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Das schwimmende Hightech-Haus in der Lausitz

Ein Stück Zukunft schwimmt jetzt im Bergheider See. Es zeigt, wie Menschen künftig wohnen könnten.

Aus drei Holzwürfeln ist die verschachtelte Form des autarken Hauses am Bergheider See entstanden. Die stehen für Wärme, Energie und Wasser – die drei Dinge, die das Haus gleich selbst übernimmt und managt.
Aus drei Holzwürfeln ist die verschachtelte Form des autarken Hauses am Bergheider See entstanden. Die stehen für Wärme, Energie und Wasser – die drei Dinge, die das Haus gleich selbst übernimmt und managt. © Thomas Kretschel

Im Hintergrund steht Geschichte. Ein riesiger Stahlkoloss mit 11 000 Tonnen Gewicht. Die ehemalige Abraumförderbrücke F60 erzählt am Bergheider See von Vergangenheit und Gegenwart des Lausitzer Braunkohlebergbaus. Direkt davor, im neuen Hafen am See, schwimmt nun die Zukunft. Aus Holz und mit leichtem Carbonbeton, mit viel Glas und den modernsten Technologien. Das jetzt fertiggestellte Autartec-Haus ist ein Test für das, was kommen könnte. Ein Versuch, der zeigen soll, wie das Wohnen künftig funktionieren kann. Ob Strom, Wärme oder Wasser – das Haus versorgt sich selbst.

Sonne am See. Wer auf der kleinen Couch im Wohnzimmer sitzt, hat einen tollen Blick über das Wasser. Das Zimmer schaukelt leicht, ein bisschen wie Kreuzfahrt. „Dass wir auf dem Wasser sind, merken wir schon deutlich“, sagt Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI in Dresden. Schwimmendes Haus oder hausähnliches Schiff? 

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Diese Frage würden einige immer wieder stellen. Kochen in der Küche mit Seeblick – vielleicht eine Herausforderung. Über eine Wendeltreppe geht er ins Obergeschoss. Ein Bett steht dort, helles Holz, weiße Bettwäsche. Durch eine Tür geht es ins Bad. „Ich freue mich schon, hier einmal aufwachen zu dürfen“, sagt Klingner und blickt durch die große Fensterfront nach draußen auf die Terrasse. 

So schön es ist, als Ferienhaus soll das Gebäude künftig allerdings nicht vermietet werden. Es dient der Forschung. Aber klar, dass viele Mitwirkende aus dem Projekt gern erfahren wollen, wie es sich hier so kocht, schläft, lebt. „Die Liste der Interessenten ist lang“, sagt Klingner und lacht.

Unter der Federführung des Fraunhofer IVI war Mitte 2018 damit begonnen worden, das schwimmende Haus zu bauen. Die Idee dazu gab es schon länger. Bereits seit 2014 entwickelten und erprobten Firmen, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen aus Süd-Brandenburg, Sachsen und Ost-Thüringen neue Materialien und Methoden für das schwimmende Haus der Zukunft. 

Innerhalb des Projekts Autartec entstanden auf diesem Weg verschiedene Technologien, die künftig beim Bau von sich selbst versorgenden Siedlungen und auch für Häuser auf dem Wasser genutzt werden sollen. Mit ihrem Modellhaus machen die Forscher und Ingenieure ihre neuen Ideen nun erlebbar.

Ein 175 Quadratmeter großer Ponton ist das Fundament für das zweistöckige Gebäude. Den aufs Wasser zu bekommen sei gar nicht so einfach gewesen, erzählt Matthias Klingner. Doch am Ende klappte auch das. Aus drei ineinander verschachtelten Würfeln entstand dann die Silhouette des Hauses – angelehnt an die drei Themen Wärme, Energie und Wasser. 

Zwei der hölzernen Würfel sind genauso zur Sonne ausgerichtet, dass sie möglichst viel Energie gewinnen können. Einer sorgt durch integrierte Solarthermie-Module für Wärme im Haus und angenehme Wassertemperaturen unter der Dusche. Der zweite Würfel produziert mittels Solarzellen Strom. Der dritte stellt mit einer angebauten Terrasse die Verbindung zum Wasser her.

Blick ins schwimmende Haus

© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel
© Thomas Kretschel

Im Inneren des Hauses ist noch mehr Innovatives verbaut. Das Institut für Massivbau der TU Dresden entwickelte zum Beispiel eine neuartige Treppe. Diese besteht aus Carbon- und Textilbeton, ist damit sehr leicht und trotzdem extrem stabil. Die Stufen selbst bestehen lediglich aus rund zwei Zentimeter dicken Wänden, sind innen also hohl. Dadurch bieten sie Platz für Stromspeicher, die produzierte Energie des Hauses speichern. Auch in einer Wand dahinter sind in den Textilbetonplatten Lithium-Ionen-Akkus verbaut. Über das Energiemanagement des Hauses wacht ein programmierter Algorithmus. Das System ist über das Internet steuerbar.

Über eine Million Euro stecken im autarken Haus. Finanziell unterstützt wurde das Projekt vom Bundesforschungsministerium. Künftig soll der Bau aber kostengünstiger ausfallen. Entwicklung sei erst einmal mit Mehrkosten verbunden, bis die richtige Lösung gefunden ist, erklärt Klingner. Während der Öffnungszeiten des Besucherbergwerks F60 soll nun auch der Weg zum Haus für Gäste begehbar sein. Die können es sich dann von außen ansehen.

Es soll längst nicht das einzige Gebäude am neuen Hafen bleiben. Das Amt Kleine Elster verhandelt mit Investoren über den Bau eines Restaurants, eines Motels und auch von Ferienhäusern – allerdings in gängiger Bauweise. Ein Freizeit- und Eventsee soll es werden, sagt Amtsdirektor Gottfried Richter. Vielleicht mit kreativer Nachbarschaft. Am Fraunhofer IVI gehen die Ideen nach Errichtung des Modellhauses nämlich schon weiter. 

Es soll Initialbau für eine ganze Siedlung mit Holzhäusern nach dem gleichen Prinzip sein. Sie könnten kostengünstig und schnell gebaut werden. Einziehen sollen nicht nur Familien, sondern auch Handwerksfirmen, die dann gleich beim Bau der Siedlung anpacken könnten. Nach Vorstellungen der Forscher kann die Siedlung am Bergheider See ein Ort für die Entwicklung der Technologien von morgen werden. Eine Zukunft für die Region, deren Vergangenheit gleich nebenan über den See ragt.

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