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Höcke: „... dann werden die Parteien weniger wichtig“

Wie der MDR versucht, ein TV-Interview mit Thüringens AfD-Chef Björn Höcke zu führen - und dabei ebenfalls scheitert.

Geschickt wie ein Aal: Die Runde des MDR-Sommergesprächs ging an Björn Höcke.
Geschickt wie ein Aal: Die Runde des MDR-Sommergesprächs ging an Björn Höcke. © Screenshot: SZ

Es gibt sie immer wieder, die Momente der Wahrheit in Talkshows oder Einzelgesprächen von Journalisten mit Politikern. Im MDR-Sommerinterview mit Björn Höcke kam so ein Moment 13 Minuten nach Beginn der Sendung am Dienstag um 11 Uhr. Da sagt Thüringens AfD-Fraktionsvorsitzender zum Thema Volksabstimmung auf Bundesebene: „Wenn wir die nämlich haben, dann werden die Parteien auch weniger wichtig. Und ich glaube, das täte diesem Land wirklich gut.“

Zwar erkennt Moderator Lars Sänger, was das in letzter Konsequenz bedeuten könnte: „die Überwindung des Parlamentarismus“. Höcke widerspricht dem nicht. Doch statt nachzuhaken, ob Höcke ernsthaft die alte NPD-Forderung teile, das System der Repräsentativen Demokratie aushöhlen und damit faktisch abschaffen wolle und was dann an dessen Stelle treten solle, sagt Sänger nur: „Ich glaube, das ist eine Frage, die nicht alle so sehen, wie Sie das sehen“ – und belässt es dabei.

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Dieser Moment der Wahrheit beim MDR-Sommerinterview illustriert noch einmal die generelle Wahrheit solcher TV-Formate: Sie bergen ein grundsätzliches Problem, nicht nur dann, aber insbesondere, wenn es sich bei dem Gesprächspartner um einen politischen Extremisten wie Björn Höcke handelt. Egal, wie gut sich die Moderatoren darauf vorbereitet haben und wie entschieden sie eingreifen, immer hat der Gast Gelegenheit, nicht gleich auf Fragen zu antworten, sondern ihnen auszuweichen und stattdessen seine politischen Botschaften von sich zu geben – ein ständiges sofortiges Unterbrechen wäre unhöfliche und auf Dauer unmögliche Interviewführung. Das nutzen Gäste aller Parteien weidlich aus. Natürlich auch Björn Höcke.

Ein Skandal der „Gottkanzlerin“

So kann der gewiefte und exzellent präparierte Rhetoriker ausführlich von sich geben: Dieses Land ginge gerade „vor die Hunde“, die Regierung fahre unter der „Gottkanzlerin“ die Wirtschaft an die Wand, nehme der Bevölkerung deren Freiheitsrechte und gefährde die Identität des Landes durch millionenfache Masseneinwanderung. Von Sängers Frage nach der „Trickserei“ der AfD bei der Thüringer Landtagswahl mit der Schein-Aufstellung eines eigenen Kandidaten, den dann niemand gewählt hat, lenkt Höcke geschickt ab: „Der Skandal“ sei „eigentlich die Einmischung von Frau Merkel“ gewesen. Die gleiche Ausweichstrategie glückt ihm nach Sängers Hinweis auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über Höckes inzwischen aus der AfD ausgeschlossenen Brandenburger Kollegen Andreas Kalbitz: „Dieser Verfassungsschutz ist ein Regierungsschutz, sie ist eine illegitime Behörde, sie ist mit dem Rechtsstaatskonzept des Grundgesetzes nicht vereinbar.“ So hartnäckig Sänger auch versucht, ihn zu konkreten Antworten auf seine konkreten Fragen zu drängen; Höcke ignoriert es und gleitet ihm zwischen den Worten hindurch. Vor allem beim Thema Corona, wo er besonders punkten kann, selbst mit fragwürdigsten Zahlenjonglierereien durchkommt („Die Zahlen steigen nicht.") und Sängers Einwände einfach überspricht.

Dem RBB hat Ähnliches vor wenigen Wochen einen Eklat beschert, als Kalbitz von der ungleich schlechter als Sänger vorbereiteten Moderatorin mit Samtpfötchen angefasst wurde. Diese Bankrotterklärung hatte zur Folge, dass der Sender seine Sommerinterview-Reihe eingestellt hat. „Es zwingt uns niemand, ein solches Konzept zu verfolgen“, so damals RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein. Und: „Nicht nur ich halte das gesamte Format für veraltet.“ Dessen Grundgedanke ist politische Aufklärung. Man will den Bürgern ermöglichen, sich auch in der Parlaments-Sommerpause eine Meinung über relevante Politiker und deren Ansichten zu bilden. Was inzwischen tatsächlich veraltet ist, schließlich macht die Politik selbst schon lange keine Sommerpause mehr.

Das TV-Format hat sich erledigt

Dass öffentlich-rechtliche Sender ihre Gesprächspartner anders auswählen, klare Grenzen ziehen und solche politischen Extremisten wie Kalbitz und Höcke erst gar nicht einladen, untersagt der Rundfunkstaatsvertrag: Wer eine Interviewreihe mit Landtagsfraktionschefs durchführt, darf Vertreter bestimmter Parteien nicht übergehen. Auch dann respektive erst recht nicht – und hier wird das Problem ein ostdeutsches –, wenn die Partei AfD heißt und so stark ist wie in den Ländern zwischen Ostsee und Erzgebirge. Die Crux: Hier ist sie auch so radikal wie nirgendwo sonst. Allen voran Kalbitz und Höcke.

Der MDR wusste, welches Risiko er eingeht. Nicht zuletzt durch teils heftige Proteste aus den eigenen Reihen. Man hat versucht, dem durch intensive Vorbereitungen auch des Moderators zu begegnen. Gebracht hat es wenig. Die Runde ging an Björn Höcke, der alle Freiräume für seine Agenda nutzen konnte, auf kaum eine Frage konkret antwortete und sich wie schon 2019 beim gescheiterten ZDF-Interview den versuchten Gesprächslenkungsversuchen von Sänger entwand wie ein Aal.

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Was letztlich zeigt: Mit den grundsätzlichen Problemen dieses Formates lässt sich leben, sofern es sich bei den Gesprächspartnern nicht um radikale Extremisten handelt. Doch eine politische Gegenwart, in der Faschisten und Rassisten wie Höcke und Kalbitz zu Parteiführern aufsteigen können, stellt an die Form der Sommerinterviews endgültig die Gretchenfrage.

Das Interview zum Nachsehen beim MDR.

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