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Das Rätsel der Kälbersteine

Die Felsen über Sohland laden zum Wandern ein. Und sie bergen ein Geheimnis.

Von Jana Ulbrich

Diese Stille ist vollkommen. Nur ein paar Vogelstimmen sind zu hören und der Wind, der leise mit den Blättern der Buchen spielt. Sanft fällt das Licht durch das Blätterdach und wirft geheimnisvolle Schatten auf die Felsen. Fast schon mystisch mutet es an hier oben an den Kälbersteinen. Vom Stausee unten in Sohland an der Spree sind wir hinaufgestiegen auf den Berg mit den sonderbaren Felsformationen. Welches Geheimnis sie wohl birgt, diese Ansammlung von Steinen?

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Ralf Herold (vorn) und Hilmar Hensel sind zu den Kälbersteinen hinaufgestiegen, die sich über Sohland an der Spree erheben. Die beiden Hobby-Astronomen vermuten, dass unsere Vorfahren das Steinmonument vor Jahrtausenden zur Kalenderbestimmung nutzten. War
Ralf Herold (vorn) und Hilmar Hensel sind zu den Kälbersteinen hinaufgestiegen, die sich über Sohland an der Spree erheben. Die beiden Hobby-Astronomen vermuten, dass unsere Vorfahren das Steinmonument vor Jahrtausenden zur Kalenderbestimmung nutzten. War

Die beiden Hobby-Astronomen Ralf Herold und Hilmar Hensel von der Fachgruppe Archäoastronomie an der Sternwarte Sohland haben hier oben Spannendes herausgefunden. Sie sind mitgekommen auf unsere Tour, um uns ihre fantastische Entdeckung zu zeigen:

Der Granitfelsen ganz oben auf dem Gipfel sieht aus wie ein monumentaler Quader mit ziemlich geraden Wänden. Ist das wirklich nur ein zufälliges Werk der Natur? „Wer weiß“, sagt Ralf Herold und blickt vielsagend. „Es wird noch spannender.“ Der 53-Jährige zeigt auf die Spalten, die sich durch den großen Felsenquader ziehen: „Hier: Genau von Ost nach West und von Nord nach Süd verlaufen die Klüfte und bilden zwei Sichtfenster.“

Und jetzt kommt’s: „In einem der Sichtfenster erscheint die Sonne genau am Tag der Wintersonnenwende, in dem anderen genau zur Sommersonnenwende. Und hier“, Ralf Herold zeigt auf einen dritten Spalt, „hier steht die Sonne am Morgen und am Abend des Frühlings- und Herbstanfangs.“ Ralf Herold und Hilmar Hensel haben es bemessen und berechnet. Und sie haben es mit eigenen Augen gesehen.

Also ist der Riesenfelsen womöglich doch ein Werk von Menschenhand? Sind die Kälbersteine von Sohland so etwas wie das Stonehenge der Oberlausitz? Haben unserer Vorfahren in der Steinzeit hier ihren Kalender abgelesen? Möglich ist das, sagen Herold und Hensel, denen es die Archäoastronomie seit dieser Entdeckung auf den Kälbersteinen nun noch mehr angetan hat.

Beweisen können sie ihre Theorie nicht. „Aber wir sind fest davon überzeugt“, sagt Helmar Hensel, der promovierter Maschinenbauingenieur ist und schon von Berufs wegen immer logisch denkt und schlussfolgert.

Die wie ein Bilderrahmen in die Nordseite des Gipfelquaders gehauene Nische allerdings hat nichts mit der Steinzeit zu tun. Hier soll früher mal eine Gedenkplatte an den letzten Hirsch erinnert haben, der an dieser Stelle erlegt worden sein soll. Aber es gibt noch viel mehr Rätselhaftes und Sonderbares auf diesem Berg.

Hilmar Hensel geht über den Platz vor dem großen Steinquader. Der Platz ist eine fast kreisrunde Fläche: In der Mitte liegt ein großer, flacher Stein. Drumherum ordnen sich kleinere Steine wie Sitzplätze im Kreis. „Kann die Natur so einen runden Steinkreis anlegen?“, fragt der 70-Jährige und hat die Fragen für sich längst beantwortet: „Das könnte hier durchaus eine steinzeitliche Kultstätte gewesen sein oder ein Opferplatz“, erklärt er. „Die flache Steinplatte in der Mitte könnte als Altar oder Opfertisch gedient haben.“ Ungefähr einen Monat lang scheint die Sonne nach der Sonnenwende durch den Spalt und bewegt sich dann über den Steinkreis, haben Ralf Herold und Hilmar Hensel beobachtet.

Weiter unten am Abhang liegt auch noch so ein Stein, der dort wie hingelegt aussieht. „Vielleicht ein Beobachtungsplatz“, vermutet Ralf Herold. Und es gibt hier oben noch so manch anderen sonderbaren Stein. Wer entdeckt in den Steinen die Gestalten? Einer Felskuppe mit mehreren Auswitterungsmulden hat er den Namen „Totenkopfaltar“ gegeben, weil die Mulden der Kuppe das Aussehen eines überdimensionalen Totenkopfes geben. Man kann hier oben auch das „angeschlagene Ei“ finden und noch so manch anderes Steingebilde, das vielleicht wirklich die Natur allein geschaffen hat.

Der höchste Felsen des Kälbersteinbergs erhebt sich ein Stück unterhalb des eigentlichen Berggipfels und ist ein Aussichtspunkt, den man unbedingt besteigen muss. Von oben hat man einen weiten Blick ins Land.

Auch jüngere Mythen und Sagen ranken sich um die Kälbersteine. Eine Legende bezieht sich auf die Wolfsgruben, die Menschen hier im 18. Jahrhundert anlegten, um Wölfe zu fangen. Einige grubenartige Vertiefungen, die es heute noch im Gelände gibt, könnten solche Wolfsgruben gewesen sein. Einmal soll eine Frau in eine solche Grube gefallen sein, in der bereits ein Wolf gefangen war. Beherzt hätte sie den Wolf durch Schläge mit ihrer Flachsbreche in Schach gehalten bis ihr ein Jäger zu Hilfe kam.

Wer von Crostau aus hinaufwandert, kommt am „Mordstein“, vorbei. Hier soll im Hungerjahr 1772 ein Bäcker aus Crostau einen armen Weber erschlagen haben. Der Bäcker wollte sich das Säckchen Mehl zurückholen, das er dem Weber zuvor verkauft hatte.

Wir steigen wieder nach Sohland ab. Im schönen Biergarten am Stausee gönnen wir uns eine kleine Stärkung. Für Kinder gibt es hier einen schönen Spielplatz. Für entspannte Fahrten übern Stausee kann man sich Ruderkähne oder Wassertreter ausleihen. Auf eigene Gefahr könnte man im See auch baden. Einige Zugangsstellen am Ufer gibt es. Schöner für Kinder badet es sich aber im Waldbad Wehrsdorf. Direkt am See entlang führt der Spreeradweg, auf dem man auch schön wandern kann. Vom Biergarten aus ist es nur ein kleines Stück in Richtung Schirgiswalde bis zu einem tollen Abenteuerspielplatz.