merken

„Dass Nazis töten, ist nicht unüblich“

Der Jenaer Wissenschaftler Matthias Quent hält es für möglich, dass Rechtsextremisten abtauchen – so wie der NSU.

© picture alliance / dpa

Herr Doktor Quent, Sie haben die Aufarbeitung des NSU begleitet, unter anderem als Gutachter für den Bundestag. Was liegt bislang auf dem Tisch ?

Anzeige
So sparen Sie bei der Autoversicherung 

Haben Sie schon mal überlegt, wie Ihre Autoversicherung günstiger wird? Wer bis zum 30. November 2019 wechselt, profitiert von bis zu 15 Prozent Rabatt.

Es liegt sehr viel auf dem Tisch und gleichzeitig sehr wenig. Wir haben viele Details zum NSU, etwa über die Entwicklung, die Weltsicht der rechtsextremen Szene und die Frage, wie sie polizeiliches Handeln und politische Entwicklungen gedeutet hat. Weniger thematisiert worden ist die Bezugnahme des NSU auf die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen oder die Briefe, in denen Uwe Mundlos zum Ausdruck gebracht hat, dass sich diese Gruppe sehr unter Druck gesetzt fühlt durch polizeiliche Ermittlungen und dass das ein wichtiger Punkt war, in den Untergrund zu gehen.

Was schließen Sie daraus?

Wenn man sich diese Wirkmechanismen anschaut, ist das interessant. Wenn heute Sicherheitsbehörden mehr Privilegien fordern, kann das auch kontraproduktiv und radikalisierend wirken. Aus meiner Sicht fehlt in der öffentlichen Debatte und auch dadurch, dass der Verfassungsschutz so nah dran war und eine zweifelhafte Rolle gespielt hat, eine Rassismusdebatte. Wo kommen die ideologischen Versatzstücke her? Wir reden viel über Behördenversagen, aber wo kommt eigentlich das Weltbild her?

Woher?

Es sind unterschiedliche Ansätze. Es geht um gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, darum, dass eine bestimmte Gruppe Menschen – hier Menschen aus Einwandererfamilien – abgewertet wird. Es geht darum, wie sich die Menschen radikalisiert haben. Für Rechtsextremisten ist die Welt eine andere als für uns. Sie haben einen vollkommen anderen Blick. Sie leben in einer eigenen Subkultur. Musik rechtsextremer Bands spielt dabei eine große Rolle, aber auch Kleidung, Mode, rechtsextreme Labels.

Was muss aus Ihrer Sicht in Sachsen aufgeklärt werden? Hier hielt sich das Trio versteckt. Der Untersuchungsausschuss des Landtags rückt vor allem den Wohnort der Untergetauchten in Zwickau und die Banküberfälle in Sachsen in den Fokus.

Für mich ist es rätselhaft, warum der Vermieter bislang so wenig im Fokus steht. Mir ist auch nicht klar, warum das Umfeld bislang wenig untersucht wurde. Ich halte es für schwer vorstellbar, dass der Aufenthaltsort der Untergetauchten völlig unbekannt war. In der Szene kennt man sich. Zudem spielten rechtsextreme Bands aus Jena in Sachsen, deren Mitglieder die Abgetauchten kannten.

Wenn Sie das Umfeld, die rechtsextreme Subkultur betrachten: Kann sich der NSU wiederholen?

Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Seit der Vereinigung wurden in Deutschland zwischen 75 und 178 Menschen – je nach Zählung – durch Rechtsextremisten getötet. Zudem sind allein im vergangenen Jahr 17 Obdachlose durch Gewalt umgebracht worden, wobei ebenfalls häufig menschenverachtende Motive eine Rolle spielten. Dass Nazis töten und Gewalt anwenden, ist also nicht unüblich. Zum sehr Speziellen beim NSU zählt, dass die drei eine besondere, auch intime Bindung hatten. Dass Radikalisierte abtauchen und aus dem Untergrund versuchen, Anschläge und Attentate zu begehen, halte ich generell für immer wieder möglich.

Glauben Sie, dass sie, wenn sie das tun, ebenfalls über Jahre nicht von den Behörden entdeckt werden?

Ich sage es nochmals: Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Vieles kommt darauf an, mit welcher Intensität sie verfolgt werden. Beim NSU war es ja so, dass die Polizei bis zum Untertauchen gute Arbeit gemacht hat, aber vom Verfassungsschutz sabotiert wurde. Ein Blick zurück zeigt: Die RAF wurde gejagt. Deren Mitglieder haben manchmal täglich die Wohnung gewechselt. Beim NSU war das nicht nötig. Übrigens, die RAF hat sich radikalisiert nach der 68er-Bewegung. Das könnte sich mit Blick auf Pegida wiederholen; die Zeit ist vorbei, in der sich dort eine ganz große Masse fand. Die gab es übrigens außerhalb Dresdens ohnehin nicht, dort waren die Gida-Bewegungen von Anfang an rechtsextrem.

Wie schätzen Sie die rechtsextreme Szene in Sachsen ein?

Sie orientiert sich nach Pegida und AfD neu, schaut, was ihr Erfolg bringen könnte. Sie ist vielschichtig, besonders aggressiv geht die Kleinpartei Dritter Weg vor. Sie attackierte bei einer Demonstration in Saalfeld Polizisten. Das ist unüblich. Sie will zeigen: Hier marschiert der Nationalsozialismus. Die Partei ist auch in Sachsen aktiv und kann mobilisieren.

Auch wenn die Frage naiv sein mag: Was kann man tun, um den Zulauf für Rechtsextremisten generell zu unterbinden?

Es geht um Klarheit und Offenheit. Ungerechtigkeiten zu benennen ist dabei nötig. Gerade im Osten fühlen sich Menschen benachteiligt, zum Beispiel bei Rente oder Löhnen. Das zu thematisieren, ist nicht falsch. Es muss aber auch thematisiert werden, dass nicht die Ausländer und Asylbewerber verantwortlich sind für niedrigere Renten.

Das Gespräch führte Thilo Alexe.