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Depression trifft Krise

Corona verstärkt die negative Sicht aufs Leben. Selbsthilfegruppen testen jetzt neue digitale Austauschmöglichkeiten.

Austausch nur noch per Video: Depressionspatientin Charis Krüger zu Hause.
Austausch nur noch per Video: Depressionspatientin Charis Krüger zu Hause. © Deutsche Depressionshilfe

Charis Krüger erlebt gerade eine Achterbahn der Gefühle – von Niedergeschlagenheit bis Glück. „Am Anfang der Coronakrise ging es mir überraschenderweise gut. Ich hatte total viel Energie, das Wetter war so schön. Ich habe mich gefragt, warum ich so positiv drauf bin“, sagt die 25-Jährige. Dann kam das schwarze Loch. Ihre Therapeutin habe ihr erklärt, dass jetzt auch andere so wie sie zu Hause sitzen müssen und nicht viel machen können. „Das schafft ein Wir-Gefühl. Es hilft mir im Moment sehr, auch die schlechten Phasen zu überstehen“, sagt die Lifestyle-Bloggerin. Sie ist seit zehn Jahren wegen ihrer Depressionen in Behandlung.

So wie Charis sprechen auch andere Betroffene sehr persönlich über ihre Krankheit und wie sie in der Coronakrise damit klargekommen sind – in Videoclips. Ergänzt werden die Berichte durch ärztliche Statements. Die interaktive Webseite „Die-mitte-der-nacht.de“ wurde von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe initiiert. Ziel ist es, der Krankheit Depression Stimme und Gesicht zu geben. Das von Benjamin Maack zum Beispiel: Er habe keinen so positiven Hype wie Charis erlebt, sondern durch die Coronakrise einen „relativ starken Absturz“. „Ich hatte Tage, an denen ich nur liegen konnte, habe mir aber gesagt, dass ich etwas tun muss. Nur was, das wusste ich nicht.“ Das Schwerste sei für ihn gewesen, sich zuzugestehen, dass er es wert ist, Hilfe anzunehmen.“ Die Krise komme für alle das erste Mal, sagt er, und deshalb sei es kein Wunder, wenn man dünnhäutiger ist.

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Die Aufklärungs-Webseite über Depressionen ist aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ entstanden. Die Autoren haben dafür zwei Frauen und eine Familie mit Depressionen über zwei Jahre lang begleitet. Der Film, der vor vier Jahren Premiere feierte, war seither in über 90 Orten Deutschlands zu sehen.

Negative Gefühle werden stärker

Interessierte und Erkrankte könnten die interaktive Webseite auch selbst mitgestalten und eigene Berichte einstellen. Das sei ein Grund für die Krankenkasse AOK Plus gewesen, das Projekt finanziell zu unterstützen. „Derzeit gehen bei uns viele Projektanträge von Selbsthilfegruppen ein“, sagt Evelin Schellenberger, Verantwortliche für Selbsthilfe. „Viele nutzen angesichts der Kontaktbeschränkungen die Chance, neue digitale Kommunikations- und Austauschformate zu testen.“ Diese könnten eine Hilfe sein, wenn klassische Gruppentreffen nicht möglich sind.

Das hat auch Charis gespürt: „Videoanrufe und Telefonate über Skype sind sonst eigentlich nicht so mein Fall. Doch sie sind besser als nichts. Denn auf der anderen Seite sitzt immer jemand, der mir zuhört.“ Wichtig sei es, so früh wie möglich zu überlegen, was dem Einzelnen jetzt helfen könnte und sich Unterstützung zu suchen. „Bitte wartet nicht, bis ihr gar nicht mehr aufstehen und zum Telefonhörer greifen könnt“, sagt Heide Fuhljahn. Die Journalistin und Buchautorin ist seit Jahren an Depressionen erkrankt. Auch sie hat ihren Bericht auf der Webseite anderen zugänglich gemacht.

Jedes Jahr erkranken 5,3 Millionen Menschen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Rund eine halbe Million sind es der Krankenkasse Barmer zufolge in Sachsen. „Die Volkskrankheit ist gekennzeichnet durch gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit, hartnäckige Schlafstörungen und das Gefühl der Ausweglosigkeit“, beschreibt es Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Etwa elf Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer seien erkrankt. Diese Zahl sei seit Jahren stabil. Gefühlt nimmt die Krankheit aber zu, auch weil die Krankenkassen einen stetigen Anstieg der Behandlungszahlen registrieren. Für Ulrich Hegerl ein gutes Zeichen: „Denn die Menschen suchen sich professionelle Hilfe und verstecken ihre Krankheit nicht mehr – zum Beispiel hinter Rückenschmerzen.“ Je mehr darüber gesprochen werde, umso mehr Betroffene trauten sich, Hilfe anzunehmen. 

