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Das krumme Leben des Pegida-Chefs

Tausende demonstrieren seit Wochen in Dresden gegen eine „Islamisierung des Abendlandes“. Ihr Wortführer Lutz Bachmann sieht sich in der bürgerlichen Mitte. Das ist eine gewagte These.

Von Alexander Schneider, Ulrich Wolf, Tobias Wolf und Heinrich Maria Löbbers

Vater, Mutter und Kinder

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Christstollen, um den sorgt sich derzeit Lutz Bachmann. Den werde man wohl bald nicht mehr nennen dürfen, fürchtet der Mann, der besonders gerne Döner und Donuts isst. So weit werde es bestimmt noch kommen mit der Islamisierung in Deutschland, dass es irgendwann sogar dem Weihnachtsbaum an den Kragen gehe, wettert er.

Ins Stocken geraten: Der Pegida-Protestzug wurde gestern Abend erstmals von Gegendemonstranten gestoppt. Foto: Kairospress
Ins Stocken geraten: Der Pegida-Protestzug wurde gestern Abend erstmals von Gegendemonstranten gestoppt. Foto: Kairospress

Es ist wieder mal Montagabend in Dresden, und wieder mal redet Bachmann über die angebliche Gefährdung des christlich-jüdischen Abendlandes. Er selbst sei kürzlich aus der Kirche ausgetreten, sagt er. Von „unsäglicher Asylpolitik“ ist die Rede, von kriminellen Flüchtlingen und – das Thema ist neu – von armen Rentnern, „die sich kaum ein Stück Stollen leisten können“.

Diesmal sind es etwa 7 500, die – wie schon seit Wochen – bei der Kundgebung der Pegida, der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, dem Redner zujubeln und „Wir sind das Volk“ rufen. Sie applaudieren auch, als er „beim Thema Kriminalität“ auf sich selbst zu sprechen kommt.

Der 41-Jährige sieht sich gezwungen, in die Offensive zu gehen, weil unangenehme Details über seine Vergangenheit kursieren. „Auch ich habe ein Vorleben“, gibt Bachmann zu. „Aber ich stehe dazu.“ Es gehe um Eigentumsdelikte und Schwarzfahren in Verbindung mit Betäubungsmitteln. „Fehler, die zwischen fünf und 20 Jahren zurückliegen, für die ich schon geradestehen musste. Meine persönlichen Fehler haben nichts mit Pegida und unseren Zielen zu tun.“

Pegida ist quasi aus dem Nichts entstanden. Am Anfang sei eine kleine Facebook-Gruppe gewesen, erzählt Bachmann in seinem bislang einzigen Interview zu Pegida der Bild-Zeitung. Dass daraus so schnell eine so große Bürgerbewegung geworden ist, überrascht ihn offenbar selbst. „Ich hätte nie gedacht, dass es so einschlägt“, sagt er der Bild.

Pegida ist der zweifellos größte Erfolg im Leben eines Mannes, der zu Selbstdarstellung und -inszenierung neigt. Sein Leben in den vergangenen drei Jahren ist quasi für jedermann im Internet nachzulesen: von der Zahnwurzel-OP über Urlaubsreisen bis hin zu seiner Ehe und dem Hund Bärbel. Mitunter grenzt das an Schamlosigkeit, etwa wenn er über Frauen schreibt: „meine fresse sind die geldgeilen nutten auf pro7 hohl und stutenbissig!“ Oder das Foto eines üppigen Busens mit dem Kommentar versieht: „ich komm mit ner nescherin – ups, sorry, ner vertreterin des negriden bevölkerungskreises heim.“

Ist das jene „christlich-jüdische Abendlandkultur“, die Bachmann vom Islam bedroht sieht? Entspricht es dem von ihm geforderten „respektvollen Umgang aller Menschen miteinander“, wenn er über die Grünen twittert: „Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen! ... allen voran Claudia Fatima Roth!“? Heute sagt er dazu, jeder schieße doch mal über das Ziel hinaus, auch er.

Bei den Pegida-Demonstrationen trägt Bachmann meist einen Parka. Der Dreiwochenbart und seine hünenhafte Figur lassen ihn entschlossen aussehen. Er selbst verortet sich in der „bürgerlichen Mitte“. Sein Leben aber ist bislang wenig „bürgerlich“ verlaufen.

Der gebürtige Dresdner ging in den 1980er-Jahren in Coswig zur Schule, sein Vater führte dort eine Fleischerei. Die benachbarte Blumenhändlerin erinnert sich, dass „der kleine Lutz“ manchmal im Laden ausgeholfen habe. 1992 gründet der dann nicht mehr so kleine Lutz nach eigenen Angaben eine Foto- und Werbeagentur, landet aber danach mehrfach vor Gericht: wegen Körperverletzung und Fahrens ohne Führerschein.

Als Bachmann 25 ist, kommt er erstmals in die Schlagzeilen. Wieder wird dem Mann, der heute bei Pegida für eine „Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Zuwanderern“ eintritt, der Prozess gemacht. In seinem „schicken Anzug“ sehe er aus wie der „nette Mann von nebenan“ schrieb damals die Presse.

