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Das Dorf der Diskotheker

Gelenau feiert am Wochenende die 20. Auflage der Musiktage im April. Und die alten Haudegen legen immer noch auf.

Von Ina Förster

Rente? Nö! Wenn es nach Zahlen ginge, wäre Dieter Guhr lange ran. „Aber ich habe nicht vor, mich als DJ zur Ruhe zu setzen. Wenn möglich, würde ich den Altersrekord brechen“, sagt er. Wo der liegt, weiß er zwar nicht, aber ein paar Jährchen hat er sich noch vorgenommen. Überall kennen ihn alle unter dem Spitznamen „Charly“. So beginnt auch der Name seiner Diskothek, mit der er viele Jahrzehnte die Säle unsicher machte. Mittlerweile legt das Urgestein zwar mehr auf Hochzeiten und Geburtstagen auf. „Aber das hat auch seine Vorteile. Die Verpflegung stimmt jedenfalls immer“, lacht der 64-Jährige. Die Kollegen nicken zustimmend. Auch Jürgen Mauermann hat mit seinen 53 Jahren schon einiges erlebt in der Branche. Der Gelenauer führt Chronik darüber. Zeitungsfotos und Artikel füllen den Ordner. Die meisten stammen allerdings von den Musiktagen.

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Die Schülerband der 1. Oberschule in Kamenz „TimeLESPRII“ hat am Sonntagnachmittag ab 15 Uhr ihren großen Auftritt. Nachwuchs hatte in Gelenau schon immer gute Chancen. Davor tritt „Kamenz can dance“ auf.Foto: PR
Die Schülerband der 1. Oberschule in Kamenz „TimeLESPRII“ hat am Sonntagnachmittag ab 15 Uhr ihren großen Auftritt. Nachwuchs hatte in Gelenau schon immer gute Chancen. Davor tritt „Kamenz can dance“ auf.Foto: PR

Selbige finden an diesem Wochenende zum 20. Mal statt. Jedenfalls die April-Ausgabe. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Seit heute wird auf dem Gelenauer Sportplatz aufgebaut. Neben dem Sportverein sind vor allem sämtliche DJs am Wirbeln. Denn die haben die kultigen Musiktage vor zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen. „Das Sportfest lief schon länger, aber wir wollten etwas Party am Abend beisteuern“, erzählt Torsten Hübner. Mit seinen 43 Jahren ist er ein Jungspund. Am DJ-Pult steht er mittlerweile seltener, aber dafür kümmert er sich um die Werbung. Am Sonnabend steuert er natürlich ein paar Scheiben bei. Das ist Pflicht! „Da wir damals sechs DJs im Ort waren, kamen wir auf die Idee, einmal im Jahr gemeinsam auf der Bühne zu stehen.“ Den Gedanken hatte DJ Maik Prechtel übrigens schon fünf Jahre früher gehabt. „Wir haben uns erinnert und losgelegt.“ Aus der Spinnerei wurde schnell Kult. Und aus anfänglich 180 Gästen ganze 5000! „Zuerst haben wir gedacht, die Leute könnten uns auslachen, wenn wir da in einer Reihe im Festzelt stehen. Jeder drei Titel, danach Wechsel. So läuft das übrigens immer noch. Aber das Gegenteil war der Fall“, sagt Dieter Guhr. „Die Leute haben getobt und das kleine Zelt platzte bald aus den Nähten!“

Auch, weil man sich bald prominente Verstärkung organisierte. Anfangs wurden ostdeutsche Künstler wie Günthi Rößler, Olaf Berger oder Uta Bresan gebucht. „Dann kam 1998 die Diskussion um einen ‚Wessi‘ auf“, so Jürgen Mauermann. Aber keiner kannte Oliver Frank. Schnell holte jemand ein Kassettendeck in die Sporthalle und alle hörten in die neue Scheibe. „Italienische Sehnsucht“ war damals sein Sommerhit. Die Gelenauer haben ihn gebucht und hatten Erfolg. Heute können sie auf eine ganze Reihe Stars zurückblicken: Andrea Jürgens, Fernando Express, Andreas Martin, Bernhard Brink, Achim Petry, Guido Hoffmann, Jörg Bausch, Laura Wilde, Anna-Maria Zimmermann, Sylvia Martens – um nur einige zu nennen. Auch Helene Fischer sang hier 2007 noch für „kleines Geld“. Ein absoluter Glücksgriff, klopfen sich die Gelenauer DJs heute auf die Schulter. Im Jahr darauf hätten sie das Doppelte bezahlt. Noch ein Jahr später das Zehnfache. Und dem Popduo „Cora“ haben die Gelenauer irgendwie auf die Karriere-Beine geholfen. „Die glaubten wirklich, wir veräppeln sie, als wir sie 2003 anriefen. Keiner wolle ihre Musik hören, meinten sie. Aber wir beharrten darauf und erzählten, dass ihr Song ‚Amsterdam‘ im Osten ein Hit sei. Sie kamen und machten eine super Show“, so Mauermann. Bevor sie zu den Musiktagen fanden, hatten sie Plakate von „Deep Purple“ auf der Hutbergbühne gesehen. Als sie den Menschenauflauf in Gelenau von Weitem sichteten, dachten sie: Hier spielt bestimmt Deep Purple! Hier sind wir falsch! Zum Tag der Sachsen sah man sich wieder. Die beiden Damen bedankten sich noch einmal, dass es seit dem Gelenauer Auftritt wieder mit der Karriere geklappt hatte. Welch eine Geschichte!

An diesem Sonnabend hat man übrigens Schlagernachwuchs gebucht: Marc Madison aus Bernsdorf. Gefeiert wird in zwei großen Partyzelten. „Wir fanden in den Neunzigern schon zehnmal 30 Meter riesig. Da wurde das Bier aus der Baracke herausgezapft. Alles war spartanischer. Vielleicht aber ein bisschen gemütlicher“, sagt Guhr. Noch heute finden Ende April trotzdem alle mit viel Spaß zusammen: Charlys Leierkiste, der Schlagerservice Gelenau, Das aktuelle Sportstudio, die Fantasia Diskothek, Starlight Diskothek sowie Paradise Diskothek. Und im House-Electro-Floor nebenan tobt sich der DJ-Nachwuchs des Ortes aus. Der nennt sich etwas anders. Doch in den Adern fließt dasselbe DJ-Blut. M.I.R.O., Ricardo Fuego oder Romano Meinert sind seit Jahren dabei und haben einen Namen in der Szene. Die Jungen mit den Alten – das klappt, das bedeutet gegenseitiger Respekt und immer wieder ein kleines „Hut ab“ vor der Leistung des anderen. Auch deshalb ist Gelenau das Dorf der Diskotheker. Das hat Hans-Joachim Wolfram ebenfalls mit seinem „Außenseiter-Spitzenreiter“-Team 2010 erkannt. Da ging es darum, wer die meisten Plattenaufleger im Dorf hat. Gelenau machte das Rennen. Der Slogan „Ein Ort – sechs Diskotheken“ hatte sich damals bis zum MDR herumgesprochen. Und obwohl es seit Jahren zehn DJs in Gelenau gibt – der Spruch bleibt!

www.musiktage-gelenau.de.