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Demokratie muss auch umstrittene Kunst aushalten

Maler Axel Krause wurde von einer Ausstellung ausgeladen, weil er Pegida begrüßte. Im Büro eines Bundestagsmitglieds hängt jetzt ein Bild von ihm.

FDP-Mann Hartmut Ebbing in seinem Berliner Büro. An der Wand hängt „Das Puppenhaus“ von Axel Krause.
FDP-Mann Hartmut Ebbing in seinem Berliner Büro. An der Wand hängt „Das Puppenhaus“ von Axel Krause. © Götz Schleser/BFF

Ende Mai wurde deutschlandweit der „Fall“ des Leipziger Malers Axel Krause debattiert. Der war zur Leipziger Jahresausstellung erst ein- und dann wieder ausgeladen worden. Bereits im August 2018 hatte seine Galerie die Zusammenarbeit mit ihm aufgrund seiner politischen Facebook-Posts beendet. 

Wenige Monate später, im Dezember, kaufte der Bundestag ein Werk von Axel Krause an, das derzeit im Büro von Hartmut Ebbing hängt. Er ist kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion und Mitglied im Kunstbeirat. Die Kunstzeitschrift Monopol veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe ein Gespräch über die Frage, ob man Werk und Autor voneinander trennen kann, das wir mit freundlicher Genehmigung nachdrucken.

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In Ihrem Büro hängt das Gemälde „Das Puppenhaus“ von Axel Krause. Was gefällt Ihnen daran, Herr Ebbing?

Als ich das Bild das erste Mal sah, hatte ich keine Kenntnis von der Debatte um den Künstler. Mich erinnert es an eine Kreuzfahrt in der Antarktis, die ich vor vier Jahren mit meinem ältesten Sohn gemacht habe. Ich war beeindruckt vom Licht und der Luft, die dort ganz anders riecht. Die Erinnerung daran kommt sofort wieder, wenn ich das Bild anschaue. Der Vordergrund ist im Gegensatz dazu von einem teils surrealen Interieur geprägt, auf dem Boden liegt eine Art Staubsauger mit Kopf. Die stehende Puppe hat einen männlichen Kopf, Physiognomie und Schuhe sind eher weiblich. Die sitzende Person zeigt für mich eine Zerrissenheit zwischen zwei Personen oder zwei Beziehungen.

Wer schlägt dem Bundestag Kunstwerke zum Ankauf vor?

Jeder Abgeordnete kann das über den Kunstbeirat tun. Kollegen schlagen mir auch unbekannte Künstler aus ihrem Wahlkreis vor. Die Vorschläge gehen an den Kurator der Sammlung, der prüft, dass keiner der Künstler schon mega erfolgreich ist. Wir kaufen die Werke nicht als Geldanlage, sondern um Künstler zu fördern.

Wann mussten Sie die Vorschläge für 2018 einreichen?

Ungefähr zwei Monate vor der Ankaufsitzung Ende Dezember.

Der kulturpolitische Sprecher der AfD, Marc Jongen, ist wie Sie Mitglied des Kunstbeirates und hatte bereits im August Solidarität mit Krause gefordert. Beide sitzen im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Hat Jongen Krause vorgeschlagen?

Ob dem so ist, weiß ich nicht. Außer dem Kurator weiß niemand, wer wen vorschlägt. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Auch während der Sitzung hat sich keiner geoutet.

Der Maler Axel Krause in seinem Atelier: Er wurde zur Leipziger Jahresausstellung erst ein- und dann wegen seiner politischen Facebook-Posts wieder ausgeladen.
Der Maler Axel Krause in seinem Atelier: Er wurde zur Leipziger Jahresausstellung erst ein- und dann wegen seiner politischen Facebook-Posts wieder ausgeladen. © Jan Woitas/dpa

Wie verläuft so eine Ankaufssitzung?

Die neun Mitglieder des Kunstbeirats diskutieren direkt vor den Werken in einer eigens eingerichteten Ausstellung. Wir stimmen offen vor jedem Werk ab. Fünf Stimmen bilden die Mehrheit. Es waren mehrere Bilder von Krause vorgeschlagen, alle mit einer ähnlichen Farbgebung. Ich habe mich für „Das Puppenhaus“ starkgemacht. Die Galerietrennung und die Debatte um Krause wurden nicht thematisiert. Ich erinnere mich sehr genau, dass Marc Jongen die Bilder nicht explizit beworben hat.

Hat er für sie gestimmt?

Ich meine, auch das nicht.

Wann haben Sie zuerst von der Debatte erfahren?