Vor dem Landgericht Dresden stellt sich heraus, dass Bachmann 16-mal bei Firmen in Dresden und Umgebung eingebrochen war. Zudem hatte er versucht, seine damalige Freundin zur Falschaussage anzustiften; sie sollte ihm Alibis für die Einbrüche verschaffen. Vor dem Landgericht Dresden gibt Bachmann an, gelernter Koch zu sein, führe inzwischen aber einen Handyladen in Cottbus. Er gibt die Diebstähle zu und gesteht reumütig. Die Richter verurteilen ihn zu drei Jahren Haft, wenige Monate darauf kommen weitere acht Monate hinzu, erneut wegen Fahrens ohne Führerschein.

Bachmann wird nicht wie ein krimineller Asylbewerber abgeschoben, er haut aus eigenem Antrieb ab. In der Bild-Zeitung räumt er ein, damals nach Südafrika geflüchtet zu ein. Dort habe er in Kapstadt „die erste Disco für Schwarze in der Innenstadt“ mit aufgemacht. Im Internet hingegen gibt er an, von 1998 bis 2000 an der Universität von Kapstadt ein Grafik- und Designstudium absolviert zu haben. Auf Anfrage teilt die Hochschule jedoch mit, ein Lutz Bachmann sei in den Einschreibungsunterlagen nicht zu finden. Ebenso wenig ein „Hancock“ Bachmann, wie sich der Pegida-Chef mitunter auch zu nennen pflegt. Zudem, so die Universitätssprecherin in Kapstadt, biete man gar keine Grafik- und Designstudiengänge an. Nach eigenen Angaben fällt Bachmann dann doch den Entschluss, sich der deutschen Justiz zu stellen, „wenngleich sehr spät“. Im Februar 2001 rückt er in die Justizvollzugsanstalt Dresden ein, bleibt dort 14 Monate, der Strafrest wird zur Bewährung ausgesetzt.

Auf den Straßen Dresdens kämpft Bachmann mit Pegida dafür, dass „für unsere Kinder ein Deutschland bewahrt wird, das in der ganzen Welt als das Land der Dichter und Denker berühmt und geschätzt ist“. In diese Richtung unternimmt er nach seiner Haftstrafe tatsächlich einen Anlauf. Nicht als Dichter, aber erneut als Werbemann.

Seine Agentur nennt er Hotpepperpix, er bietet Internetdienstleistungen an. In der Selbstdarstellung ist von einer engen Zusammenarbeit und langjährigen Erfahrungen „mit namhaften Medien aus aller Welt“ die Rede. Die Angebots-Palette reiche vom „einfachen Passfoto über Hochzeitsfotografie und Sport-Event-Bildern bis hin zur allgemeinen Pressefotografie und dem künstlerischen Akt.“ Als Firmensitz fungiert zunächst eine Wohnung im Dresdner Stadtteil Kaditz. Ein ehemaliger Nachbar erinnert sich noch gut an Bachmann. „Der hat hier gut fünf Jahre gewohnt und für mich sogar ein paar Brocken Afrikaans gesprochen.“ Unter Bachmanns Werbekunden finden sich einige, die man nicht gleich der „bürgerlichen Mitte“ zuordnen würde: etwa der Leipziger Erotikklub „Medusa“, die Tabledance-Bar „Angels“ in Dresden oder das Bordell „Haus Hamburg“, für das – in Anspielung auf die frühere Abwrackprämie – die Agentur Faltblätter für eine „Abfuck-Prämie“ entwirft.

Auch Dresdens bekanntester Nachtklubbesitzer, Wolfgang „Wolle“ Förster, gehörte zu Bachmanns Kunden. Auf Nachfrage sagt Förster, der heutige Pegida-Chef habe als Selbstständiger Werbeaufträge von ihm übernommen. „Ich halte ihn für einen Computerfachmann, der im Guten wie im Bösen alle Tricks drauf hat.“ Dass Förster immer noch Inhaber der Internetdomain von Bachmanns Agentur ist, überrascht ihn. „Davon weiß ich nichts“, sagt Förster.

Nach SZ-Informationen ist Bachmann zu jener Zeit auch für den Nachtklub „Angels“ in Leipzig tätig. Dort lernt er seine spätere Freundin kennen, eine 15 Jahre jüngere Tänzerin. Beide ziehen 2009 nach Dresden und werden im Spätsommer jenes Jahres mit Kokain erwischt: einmal mit 40 und ein weiteres Mal mit 54 Gramm.

Bachmann kommt für Monate in Untersuchungshaft, es wird ihm untersagt, gewerbsmäßig tätig zu sein. Mehrere Haftprüfungen verlaufen zu seinen Ungunsten: Die Richter lehnen eine Entlassung aufgrund der Straferwartung, seiner Vorgeschichte, seiner häufigen Wohnsitzwechsel sowie seiner unklaren sozialen und beruflichen Lage ab. Zudem bestehe Fluchtgefahr. Im Februar 2010 verurteilt ihn das Landgericht Dresden wegen Drogenhandels zu zwei Jahren auf Bewährung, die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Haft beantragt. Seine Freundin kommt mit sieben Monaten davon.

