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Dem Dickwerden auf der Spur

Das Uniklinikum untersucht in einer Studie das Essverhalten. Stress spielt dabei eine entscheidende Rolle.

© André Wirsig

Von Juliane Richter

Wer im Stress ist, isst mehr und wird dadurch dick. So eine weit verbreitete Meinung. Das muss nicht stimmen, sagt Katja Petrowski von der Klinik für Psychosomatik des Dresdner Uniklinikums. Im Rahmen einer Studie hat sie im Sommer 2012 genau 32 normalgewichtige Menschen und deren Essverhalten untersucht. „Unter Stress haben die Leute intensiver gekaut, aber nicht mehr Nahrung aufgenommen“, sagt die 42-Jährige.

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Weil Forschungsergebnisse zu dem Thema bisher selten und nicht wirklich eindeutig sind, setzt Petrowski die Studie nun fort. Dafür will sie jetzt leicht übergewichtige Personen mit einem Body-Mass-Index von etwa 30 untersuchen. Dieses Kriterium erfüllt zum Beispiel schon eine 1,70 Meter große Frau mit 86 Kilogramm Gewicht. „Menschen mit diesen Maßen gibt es immer mehr“, sagt sie. An der Uniklinik selbst will sie nicht um Probanden werben, weil diese schon unter Erkrankungen, wie etwa Diabetes, leiden. Petrowski sucht Menschen, die zwar übergewichtig, aber gesund sind und denen vorbeugend geholfen werden kann.

Mikrofon nimmt Kaugeräusche auf

Mit deren Hilfe will sie klären, ob an dem Mythos etwas dran ist, dass dicke Menschen unter Stress mehr essen und dementsprechend zunehmen. „Es kann aber genauso sein, dass die Nahrung im Körper dieser Menschen nur anders verarbeitet wird und sie deshalb zum Dickwerden neigen.“ Egal ob dick oder dünn, die Probanden müssen bei der Studie stets das gleiche Prozedere durchlaufen. An zwei verschiedenen Tagen werden sie von den Forschern beim Essen beobachtet. Einmal, wenn sie ruhig und ausgeglichen sind, und einmal, wenn sie gestresst sind. Die Anspannung wird dadurch künstlich erzeugt, dass die Tester Aufgaben lösen müssen. Dass sie dabei wirklich den gewünschten Stresspegel erreichen, lässt sich mit einem Speicheltest belegen, der während des Experiments alle zehn Minuten erfolgt.

Auf die Probanden wartet allerdings kein riesiges Buffet, sondern eine Vielzahl von Käsebrötchen und Schokokeksen. „Wir wollen den Testern etwas anbieten, was dem Alltag nahekommt“, sagt Katja Petrowski. Vorgängerstudien hätten hingegen zum Beispiel mit Chips und M&M’s gearbeitet. „Aber wer isst schon tagsüber Chips in unserem Kulturkreis“, stellt die Ärztin infrage. Am Uniklinikum könnten die Probanden wenigstens noch zwischen süß und herzhaft wählen.

Was und vor allem wie sie essen, wird dann ganz genau erfasst. Dafür bekommen sie ein Messgerät ins Ohr, das aussieht wie ein Hörgerät. Doch statt Töne zu senden, misst es genau, was im Mund passiert. Dabei nimmt das integrierte Mikrofon auf, wie oft der Proband kaut und wann er schluckt. Der 28-jährige Ingenieur Sebastian Päßler hat für die Auswertung einen speziellen Algorithmus entwickelt. So muss er sich nicht jede Aufnahme der Kau- und Schmatzgeräusche der Testpersonen anhören, sondern bekommt die Ergebnisse automatisch ausgewertet. Nur gelegentlich kontrolliert er diese Daten noch einmal. Bei den bisherigen Untersuchungen hat sich so schon gezeigt, dass Menschen, die sich selbst besonders gestresst fühlen, sehr stark schlingen und wenig kauen. „Das ist definitiv ungesund und anstrengend für den Magen-Darm-Trakt“, sagt Katja Petrowski.

Mit Stress kennt sich die Verhaltensmedizinerin aus. Als Leiterin der Angsttagesklinik betreut sie immer wieder Patienten, die unter Stresserkrankungen leiden. Vor allem der berufliche Druck und die Angst vor Arbeitslosigkeit setze den Menschen zu. Statt sich jedoch komplett davon beherrschen zu lassen, sollten Menschen in Stresssituationen sich einfach mal kurz zurückziehen. „Dass Raucher nach draußen gehen, ist gesellschaftlich akzeptiert. Nichtraucher sollten sich genauso für einige Minuten ausklinken können“, sagt sie.

Und was das Thema essen angeht, rät sie, in akuten Stressphasen erst einmal mit dem Essen zu warten und lieber ein Glas Wasser zu trinken. Wenn sich dann die Herzfrequenz normalisiert hat, würden die Personen wieder ruhiger und damit gesünder essen. Katja Petrowski hofft, dass sie und ihre fünf Mitarbeiter bis September die Messungen bei den Übergewichtigen abgeschlossen haben. Die Studienergebnisse sollen in einem Jahr vorliegen.