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Der Bunkerpapst erklärt die Unterwelt

Mitte der 1980er-Jahre wurde der Bunker in der Herrenleite atomsicher ausgebaut. Ein Blick in die Katakomben von heute.

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Von Heike Wendt

So sieht also eine Hoheit aus. Über den novembertauglichen Reiseklamotten ein Blaumann, leicht verblichenes Basecap, standesgemäß mit der Internetadresse ddr-bunker.de beschriftet, blauer Rucksack. Der Kopfschutz wird aufgerüstet, der Stoff verschwindet unter einem Helm mit Stirnlampe.

Paul Bergner, 1939 in Dresden geboren, durch Zufall dem Inferno entgangen, wie er gern erzählt, später Bereitschaftspolizist, Zugführer bei den Panzertruppen, Abwehroffizier des Ministeriums für Staatssicherheit und Diplomjurist, ist gerüstet für einen Kontrollgang auf kilometerlangen unterirdischen Gängen in der Lohmener Herrenleite. Paul Bergner ist der Bunkerpapst.

Sämtliche Bunkeranlagen in Ost und West hat er akribisch erforscht, Unterlagen gewälzt, Zeitzeugen befragt. Auch über Lohmen weiß er Bescheid. Zwei Hauptstollen führen ins Innere, die über vier Querverbindungen vernetzt sind. Mehrere Kammern zweigen von beiden Gängen ab. Darüber liegen mindestens zwanzig Meter Gestein, obendrüber die Felder zwischen Doberzeit und Herrenleiter Weg. Die radioaktiven Abfälle aus dem Kernforschungszentrum Rossendorf, berichtet er, waren vor dem Ausbau des Bunkers ab 1983 in einen anderen Stollen umgelagert worden. Das Komplexlager 32 – unter diesem Namen ist der Bau in die Geschichte eingegangen – sollte der NVA als Versorgungsbasis dienen, ebenso wie die Anlagen in Blankenburg, Halberstadt und Rothenstein. Ein kleiner Personalbunker in der Lohmener Anlage bietet Platz für wenige Menschen. Mindestens genauso viel Raum nehmen die Luftfilteranlagen ein. „Das Hauptproblem war die Kühlung der Aggregate“, erklärt der Fachmann. Allein 5700 Mark monatlich sind nach seinen Recherchen im Jahr 1998 für elektrischen Strom ausgegeben worden. Die Unterhaltung der Anlage belief sich nach seinen Angaben auf 686000 Mark pro Jahr. 30 Tage lang sollte man darin nach einem atomaren Anschlag überleben können. Zwölf Stunden waren für das Leerräumen in der Herrenleite eingeplant. Ob der unglaubliche Aufwand beiderseits der Grenze im Ernstfall genützt hätte, stellt Paul Bergner in Zweifel. „Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter“, ist sein Kommentar aus heutiger Sicht dazu. Mit seinen Ansichten wird der heute in Basdorf in Brandenburg lebende Pensionär nicht immer bejubelt. Dem 73-Jährigen ist es egal. Es geht ihm um Geschichtsaufarbeitung. Sein Buch „Atombunker, Kalter Krieg, Programm Delphin“ listet auf 900 Seiten unzählige Fakten über Bunkerbauten auf. Einige davon können noch besichtigt werden, unter anderem der ehemalige Führungsbunkerkomplex des DDR-Innenministeriums bei Freudenberg in der Nähe von Berlin. Am 24.und 25. November kann die Anlage ohne Voranmeldung von 9 bis 16 Uhr besucht werden.

Der Lohmener Stollen ist nach dem Kontrollgang von Paul Bergner, weiteren Fachleuten und dem Eigentümer wieder mit vierfach verriegelten Stahltüren verschlossen. Der Besitzer, der Lohmener Bikerclub, öffnet diese erst kurz vor Weihnachten wieder zur „Weltuntergangsausfallparty“ am 22. Dezember.

ddr-bunker.de