Einblick in die Gefühlswelt Depressiver

Krisen, wie die Corona-Pandemie, könnten Depressionen aber nicht auslösen, so der Professor: „Depressionen sind eine eigenständige Erkrankung, die unabhängiger von äußeren Einflüssen ist als manche glauben.“ Krisen hätten aber dennoch Auswirkungen: In einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt – auch die Sorgen und Ängste wegen des Coronavirus. Hinzu käme, dass Betroffenen die Energie und die Hoffnung fehlten, sich auf die neue Situation einzustellen, sie brauchten Kontinuität. Darüber spricht Uwe Hauck in seinem Videoclip: „Vor Corona brauchte ich mindestens eine halbe Stunde, um zur Arbeit zu gehen. Dieser Rhythmus tat mir gut. Jetzt gehe ich ins Nebenzimmer. Es gibt keine Trennung mehr zwischen beruflichem und privatem Alltag, wenn man von zu Hause aus arbeitet. Damit kann ich beruflichen Stress ganz einfach mit nach Hause tragen, denn ich bin ja zu Hause.“

Aus Sicht der Deutschen Depressionshilfe gibt es noch immer große Wissenslücken und Vorurteile über Depressionen. Die Krankheit werde häufig mit Sorgen oder Überforderung verwechselt, die jeder in seinem Alltag erlebt. Die Aufklärungsarbeit dürfe nicht aufhören. Auch darüber, dass Menschen mit Depressionen einen uneingeschränkten Anspruch auf Behandlung haben, sowohl mit Antidepressiva, als auch mit Psychotherapie, so Hegerl. „In Folge der Coronakrise ist es für depressiv Erkrankte zu einer Zunahme der diagnostischen und therapeutischen Defizite gekommen. Beispielsweise wurden planbare Behandlungen verschoben und Ambulanzen und Tageskliniken heruntergefahren, um das Infektionsgeschehen zu dämpfen. Häufig sagten Patienten Sprechstunden ab – wegen übertriebener Infektionsängste oder auch aus Scheu, die möglicherweise knappen Ressourcen in Anspruch zu nehmen.“ Im ambulanten Bereich werde über vermehrt ungenutzte Kapazitäten berichtet. „Doch die Abnahme der Versorgungsqualität für psychisch Kranke birgt das Risiko eines Anstiegs der Suizide.“

Tausende Male wurde die Seite indes deutschlandweit geklickt. Die Kommentare darauf geben einen Einblick in die Gefühlswelt depressiver Menschen. Ein Ausschnitt: „Ich fühle mich damit so verstanden und weiß, dass ich nicht allein mit meinen derzeitigen Gefühlen bin. Mir fällt alles schwer, und ich muss mich zu Aktivitäten zwingen.“ „Gesunde Menschen und auch viele Angehörige verstehen diese Krankheit nicht. Da kann man auch gegen die Wand reden. Es geht nicht nur ums Weinen, der ganze Körper ist im Streik gegen sich selber. Der Motor ist kaputt.“ „Ich habe ähnliche Erfahrungen wie Benjamin gemacht: großes Loch am Anfang der Krise und inzwischen ein Annehmen und Erkennen der positiven Seiten der aktuellen Situation.“ „Danke für die tollen Beiträge. Trotzdem sitze ich da und mein Berg erdrückt mich.“

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  • Ein internetbasiertes, kostenfreies Selbstmanagement-Programm für Menschen mit leichteren Depressionsformen ab 15 Jahren ist iFightDepression. Durch Übungen lernen sie zum Beispiel, den Tag zu strukturieren und negative Gedankenkreise zu durchbrechen. www.ifightdepression.com

  • Ein fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch gibt es unter www.diskussionsforum-depression.de

  • Für telefonischen Rat gibt es ein deutschlandweites Infotelefon Depression unter Tel. 0800 3344533.

  • Infos, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression gibt es unter www.deutsche-depressionshilfe.de Auf dieser Seite kann auch der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ bestellt werden.

  • Zum interaktiven Film- und Medienprojekt mit persönlichen Videoclips und Expertenstatements gelangt man über www.die-mitte-der-nacht.de/thema/krise

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