Einen Anker in den Wirren seines Lebens hat Bachmann mit seinem Vater. Mit dem Verkauf von dessen „Original Sächsischen Bratwürsten“ hält sich der Sohn immer wieder über Wasser. Er bringt es damit sogar zu einer gewissen Berühmtheit.

Als er 2011 mit seinem Stand erst vor Striezel-, und kurz darauf auch generell vom Altmarkt fliegt, wendet sich Bachmann an die Presse und spricht von einer „Marktintrige“. Er sei ein Opfer etablierter Händler geworden, die sich über seine günstigen Verkaufspreise mokiert hätten. Dem Amt für Wirtschaftsförderung unterstellt er gar Betrug. Nur der Einstieg eines „Investors“ habe den Ruin seines Unternehmens verhindert, erzählt der vertriebene Bratwurstverkäufer der Morgenpost.

Die bislang letzte Wohnadresse Bachmanns auf Dresdner Terrain liegt in Altbriesnitz nahe der Autobahn vier. Es ist jene Adresse, mit der Bachmann auch als Inhaber der Pegida-Domain fungiert. Am Zaun hängen vier Briefkästen, darunter auch einer, auf dem handschriftlich „Bachmann“ notiert ist. Im Garten halten sich mehrere Ausländer auf. Die Frauen tragen Kopftücher. Auf die Frage, ob Lutz Bachmann hier wohne, antwortet ein Mittvierziger: „Wir sind gute Freunde von Lutz, nehmen seine Post entgegen, er macht Werbung für uns. Der wohnt aber hier nicht mehr, ist jetzt in Kesselsdorf.“

Auf den Demonstrationen der Pegida betont Bachmann stets seine guten Kontakte zu Ausländern, insbesondere zu Türken. Einer von ihnen sei auch sein Trauzeuge. Hakan Ö. ist Geschäftsführer eines Online-Kasinos

In Kesselsdorf klebt hinter dem Haustürglas ein Zettel, demzufolge die Post für die Agentur Hotpepperpix bei einer anderen Familie abgegeben werden soll, falls keiner öffne. In dem Reihenhaus aus den 1990er-Jahren lebt Bachmann mit seiner Ehefrau Vicky, die ihn auf den Demonstrationen stets in der ersten Reihe begleitet. Für sie steht fest: „Hier in Dresden kann man seine Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, vor allem nicht auf der Prager Straße, wo die ganzen ausländischen Drogenhändler stehen.“

Ihre Vermählung im vergangenen Juli präsentiert das Paar im Internet vor einer traumhaft kombinierten Kulisse aus Schloss Wackerbarth und geliehenem Rolls-Royce. Auf Facebook inszenieren sie sich – nach dem Vorbild der RTL-Fernsehserie „Die Geissens“ – als „Die Bachmanns“. Für einen Friseurladen in Freital vertreiben sie Textilien, bevorzugt mit aufgedruckten Liebeserklärungen an die Stadt und ihre Ortsteile wie „Potschappel-Luder“, „Deuben-Tussi“ oder „Zacke-Zicke“. Der Wirtschaftsdatenbankbetreiber Creditreform urteilt über den Unternehmer Bachmann: „Die Person ist bekannt, hat keine Bonität mehr.“

Mit der Justiz ist Bachmann ebenfalls noch nicht im Reinen. Der Drogenhandel-Sache folgen weitere Verurteilungen wegen Trunkenheit im Verkehr und falscher Verdächtigung. Zudem verstößt er gegen die Unterhaltspflicht gegenüber seinem Sohn. Der werbetreibende Würstchenverkäufer ist immer noch auf Bewährung. Er darf weder öffentliche Ämter bekleiden noch ist er wählbar. Zudem ist es ihm, der „alle Kinder in einem friedlichen und weltoffenen Deutschland aufwachsen“ sehen will, verboten, Jugendliche zu beschäftigen, zu beaufsichtigen oder gar auszubilden.

Kritischen Fragen zu seiner Rolle und seiner Vorbildfunktion bei Pegida ist Bachmann bislang ausgewichen. Mehrere Bitten um ein Gespräch mit der Sächsischen Zeitung lehnte er ab. Auch auf schriftliche Fragen antwortete er nicht. Stattdessen teilte Pegida offiziell mit, man werde am heutigen Dienstag eine Presseerklärung abgeben, in der auch „die Personalie Bachmann“ eine Rolle spiele. Bachmann selbst aber stellte die Fragen samt Antworten vorab und für alle einsehbar ins Internet.

Wie in den vergangenen sechs Montagabenden folgten auch gestern wieder Tausende dem Pegida-Aufruf. Erstmals aber stoppten Gegendemonstranten den Protestmarsch auf der genehmigten Route mit einer Sitzblockade. Ob Bachmann weiterhin als Wortführer von Pegida amtieren wird, lässt er offen. „Ich bin austauschbar“, rief er der Masse zu. „Und wenn es besser für unsere Sache ist, trete ich zurück aus dem ungewollten Rampenlicht.“