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Das Elend im Untergrund

In Niederschlesien entstanden ab 1943 unter dem Namen „Riese“ geheime Stollen, angelegt vor allem von KZ-Häftlingen.

Im Stollen Walim im Eulengebirge können sich Besucher unter anderem Zeichnungen eines Ungarn anschauen, der das Grauen des Arbeitslagers heimlich festgehalten hat. Auch die Misshandlungen von Gefangenen hat er dokumentiert.
Im Stollen Walim im Eulengebirge können sich Besucher unter anderem Zeichnungen eines Ungarn anschauen, der das Grauen des Arbeitslagers heimlich festgehalten hat. Auch die Misshandlungen von Gefangenen hat er dokumentiert. © Irmela Hennig

Eine Glühbirne hat der Großvater von Łukasz Kazek im Sommer 1945 aus dem Tunnel von Wüstewaltersdorf geholt. „Hergestellt von Siemens“, erzählt der Pädagoge, Journalist und Hobbyhistoriker. Seine Familie sei die erste polnische gewesen, die nach der Vertreibung der Deutschen hier angesiedelt wurde. Ganz in der Nähe der Stollen, die die Nationalsozialisten bis zum letzten Kriegstag ins Gneisgestein des Eulengebirges hauen ließen. Von Kriegsgefangenen, von KZ-Häftlingen. Erst am 8. Mai 1945 verschwanden die deutschen Soldaten, Befehlshaber, Aufseher. Sie hatten keine Zeit, noch Baumaterial, Werkzeug oder gar Glühbirnen beiseite zu räumen. „Drei, vier Stunden später rückte die Rote Armee an“, sagt Łukasz Kazek.

„Riese“ hieß das Projekt, bei dem unter dem Gebirge von Ende 1943 bis 1945 mehrere Tunnelsysteme angelegt wurden. Möglicherweise sollte hier ein weiteres Hauptquartier für Adolf Hitler entstehen. Vielleicht auch eine unterirdische Forschungsanlage zum Bau von Raketen oder der erhofften „Wunderwaffe“, mit der man den Krieg gewinnen wollte.

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Lukasz Kazek (40) ist Journalist und befasst sich seit Jahren mit der Geschichte des Projekts „Riese“.
Lukasz Kazek (40) ist Journalist und befasst sich seit Jahren mit der Geschichte des Projekts „Riese“. © Irmela Hennig

Łukasz Kazek zählt sechs Stollen auf, die geschaffen wurden, drei davon sind zugänglich. Drei weitere seien noch vorhanden und bekannt, aber zu marode und noch nicht weiter erforscht. Hinzu kommt die Anlage unter Schloss Książ (Fürstenstein) bei Walbrzych. Sie wurde vor Kurzem saniert und ist nun für Besucher geöffnet. So wie der Stollen Walim, benannt nach dem polnischen Ortsnamen für Wüstewaltersdorf und gelegen beim Örtchen Dorfbach, heute Rzeczka. Am Tunnel steht Łukasz Kazek, einen Helm auf dem Kopf. Ohne darf niemand in die 2.500 Quadratmeter große unterirdische Welt, die seit 1997 besichtigt werden kann. „Nach der Wende wurden hier die großen Textilfabriken geschlossen. Die Menschen hatten keine Arbeit mehr. Wir wollten etwas Neues schaffen, Gästen die Region zeigen. Darum wurde der Stollen geöffnet“, erzählt Łukasz Kazek, der hier erster „Bergführer“ gewesen ist und gut Deutsch spricht. Nun kommen 80.000 Interessierte pro Jahr, vor allem aus Polen und Deutschland. Seit Kurzem ist der Stollen Teil einer neuen touristischen Route. Sie heißt „Geheime Untergründe“ und verbindet neun Stationen.

Es ist feucht im Berg. Elektrische Lampen sorgen für etwas Licht. Ein Teil der Wände ist behauen, andere Abschnitte sind betoniert. Per Knopfdruck kann Łukasz Kazek einen Luftangriff mit Flugzeuggeräuschen und Sirene simulieren, den es hier so aber nie gegeben hat. „Das ist für die Touristen und Schulklassen, damit sie sich das vorstellen können.“ Für die britischen Bomber sei die Region zu weit weg gewesen. „Und die Anlage war im dicht bewaldeten Gebirge auch schlecht auszumachen“, erzählt der Journalist. Mehrere Zeitzeugen hat er seit den 1990-er Jahren getroffen und befragt. Vor allem Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die dem Lager Groß Rosen zugeordnet waren und hier schuften mussten. Wie viele es waren – da schwanken die Zahlen. Offiziell sollen 13.000 Häftlinge in den verschiedenen Standorten des Arbeitslagers „Riese“ untergebracht gewesen sein. Kazek glaubt, dass es mehr waren. Er spricht von 28.000 Menschen – Polen, Franzosen, Juden, Ungarn, Italiener vor allem.

Unter ihnen war Imre Hollo, Zahnarzt aus Ungarn. 1944 nach Auschwitz deportiert, dann zur Arbeit an den Stollen des Eulengebirges gezwungen. Seine Erlebnisse und die anderer Gefangener hat Hollo auf Papier festgehalten. Er hat auf den Rückseiten von Werbezetteln einer ehemaligen Teppichfabrik gezeichnet, die als Gefangenenlager genutzt wurde. Die Bilder zeigen völlig abgemagerte Menschen, oft gepeinigt von Aufsehern. Auch Lagergebäude hat der Ungar gezeichnet. Verborgen hat er die Bilder unter anderem in Strohsäcken der Typhusstation, wo erkrankte Häftlinge untergebracht waren. Eigentlich wollte Hollo die Bilder in Flaschen stecken und vergraben. Da er die Lagerzeit aber überlebte, konnte er sie mitnehmen. Die Originale sind im Nationalmuseum Budapest ausgestellt. 49 Kopien hängen an den Betonwänden des Walim-Stollens.

© SZ-Grafik

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