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Der erste frei gewählte Bürgermeister Pirnas

Mit der Städteordnung von 1832 wurde der Übergang vom alten Stadtregiment zur bürgerlichen Verwaltung vollzogen.

Von Rudolf Hajny

Die ersten Wahlen nach Einführung der Städteordnung fanden am 28. Juni 1832 statt. Zur wahlberechtigten Bürgerschaft zählten nur männliche Einwohner christlichen Glaubens ab dem 25. Lebensjahr mit gesichertem Auskommen und Grundbesitz oder Gewerbe.

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Die Wahl der Stadtverordneten, des Rates und des Bürgermeisters war indirekt. Die Pirnaer Bürgerschaft wählte zunächst 72 Wahlmänner, die ihrerseits 18 Mitglieder eines Bürgerausschusses wählten. Dieser Ausschuss und die „Communrepräsentanten“ kürten schließlich das „neue Stadtregiment“ und mit 26 von 35 Stimmen Paul August Ritterstädt zum Bürgermeister. Der aber schreckte vor der Herausforderung zurück und lehnte das Amt ab.

Amt anfangs abgelehnt

Sein Schwiegervater, der Superintendent Dr. Tischer, drängte ihn mit den Worten „vox populi vox dei“, Volkes Stimme ist Gottes Stimme, seiner Verantwortung nachzukommen.

Nach „schweren inneren Kämpfen“ nahm Ritterstädt die Wahl an, und am 30. September feierte Pirna die Einführung des ersten frei gewählten Stadtrates. Die Kirchenglocken läuteten den Tag ein, vom Turm der Stadtkirche wurde ein Morgenlied geblasen, und die Kapelle der Kommunalgarde marschierte durch die Stadt. Die „neuen Behörden“ versammelten sich im festlich geschmückten Rathaus, an dessen Portal die Worte Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Eintracht, Vertrauen prangten. Bürgermeister Ritterstädt dankte für das Vertrauen, dem neuen Stadtregiment vorstehen zu dürfen, welches „zum ersten Male durch freie Wahl hervorgegangen“. Nach Gottesdienst, festlichem Mahl im „Forsthaus“, bei dem „mancher Toast auf alles ausgebracht wurde, was uns allen wert und teuer ist“, wurde getanzt und auf der Haabe ein Jubelschießen veranstaltet.

Finanzwesen modernisiert

P. A. Ritterstädt reformierte das alte Stadtregiment zur bürgerlichen Selbstverwaltung. Das Finanzwesen wurde modernisiert und das Verwaltungsjahr nicht mehr von Michaelis bis Michaelis, sondern als Kalenderjahr gerechnet. Der Stadtsyndikus, der die städtischen Kanzleigeschäfte in seiner Privatpraxis erledigte, musste der Ratskanzlei im Rathaus weichen. Die städtischen Beamten wurden fest besoldet. Der Bürgermeister bezog 800 Taler im Jahr, der Stadtkassierer 700 Taler und der Flurschützer immerhin 60Taler.

Bürgermeister Ritterstädt leitete die Geschicke der Stadt von 1832 bis 1849. Er war ein Pirnaer Kind. 1796 als Sohn des Stadtrichters geboren, kam er nach dem Besuch der Knabenschule und Privatunterricht beim Stadtschreiber 1809 auf die Fürstenschule in Meißen und studierte in Leipzig die Rechte. 1817 kehrte er zurück, verwaltete die Patrimonialgerichte in Langenhennersdorf und Ottendorf und heiratete 1826 die Tochter des Superintendenten Dr. Tischer.

Während er nach 1830 engagiert die Reformen durchsetzte, stand er den revolutionären Ereignissen 1848/1849 verständnislos gegenüber. Der Kollaboration mit den Monarchisten verdächtigt und von einer aufgebrachten Menschenmenge bedrängt, floh er. Ritterstädt demissionierte, zog nach Dresden und arbeitete am Appellationsgericht. Hoch betagt und über Vereinsamung klagend, starb er 1883.