geyer zwar noch einen Einsatz im Oberhaus, aber der Trainer bricht sein Wort.

„Im ersten Jahr hatte ich damit ziemlich zu kämpfen, empfand es als Undankbarkeit. Jetzt habe ich zu Ede einen guten Kontakt, und er sagt aus heutiger Sicht doch auch: Mensch, Irre, das war einer meiner Fehler; eigentlich hättest du das eine Jahr noch machen können. Das ist jetzt so lange her, man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Warum sollte ich deshalb noch griesgrämig sein. Ich hatte zum Karriereende den Höhepunkt mit dem Aufstieg in die erste Liga. Das kann mir keiner nehmen.“

Irrgang eckt öfter an mit dem Dresdner Geyer, aber der alleinerziehende Vater – Tochter Vivien ist jetzt 23 – kommt mit der impulsiven Art besser zurecht als einige Mitspieler.

„Ich habe mal auf St. Pauli nach meiner Einwechslung das 2:1 geschossen, 89. Minute, also eigentlich der Siegtreffer. Aber dann verliere ich einen Ball, der Gegner kontert, wir spielen nur 2:2. Wenn so etwas passierte, musste man Ede ein, zwei Stunden aus dem Weg gehen. Er ist so verrückt geworden, dass er in der Kabine die Taschen durch die Gegend geschmissen hat. Wer nicht aus seinem Augenwinkel verschwand, war dran. Jeder Spieler reagiert anders. Witold Wawrzyczek, der auch mal bei Dynamo spielte, hatte ein empfindlicheres Nervenkostüm. Wenn Ede ihn kritisierte, hat der eine Woche lang kaum einen Ball getroffen. Mir hat er Feuer gegeben, mein Gott, es ging weiter.“

Obwohl Geyer die Spieler hart rannimmt und rundmacht, stimmt das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Deshalb kommt auch er zu den Traditionstreffen.

„Wenn wir am Abend beim Bierchen in lockerer Runde die alten Geschichten erzählen, sorgen seine Sprüche immer noch für Lacher. Zum Beispiel der, als er Nachwuchsspielern vorwarf, sie würden leben wie die Nutten auf St. Pauli. Drei Tage später hat Energie dort gespielt, und die Damen vom Kiez standen für ihn Spalier. Heute weiß er selber: Es war der falsche Spruch zur falschen Zeit. Aber darüber hat sich Ede keinen Kopf gemacht. Wer weiß, wenn Energie im November ihn statt Stephan Schmidt geholt hätte, wäre ein Ruck durch Cottbus und die Region gegangen.“

Irrgang arbeitet nach seiner Karriere einige Jahre im Marketing des Vereins, anschließend als Mannschaftsleiter. Doch das Kapitel endet 2009 vor Gericht.

„Mir wurde ein Vertrag vorgelegt, in dem ein paar Punkte fehlten, die wir mündlich vereinbart hatten wie die Trainerausbildung. Ich sagte: Wenn das ergänzt wird, unterschreibe ich sofort. Zwei Tage später wurde mir fristlos gekündigt – ohne Angabe von Gründen. Deshalb musste ich vor das Arbeitsgericht ziehen, sonst hätte ich kein Arbeitslosengeld bekommen. Ich erhielt eine Entschädigung, dann trennten sich die Wege. Das war weder ein Sieg noch eine Genugtuung. Ich war 25 Jahre bei dem Verein, fast mein halbes Leben, werde Energie immer im Herzen tragen.“

Irrgang ist seit 2010 bei der Glasmanufaktur „Cristalica Kingdom“ in Döbern, einem Energie-Sponsor, für den Verkauf zuständig. Nebenbei schaffte er mit der SG Groß Gaglow als Trainer den Durchmarsch von der Kreis- in die Landesliga, beendete sein Engagement aber in der Winterpause. Die prekäre Lage der Cottbuser in der zweiten Liga sieht Irrgang mit großer Sorge – und stellt einen entscheidenden Unterschied zu seiner Zeit fest.

„Bei uns war auch nicht alles nur Sonnenschein, aber worauf sich die Leute verlassen konnten: auf diesen Kampf! Für uns gab es nur eins: Es geht voll zur Sache – oder wie man unter Fußballern sagt: Da gibt’s auf die Socken. Keiner ist gern nach Cottbus gekommen, und das lag nicht nur an der weiten Anreise. Wir haben in der ersten Viertelstunde so viel Feuer gemacht, dass der Funke aufs Publikum übergesprungen ist. Deshalb haben uns die Zuschauer leichter Fehler verziehen, als wenn man den Ball nur hin und her schiebt, bis man einen Fehlpass spielt.“

Mit dem Zwischenhoch unter Jörg Böhme haben es die Lausitzer zumindest geschafft, die Fans wieder hinter sich zu bringen. Das Ost-Duell heute Abend gegen Dynamo wird mit 19.000 Zuschauern fast ausverkauft sein.

„Heimspiele waren früher wie Festtage, die Euphorie in der Stadt und der Region spürbar wie ein Kribbeln. Allerdings war es das erste Mal für Cottbus: zweite Liga, erste Liga, Energie plötzlich die Nummer eins im Osten neben Rostock. Dresden spielte zwischenzeitlich viertklassig. Es ist schade, dass beide Vereine nun gegeneinander um den Klassenerhalt kämpfen müssen. Als Cottbuser drücke ich natürlich Energie die Daumen. Ich glaube nicht, dass es 0:0 ausgeht, sondern dass Tore fallen – 4:2.“

Notiert: Sven Geisler