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Das war`s

Der Görlitzer Wirtschaftsförderer Thomas Klatte zieht die Konsequenzen aus verlorenem Vertrauen und geht.

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Von Sebastian Beutler

Ehe er gestern vom Görlitzer Stadtrat entlassen worden wäre, zog Thomas Klatte selbst die Konsequenzen. Wie die SZ aus den Reihen des Stadtrates erfuhr, unterschrieb der Chef der Europastadt Görlitz/Zgorzelec jetzt einen Aufhebungsvertrag und scheidet aus seinem Amt als Görlitzer Wirtschaftsförderer aus. Termine an diesem Freitag, darunter auch mit der Sächsischen Zeitung, sagte er gestern ab.

Kein Jahr ist das her: Thomas Klatte kurz nach seinem Amtsantritt als neuer Görlitzer Wirtschaftsförderer und Chef der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH. Doch das ist nun vorbei. Foto: Nikolai Schmidt
Kein Jahr ist das her: Thomas Klatte kurz nach seinem Amtsantritt als neuer Görlitzer Wirtschaftsförderer und Chef der Europastadt Görlitz/Zgorzelec GmbH. Doch das ist nun vorbei. Foto: Nikolai Schmidt

Wer aufmerksam die Entwicklung der vergangenen Wochen beobachtete, für den konnte es nur noch zu diesem Schritt kommen. Das Fass des Unmuts bei der Görlitzer Unternehmerschaft ließ eine Veranstaltung bei der IHK Anfang Februar bereits überlaufen. Als dann vor wenigen Tagen in der IHK-Zeitschrift ein Bericht über diese Veranstaltung veröffentlicht wurde, war klar: So kann es für Thomas Klatte eigentlich nicht weitergehen.

IHK-Breitseite letzter Anstoß

Unter der Überschrift „Unternehmer vermissen ein klares Konzept“ heißt es in dem Beitrag, dass „entgegen den hohen Erwartungen der Wirtschaft sich Klattes Vortrag in allgemeinen Darstellungen des Tagesgeschäfts verlor“. Centermanager Claus-Dieter Koziel soll Klatte vorgeworfen haben, mit den Unternehmern nicht ins Gespräch zu kommen. Die drängendsten Probleme werden nicht angepackt, schreibt der Autor des Beitrages weiter. Und das Fazit zu den Aussagen von Klatte zum Berzdorfer See lautet in dem Artikel: „Das klang eher nach Abwarten als nach offensivem Anpacken“. In kaum noch verhohlener Deutlichkeit lautete die Summe des Gesprächs: eine „ernüchternde Diskussion“. Nach dieser Breitseite war Klattes Abgang nur noch eine Frage der Zeit. Zumal er selbst wohl gar nicht einsah, sich vor den Görlitzer Unternehmern verteidigen zu müssen.

Der Unmut der Firmenchefs und Banken über den Görlitzer Wirtschaftsförderer hatte sich in den vergangenen Monaten immer stärker angestaut. Schon zum Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Siegfried Deinege Mitte Januar im Kaisertrutz war Klatte das Hauptthema. Seine Unentschlossenheit, die fehlende Strategie, Zögerlichkeit im Ausspielen der Frankenstärke gegenüber der Schweizer Wirtschaft erntete zunehmend Kopfschütteln. Damals aber wollte man eben den IHK-Abend im Februar noch abwarten.

Thomas Klatte geriet aber schon im November in schwere See. Und das ausgerechnet mit seinem Konzept zum Berzdorfer See, das er vor dem Görlitzer Stadtrat vortrug. Außer einer Wiederholung der Studie von Tourismus-Experten Engel, so lautete der Vorwurf, blieb er vieles schuldig. Und das ausgerechnet bei dem Thema, das Oberbürgermeister Siegfried Deinege zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfördervorhaben der nächsten Jahre gleich zu Beginn erklärt hatte. Ganz nebenbei trat Klatte auch noch in Fettnäpfchen, als er eine Umbenennung in „Görlitzer See“ und auch die Bildung eines Zweckverbandes gegenwärtig als unrealistisch und auch nicht ausschlaggebend bezeichnete.

