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Das andere Idyll

Ein neuer Bildband zeigt die Arbeiten des Lausitzer Fotografen Gerald Große – zupackend und still zugleich.

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© Domowina Verlag/ Gerald Große

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Ganz leicht geht der Wind. Und ein bisschen frostig mögen die Hände an diesem Ostertag vor 50 Jahren schon gewesen sein. Die Laubbäume sind noch kahl. Doch die vier Herren mit Tuba, Tenorhorn und Horn trotzen der Kälte beim Osterblasen in Cunewalde. Der Fotograf Gerald Große hat den Augenblick eingefangen. Zu sehen ist er in einem neuen Bildband aus dem Domowina-Verlag. „Lausitzer Fotografien/Wobrazy z £užicy“ heißt die Auswahl, die Jürgen Matschie zusammengestellt hat.

Der Fotograf Gerald Große wurde 1942 in Cunewalde geboren. Heute lebt er meist in Wien.
Der Fotograf Gerald Große wurde 1942 in Cunewalde geboren. Heute lebt er meist in Wien. © Jürgen Matschie
Der Bildband „Gerald Große – Lausitzer Fotografien“ erscheint in den kommenden Tagen im Domowina-Verlag.
Der Bildband „Gerald Große – Lausitzer Fotografien“ erscheint in den kommenden Tagen im Domowina-Verlag. © Repro:SZ

Bereits zum fünften Mal stellt sich der Bautzener Fotografiker damit in den Dienst seiner Kollegen. In den vergangenen drei Jahren sichtete er alle Negative mit Aufnahmen aus der Lausitz von Gerald Große. Mit geübter Distanz kamen so 500 bis 600 Bilder für das Buch in die engere Auswahl. „Ich achte darauf, dass die Bilder für die fotografische Handschrift und die Zeit sprechen. Außerdem müssen sie etwas erzählen. Die Geschichten entstehen im Kopf“, sagt der Herausgeber mehrerer Fotobände. So erschienen im Domowina-Verlag in den vergangenen Jahren bereits Monografien mit Arbeiten von Kurt Heine, Pawo³ Rota, Erich Schutt und Erich Rinka.

Beim Durchblättern des neuen Buchs werden wohl viele Leser ein Stück der eigenen Geschichte entdecken. Gleich die ersten Seiten zeigen ein paar halbstarke Jungs beim Ziegelputzen im Jahr 1959. Gerald Große macht seinerzeit gerade die ersten zaghaften Versuche mit der Kamera. Der Fotograf wird 1942 in Cunewalde geboren. Sein Vater kommt aus der Mechanischen Weberei J. G. Große, die 1862 der Ur-Urgroßvater Johann Gottlieb Gottlob Große als Weber gründete. Die Mutter ist die Tochter des kaufmännischen Direktors der Mechanischen Flachsgarnspinnerei Hainitz bei Großpostwitz.

Foto-AG gegründet

Die Welt des kleinen Knirpses könnte glücklich sein. Doch der Vater fällt im Sommer 1943 am Asowschen Meer beim Rückzug der Wehrmachtsverbände nach der Niederlage von Stalingrad. In den elterlichen Betrieben wird statt Friedensware Material für den Krieg produziert. Nach dem Fall des Nationalsozialismus dauert es nicht lange, dass die beiden Unternehmen durch die sowjetische Militäradministration enteignet werden. Der Großvater kommt in ein Internierungslager in der Nähe von Königswartha. Er ist einer der wenigen, die diese Tortur überleben, erinnert sich Gerald Große.

Das Dorf in der Heide wird zum neuen Lebensmittelpunkt der Familie. Die Mutter schlägt sich für den Sohn und die Eltern mit einem kleinen Laden durch. Auf der Straße lernt Gerald Große von den Kindern die ersten sorbischen Sätze. Ab 1957 geht er auf die Sorbische Oberschule. Dort steht ein eingerichtetes Fotolabor leer. Der Jugendliche gründet mit Freunden eine Foto-AG und tastet sich ganz langsam an die neue Leidenschaft heran. Sein erstes Foto, das die sorbische Tageszeitung „Nowa doba“ druckt, ist jenes, dass seine Mitschüler beim Ziegelputzen zeigt.

Ernüchterung nach dem Praktikum

Damals denkt Gerald Große noch nicht daran, mit seinen Bildern weit über die Grenzen der kleinen DDR bekannt zu werden. „Stattdessen raten ihm die Lehrer, in Merseburg Chemie zu studieren – für den neuen sorbischen Musterbetrieb, den VEB Feuerfestwerke Wetro“, sagt Jürgen Matschie. Doch beim Praktikum in den Leuna-Werken folgt die Ernüchterung. Am liebsten würde er Reißaus nehmen. Doch ein Betreuer appelliert an die Vernunft des jungen Mannes, der inzwischen auch seine Mutter verloren hat. Widerwillig absolviert er eine Lehre zum Chemiefacharbeiter.

Die Kamera begleitet ihn aber auch in diesen Zeiten. „Gerald Große wusste zupackend zu fotografieren. Das Grafische lag ihm ebenso wie das Reale“, sagt Jürgen Matschie. Über die Betriebszeitung kommt er schließlich zur Pressefotografie. Doch seine Bilder sind den Redaktionen oft zu realistisch und zu wenig sozialistisch. Gleichzeitig träumt der Fotograf von einem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Nach mehreren Bewerbungen ist es 1966 soweit. Das Spiel mit Licht und Schatten, weichen und scharfen Kanten, wird sein neues Metier.

Obwohl Gerald Große längst fern der Heimat in Halle/Saale neue Wurzeln schlägt, kehrt er immer wieder in die Lausitz zurück. Der Domowina-Verlag entdeckt seinerzeit gerade, dass Bildbände die neuen Verkaufsschlager sind. Seine „Lausitzer Impressionen“ erhalten 1972 die Auszeichnung „Schönstes Buch der DDR“. Im folgenden Jahr gibt es den Preis gleich noch einmal, für „Budissin – Bautzen. Bilder aus dem Leben einer tausendjährigen Stadt“. Andere Verlage werden auf ihn aufmerksam. Fortan bestimmen Buch- und Kalenderprojekte sein fotografisches Schaffen. Seine Bildbände machen ihn zwischen Ostsee und Thüringer Wald bekannt.

Wahlheimat Wien

Inzwischen verbringt Gerald Große die meiste Zeit in seiner dritten Heimat Wien. Mit der Kamera ist er immer noch unterwegs. Die letzten Bilder im Buch sind aus der Wendezeit, danach verabschiedete sich der Freiberufler vom Schwarz-Weiß-Film. Überdies unterscheidet sich in Matschies Auswahl von den bereits publizierten Fotografien. Da steht die Idylle des Spreewaldes dem Bild eines Pferdes im Cottbuser Neubaugebiet gegenüber. Auch ein Idyll, nur eben ein anderes. Da gibt es den urigen Köhler mit rauchendem Kohlemeiler und das schnaufende Boxberger Kraftwerk. Da stehen Szenen aus dem sorbischen, ländlichen Leben neben grafischen Naturaufnahmen aus dem Cunewalder Tal. So entstehen aus den Bildern und ihrem Wechselspiel neue wunderbare Geschichten.

Der Bildband „Gerald Große – Lausitzer Fotografien“ erscheint in den kommenden Tagen im Domowina-Verlag Bautzen. Das Buch kostet 19, 90 Euro.

Buchpremiere ist am 4. April in der Bibliothek
in Königswartha um 19 Uhr.