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„Das letzte große Tabu unserer Gesellschaft“

Die Kriminologin Petra Klages über das Entstehen bizarrer Fantasien und Tatmotive.

Frau Klages, der aktuelle Fall aus Reichenau erinnert an den des „Kannibalen von Rotenburg“. Auch Armin Meiwes fand sein Opfer im Internet und tötete es auf Verlangen. Kann kann man wirklich von Einvernehmlichkeit sprechen?

Im Fall Armin Meiwes ist diese Bezeichnung sicher zutreffend. Es gibt Chat-Protokolle, die eine entsprechende Übereinkunft belegen. Herr Meiwes hat diese archiviert, auch um sich selbst zu schützen. Meiwes hat eine sexuelle Störung: Sein Fetisch ist das Fleisch von Männern, die er sympathisch findet und die sich ihm zur Tötung anbieten, besser noch: sich selbst töten. Denn Armin Meiwes lehnt es strikt ab, jemand anderem Schmerzen zuzufügen. Er ist ein friedfertiger Mensch. Sein Opfer allerdings war hochgradig masochistisch, es wollte von Meiwes auch gefoltert werden. Armin Meiwes aber war dazu nicht fähig, er musste sich vielmehr vom Opfer anleiten lassen.

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Mit Fantasien wie diesen ist es unwahrscheinlich, im täglichen Leben einen Gleichgesinnten zu treffen. Welche Rolle spielt das Internet?

Die entscheidende. Das Internet bietet vielen unterschiedlichen Formen schwerer Kriminalität neue Möglichkeiten. Allen voran dem sexuellen Missbrauch von Kindern, sei es durch den Konsum von Kinderpornografie oder anonyme Annäherung. In den erwähnten Kannibalen-Foren finden Menschen zusammen, die ähnliche Neigungen haben. Auch wenn ein Großteil auf lange Sicht dabei bleibt, nur Fantasien auszutauschen, lässt allein die Kommunikation unter Gleichgesinnten das abweichende Verhalten mit der Zeit normaler erscheinen. Dadurch sinkt auch die Schwelle, zur Tat zu schreiten.

Bei Ihrer Arbeit steht nicht nur die Tat im Mittelpunkt, vielmehr deren Ursache. Wie entstehen solche Neigungen?

Schwerstkriminalität entsteht nicht von jetzt auf gleich, sondern hat viele Vorstufen. Der sogenannte „Rhein-Ruhr-Ripper“ beispielsweise erlitt seit dem achten Lebensjahr wiederholt schwersten sexuellen Missbrauch, begann erst dann damit, Tiere zu quälen, verging sich an Leichen, bevor er in letzter Konsequenz Frauen tötete.

Im aktuellen Fall hat der mutmaßliche Täter ein funktionierendes Sozialleben. Wie kann man einen so destruktiven Teil der Persönlichkeit verbergen?

Wenn die Fantasien so extrem sind, ist es selbstverständlich, dass wir sie nicht offen kommunizieren. Der „Rhein-Ruhr-Ripper“ beispielsweise war ein sehr liebevoller Familienvater. Es ist anzunehmen, dass es Menschen gibt, die mit ihren Abgründen leben, ohne jemals auf- oder straffällig zu werden.

Der Kannibalismusvorwurf hat sich bislang nicht bestätigt, trotzdem dominiert dieses noch unbewiesene Detail die Schlagzeilen.

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Kannibalismus gibt es seit Menschheitsgedenken und in den unterschiedlichsten Formen, nicht nur sexuell motiviert oder wahnhaft. Denken Sie an Hungerkannibalismus während eines Kriegsgeschehens. Längst hat das Phänomen Einzug in die Popkultur gehalten: „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Robinson Crusoe“. Gleichzeitig ist Kannibalismus natürlich das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Und das fasziniert.

Das Gespräch führte Ulrike Nimz (FP)