Als das Bild in mein Büro kam, erzählte mir eine Mitarbeiterin aus unserer Fraktion davon. Mein erster Impuls war, dass es nicht hängen bleiben kann. Nach einigen Überlegungen habe ich jedoch beschlossen, dass es jetzt erst recht hier hängen bleiben soll. Ich unterscheide generell zwischen der politischen Ansicht eines Menschen und dem, was er produziert. Egal ob er ein Auto designt, ein Flugzeug entwickelt oder ein Bild malt. Kunst und Kultur sind frei. Wenn die Kunst etwas Politisches ausdrückt, dann ist das was anderes. Für mich hat das Bild von Axel Krause eine soziologische und psychologische, aber keine politische Aussage. Ich überlege noch, ob ich ihn anrufe, um zu fragen, was er sich bei dem Bild gedacht hat.

Hätten Sie Lust, ihn in seinem Atelier zu besuchen?

Ja, durchaus. Aber über die AfD möchte ich nicht mit ihm diskutieren.

Sowohl für die Galerie als auch für den Leipziger Verein waren es Krauses Facebook-Posts, die zum Ende der Zusammenarbeit führten. Haben Sie sich seine Seite angeschaut?

Nein. Dann müsste ich die Facebook-Timelines jedes Kulturschaffenden, mit dem ich zusammenarbeite oder dessen Werk ich rezipiere, vorher prüfen. Da nehme ich mir die Freiheit, nicht politisch zu denken, auch wenn ich im Parlament sitze.

Axel Krause hatte sich in einem Post als „entarteten Künstler“ bezeichnet. Das NS-Vokabular hat für den Leipziger Verein zur Ausladung geführt, er konnte Kunst an dieser Stelle nicht mehr vom Künstler trennen. Wann wäre für Sie der Punkt erreicht?

Dann, wenn ich mit ihm diskutiere und er undemokratische oder verfassungsfeindliche Äußerungen macht. Deshalb scheue ich mich auch noch, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Auf Facebook schrieb er, er halte die illegale Masseneinwanderung für einen großen Fehler. Er nannte Pegida und die Identitären einen „zu begrüßenden Beitrag zur Gesellschaft“, empfahl neurechte Literatur und gehört zu den Erstunterzeichnern der „Charta 2017“, in der vor einer „Gesinnungsdiktatur“ gewarnt wird. Ist das, was Axel Krause sagt, undemokratisch?

Nein. Es ist zwar nicht meine persönliche Meinung, ganz im Gegenteil. Aber es widerspricht meinem demokratischen Verständnis, die AfD und ihre Anhänger auszugrenzen. Das muss die Demokratie aushalten, das müssen wir im Parlament jeden Tag aushalten. Wenn wir einen Künstler aufgrund seiner politischen Meinung ausgrenzen, dann machen wir genau das, was wir an der AfD kritisieren. Wenn Aussagen und Handlungen verfassungsrechtlich nicht mehr gedeckt sind, gibt es eine Rechtsstaatlichkeit, die das ahndet. Darauf vertraue ich.

Eine Ausstellung zeigt derzeit, dass Emil Nolde ein überzeugter Nationalsozialist war. Angela Merkel hat im April entschieden, zwei Bilder von Nolde, die bisher in ihrem Büro hingen, nicht wieder aufzuhängen. Finden Sie das nachvollziehbar?

Ich finde das nachvollziehbar, aber nicht richtig. Ich gehe davon aus, dass der Kanzlerin die Geschichte von Emil Nolde bekannt war. Sie hätte sich früher darüber Gedanken machen müssen, ob sie dazu steht. Wenn ich Kanzler wäre, hätte ich die Bilder hängen lassen.

Welche Kunstwerke gibt es noch in Ihrem Büro?

Neben drei abstrakteren Arbeiten eine Figur von Albertus Magnus. Sie zierte ursprünglich einen riesigen Leuchter vor dem Westportal des Reichstages. Kurz vor Kriegsende ist das Metall ausgegangen und Hitler hatte angeordnet, Kunstgegenstände einzuschmelzen. Die Figuren wurden zum Glück auf einem Feld vergraben und so bewahrt.

Wie lange wird „Das Puppenhaus“ noch in Ihrem Büro hängen?

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Ein Abgeordneter der AfD hat es für sein Büro angefragt. Ich weiß noch nicht, wann ich es abgebe. Es gibt andere Bilder, an denen habe ich mich nach einer Weile satt gesehen. Aber über dieses freue ich mich weiterhin jeden Tag.

Das Gespräch führte Sarah Alberti

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