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„Der Bedarf an Pflegeeltern wächst stetig“

Im Landkreis fehlen Pflegeeltern. Referatsleiterin Antje Förster vom Pflegekinderdienst erklärt, wer dafür geeignet ist.

Frau Förster, das Jugendamt scheint ständig auf der Suche nach Pflegeeltern zu sein. Wächst der Bedarf?

Der Bedarf steigt seit 2009 stetig. Vor fünf Jahren wurden im Landkreis 144 Kinder von Pflegeeltern betreut. Heute sind es 191 in 133 Pflegefamilien. Bei Kindern bis zu sechs Jahren bemühen wir uns vorrangig um die familiennahe Unterbringung bei Pflegeeltern. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach geeigneten Familien.

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Wo liegen die Gründe für den steigenden Bedarf?

Es gibt in Familien Lebenssituationen, in denen Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern vorübergehend oder auch auf Dauer die notwendige Fürsorge, Förderung und Erziehung angedeihen zu lassen.

Immer wieder schrecken uns Nachrichten über vernachlässigte und misshandelte Kinder auf. Oft stehen dann die Jugendämter in der Kritik. Führt das dazu, dass Kinder heute schneller aus den Familien herausgenommen werden?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Die Familie ist ein hohes Gut. Ehe Kinder von ihren leiblichen Eltern getrennt werden, sollten familienunterstützende und -erhaltende Angebote wie Erziehungsberatung und Familienhelfer wirksam werden.

Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, der sich für die Aufnahme eines Pflegekindes entscheidet?

Vor allem muss die eigene, familiäre Struktur stimmen und Verständnis für die Situation der Kinder da sein. Pflegekinder sind nicht immer einfach, sie haben oft schon viel erlebt, sind mitunter traumatisiert. Pflegeeltern müssen daher auch emotional belastbar sein und Konflikte aushalten können. Es müssen natürlich auch ein kindgerechtes Umfeld und ausreichender Wohnraum vorhanden sein.

Welches Verfahren durchlaufen die Interessenten?

Nach der Bewerbung und wenn die Voraussetzungen stimmen und geprüft sind, absolvieren sie einen Vorbereitungskurs. Er umfasst acht Abendtermine von je drei Stunden. Dort werden die künftigen Pflegeeltern ausführlich darüber informiert, was auf sie zukommt, was an rechtlichen Aspekten zu beachten ist und anderes mehr. In den folgenden Hausbesuchen durch den Pflegekinderdienst werden offene Fragen geklärt und das individuelle Profil der Familie herausgearbeitet. Damit Vollzeitpflege gelingt, müssen Partner gemeinsam auch mit Blick auf die eigenen Kinder das Konzept tragen, um Pflegeabbrüche zu vermeiden.

Kommt es nach dem umfangreichen Prüfverfahren auch vor, dass jemand abgelehnt wird?

Natürlich stellt sich gelegentlich heraus, dass ein Bewerber Vorstellungen von der Leistung einer Pflegefamilie hat, die nicht realistisch sind. Wir lehnen keine Familie ab, sondern beraten, wo Veränderungen möglich sind. Grundsätzlich ist das Kind Maßstab bei der Auswahl der geeigneten Pflegefamilie. Das heißt, wir suchen die Familie, die der individuellen Situation des Kindes am besten gerecht werden kann.

Auf welche Schwierigkeiten müssen sich Pflegeeltern einstellen?

Pflegeeltern leisten öffentliche Erziehung in privatem Rahmen. Ziel des Jugendamtes ist es, zu erreichen, dass die Kinder in die eigene Familie zurück können. Das heißt, Pflegeeltern müssen den Kontakt mit der Herkunftsfamilie halten und den Kindern den Umgang mit ihnen ermöglichen. Gleichzeitig müssen sie der alltäglichen Verantwortung einer Elternschaft gerecht werden, wie Einhaltung notwendiger Arzttermine, Therapien, Zusammenarbeit mit Kita und Schule und anderes. Dieser Spagat zwischen Pflegefamilie auf der einen Seite und den leiblichen Eltern auf der anderen ist für alle Beteiligten nicht immer leicht.

Wer hilft Pflegeeltern bei Problemen?

Es gibt neben der Beratung durch den Pflegekinderdienst Einrichtungen von freien Trägern zur Pflegeelternberatung. Im Freitaler Raum ist das der Verein Mundwerk, der Supervision für Pflegeeltern anbietet. In Pirna ist es die Diakonie mit einem Modellprojekt zur Pflegeelternberatung. Pflegeeltern können mit unterschiedlichsten Problemen zu ihnen kommen. Natürlich stehen auch alle Erziehungsberatungsstellen im Landkreis den Pflegeeltern offen. Des Weiteren bieten wir Fortbildungen an und initiieren Pflegeelterntreffs zum gegenseitigen Austausch. Wichtig ist auf jeden Fall zu wissen, dass Pflegeeltern bei Problemen nicht allein gelassen werden.

Hält auch der Pflegekinderdienst weiter Kontakt mit den Familien?

Auf jeden Fall. Wir treffen uns mehrmals jährlich mit den Pflegefamilien und Sorgeberechtigten und überprüfen die Situation des Kindes. Dazu finden auch Hausbesuche in der Pflegefamilie statt. Das ist wichtig, damit jedes Kind die Möglichkeit hat, auch mit uns sprechen zu können.

Erhalten Pflegeeltern auch finanzielle Unterstützung?

Es gibt finanzielle Leistungen zum Lebensunterhalt des Kindes. Sie sind nach Alter gestaffelt. Zusätzlich erhalten Pflegeeltern eine monatliche Entschädigung für Erziehungsleistungen von derzeit 235 Euro.

Wie lange bleiben Pflegekinder in der Regel bei den Ersatzfamilien?

Das kommt immer auf die Situation in der leiblichen Familie an. Es kann sich um eine nur begrenzte Dauer, um eine Kurzzeit- oder Bereitschaftspflege handeln, aber auch um eine Dauerpflege bis zum 18. Lebensjahr, also bis zur Volljährigkeit.

Dann ist aber sicher noch nicht jeder in der Lage, auf eigenen Füßen zu stehen. Kann die Hilfe weiter gewährt werden?

Bei jedem Pflegekind wird rechtzeitig geprüft, ob es als Heranwachsender weiterer Unterstützung bedarf. Dazu werden individuelle Wege aufgezeigt, wie der Übergang von der Pflegefamilie in die eigenen vier Wände, in ein Internat oder ein Behindertenwohnheim. Der Schritt in die Selbstständigkeit kann auch von den Pflegeeltern weiter begleitet werden.

Sie suchen Pflegeeltern. Wie würden Sie für diese Aufgabe werben?

Ich möchte alle, die Kraft und Liebe dafür übrig haben, ein Kind ein Stück auf seinem Weg zum jungen Erwachsenen zu begleiten, auffordern, sich bei uns als Pflegeeltern zu bewerben, um den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Das Gespräch führte Regine Schlesinger.