Ob zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch etwas zu retten gewesen wäre, ist im Rückblick schwer zu sagen. Offensichtlich hatte Klatte schon damals nur noch wenig Rückhalt bei Deinege. Der hielt nicht hinterm Berg, dass er erste Fassungen von Klattes Strategie für die künftige Görlitzer Wirtschaftsförderung wieder zurückgegeben habe. Das nährte den Eindruck, Klatte habe Mühe in sein Amt zu kommen.

Ganz falsch war das sicher nicht. Schon als sich der heute 53-Jährige bei seinem Dienstantritt Mitte Mai vergangenen Jahres vorstellte, blieb er zurückhaltend und vage, vorsichtig, aber durchaus mit Blick für die Realitäten. Damals nannte er die klare Orientierung auf die Märkte in Polen und Tschechien, das Zugehen auf bestehende Unternehmen, den See, den Tourismus als wichtige Marken für seine Arbeit. Doch es folgte zu wenig daraus, selbst wenn Deinege schon im Januar vergangenen Jahres (!) einräumte, dass „die Konzepte des neuen Spitzenmanns erst ab nächstem Jahr greifen werden“. So gesehen war die Geduld mit Klatte nicht sehr ausgeprägt.

Dabei schienen sich Görlitz und der studierte Regionalwissenschaftler, Vertriebsingenieur und Firmenbetreuer bei Commerzbank und KBC-Bank in Prag wirklich gefunden zu haben. Unter 56 Bewerbern machte Klatte das Rennen. Sein großer Vorteil: Er ist Görlitzer und wollte hier auch seinen Hauptwohnsitz nehmen. Nach den Pendel-Jahren seines Vorgängers Lutz Thielemann galt das in den Augen vieler Stadträte als entscheidender Vorteil.

Wer folgt auf Klatte und wann?

Möglicherweise unterschätzte Klatte die hohen Erwartungen, die schon zu Zeiten Thielemanns aufgestaute Unzufriedenheit der Wirtschaft mit der städtischen Europastadt-Werbung. Die Vorwürfe an ihn klingen jetzt nicht viel anders als in der Endphase Thielemanns, der aber mit seinem unvergleichlichen Marketing-Gefühl doch immer wieder für Gesprächsstoff sorgte, sei es mit großflächigen Tourismusplakaten in der Nachbarschaft der Kanzlerin oder mit seinen Schweizer Werbebriefen, die drei, vier Firmen tatsächlich an die Neiße lockten. Und in Prag hatte Klatte wohl wenig vom glatten politischen Parkett in Görlitz gehört. Andererseits stand Klattes Art ihm wohl auch im Wege, offener auf die Görlitzer zuzugehen, die ihm anfangs mit großer Aufgeschlossenheit begegneten.

Für die Wirtschaftsförderung ist der Abgang Klattes ein Desaster. Nach nicht mal einem Jahr ist die wichtigste Position für den Wirtschaftsstandort wieder unbesetzt, zuvor war sie ein weiteres Jahr verwaist. Das kann das größte Engagement der Mitarbeiter bei der Europastadt nicht ausgleichen. Ob die Nachbesetzung nun schneller über die Bühne geht oder die Stadt bereits mit Kandidaten im Gespräch ist, ist völlig offen. Zumal die Stadt Klatte mit dem Aufhebungsvertrag auch zusicherte, sein Gehalt sechs Monate weiterzuzahlen. So sah es sein Vertrag vor. Aber auch die Stadt hat allen Grund, in sich zu gehen und zu überlegen, ob ihr Personalfindungs-Regime zielführend ist. Man denke an den Klinikum-Geschäftsführer René Bostelaar, dessen Bonus ebenso schnell schwand und an dessen Bestellung später niemand mehr beteiligt gewesen sein wollte.