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Den Krebs besiegt

Viele gaben Gisela Pallas in den vergangenen fünf Monaten Kraft. Nun kann die Demitzer Bürgermeisterin ins Amt zurückkehren.

© Steffen Unger

Von Ingolf Reinsch

Schön, dass Sie wieder da sind! Gisela Pallas hört diesen Satz immer wieder, seitdem sie vor zweieinhalb Wochen ins Demitzer Gemeindeamt zurückkehrte. Ein Satz, der aufbaut – und der in diesem Fall nicht nur eine Höflichkeitsfloskel ist.

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Fünf Monate lang war die Bürgermeisterin schwer krank, kämpfte gegen den Krebs. Sie könnte auch noch jetzt zu Hause bleiben und sich schonen. Doch die 63-Jährige entschied sich anders. „Wenn ich mich gesund fühle, kann ich auch arbeiten“, sagt sie. Fürs erste sind es vier Stunden am Tag, die ihr die Ärzte gestatten. In den nächsten Monaten wird sich ihr Arbeitstag jeweils um täglich eine Stunde erhöhen. Auch eine Kur ist noch geplant.

Diagnose Brustkrebs. Gisela Pallas traf sie kurz vor Ostern. Gleich nach dem Fest kam sie ins Krankenhaus, wurde operiert. Kräftezehrende Bestrahlungen schlossen sich an. Die Chemotherapie blieb ihr glücklicherweise erspart. Eigentlich möchte sie gar nicht darüber reden. Es seien doch so viele Frauen von der Krankheit betroffen, über die in der Zeitung kein Wort geschrieben wird, sagt sie. Und nicht bei allen gehe es so gut aus wie bei ihr. „Dass ich wieder gesund geworden bin, ist ja nicht mein Verdienst. Ich hatte einfach nur Glück, dass die Krankheit rechtzeitig erkannt worden ist und sich keine Metastasen gebildet hatten“, sagt Gisela Pallas.

Wieso trifft es ausgerechnet mich?

Einen „Gang durch die Hölle“ nennt sie die Wochen der Ungewissheit, ob es in ihrem Körper Metastasen gibt oder nicht. „Man will die Familie nicht verunsichern, möchte nach außen ruhig bleiben“, sagt sie. Ihre Familie – das sind Ehemann Uwe, die beiden erwachsenen Töchter und ihre 88 Jahre alte Mutter. Einige Wochen, bevor der Krebs festgestellt worden war, hatte sie ein Buch der früheren Landesbischöfin Margot Käßmann geschenkt bekommen. Auch die Theologin war an Brustkrebs erkrankt und wurde geheilt. Sie schrieb darüber, um ihre Erfahrungen anderen mitzuteilen und Mut zu machen. Als Erstes habe sie an dieses Buch denken müssen, als ihr der Arzt den Befund mitteilte, sagt Gisela Pallas. „Die meisten Frauen fragen: Wieso trifft es ausgerechnet mich? Margot Käßmann dreht diese Frage um: Warum soll es mich nicht treffen, wo doch so viele, auch jüngere Frauen, an Krebs erkranken?“

Nicht nur das Buch der von vielen hoch geschätzten Theologin machte ihr Mut. Auch ein Beispiel aus der eigenen Familie. Ihre Großmutter war an Brustkrebs erkrankt und besiegte die Krankheit. Die Medizin war damals bei Weitem noch nicht so hoch entwickelt wie heute. „Meine Oma war eine sehr starke Frau, die viele Schicksalsschläge überstand“, sagt sie anerkennend. Ihre Großmutter war 50, als die Familie 1948 aus Ungarn vertrieben wurde und in Ostsachsen noch mal ganz von vorn anfangen musste. Auch so etwas kann stark machen.

Vor allem ihre Familie gab ihr Halt und Kraft in den vergangenen Monaten. Aber auch viele Menschen aus Demitz-Thumitz und Umgebung, die ihr auf vielfältige Weise zu verstehen gaben, dass sie mitfühlen und die Daumen drücken für die Genesung. Menschen riefen an, schickten einen Kartengruß, ein kleines Buch oder eine andere Aufmerksamkeit, sprachen sie beim Einkaufen an. Einige sagten auch: Wir beten für sie mit. All diese Empathie habe ihr gut getan, sagt Gisela Pallas.

Schwergefallen, von der Arbeit abzuschalten

In der Zeit ihrer Krankheit las sie viele Bücher. Zum Beispiel über die Reformation und Biografien. Und sie löste Sudoku, „um mich abzulenken“. Wirklich loslassen von der Arbeit der Gemeinde konnte sie aber auch in den vergangenen Monaten nicht. Zwar wusste sie, dass sie kompetente Amtsleiter, ein eingespieltes Team in der Verwaltung und nicht zuletzt mit Martin Grohmann einen engagierten ehrenamtlichen Stellvertreter hat. Doch es falle ihr schwer abzuschalten, sagt Gisela Pallas. Die Bürgermeisterin verfolgte das Geschehen in ihrer Gemeinde. Sie brachte ihre Ideen ein, als zum Beispiel eine Delegation aus Bautzens bayerischem Partnerlandkreis im Sommer Demitz besuchte und sich fürs erste September-Wochenende Gäste aus der Partnerstadt Bammental und deren französischer Partnergemeinde Vertus angesagt hatten. Am 3. September, dem Sonntag vor ihrem ersten Arbeitstag, war die Bürgermeisterin wieder auf dem Posten. In Demitz-Thumitz fand der Tag des offenen Granitdorfes statt. Für Gisela Pallas auch ein Erfolg in anderer Hinsicht: Sie war es, die 2009 den Stein ins Rollen brachte, der Demitz-Thumitz den Sieg im Landeswettbewerb „Erlebnisdörfer“ und die Marke „Granitdorf“ brachte.

Inzwischen ist der Arbeitsalltag zurück. Auf ihrem Schreibtisch liegen die verschiedensten Projekte. Für die Verbesserung des Brandschutzes in der Demitzer Kindertagesstätte wahrscheinlich noch in diesem Jahr sind die Beschlüsse gefasst. Für anderes laufen die Absprachen. Etwa für die weitere Sanierung des Sport- und Freizeitzentrums sowie Maßnahmen zum Hochwasserschutz in Pottschapplitz und Pohla im nächsten Jahr. Der Landkreis plant, die Straße zwischen Wölkau und Stacha zu sanieren. Gebaut wird zwar erst in ein paar Jahren. Aber die Planungen laufen jetzt. Verantwortung, der sich die Bürgermeisterin stellen möchte.

In den fünf Monaten, in denen sie krank war, habe sie kein einziges Mal daran gedacht, ihr Amt vorzeitig abzugeben, sagt Gisela Pallas. Eine Kämpfernatur wie ihre Großmutter. „Ich habe immer gehofft, wieder gesund zu werden.“ Sie wolle versuchen, manches künftig etwas gelassener anzugehen, auch wenn ihr einige Veränderungen in unserer Gesellschaft Sorgen machen. So beobachtet sie, dass manche Menschen sofort aggressiv reagieren, anstatt sachlich nach einer Lösung zu suchen, wenn es nicht gleich nach ihren Wünschen geht. Auch vor dem Gemeindeamt macht so etwas nicht halt. „Wir sollten uns wieder darauf besinnen, was wirklich wichtig ist und was uns trägt“, sagt Gisela Pallas.