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Der ewige Seemann

Berndt Gückel fuhr einst mit der DDR-Handelsmarine um die Welt. Auf die Seenotretter im Mittelmeer hat der alte Schiffsoffizier einen ganz eigenen Blick.

© André Braun

Von Tobias Wolf

Berndt Gückel hat geflaggt. Der Wind lässt die Wimpel tanzen, als wehten sie über der Reling eines Hochseefrachters. Blau, weiß, rot, gelb und schwarz, unzählige Kombinationen. Signale, Buchstaben, Morsecodes. Ein Flaggenalphabet, das jeder Seemann weltweit versteht, gespannt auf zwei dünnen Seilen. Gückels Schiff ist sein Garten, die Reling der Gartenzaun, der Giebel des Hauses die Schiffsesse. Mitten in Sachsen, in Saalbach bei Hartha, einem Dorf zwischen Dresden, Chemnitz und Leipzig. Dahinter fällt das Tal steil in Richtung Zschopau ab, die gemächlich durch Wiesen und Wälder schlängelt. Früher kannte der 63-Jährige das ganze Alphabet. „Die da heißt: Lotse an Bord.“ Er deutet auf eine rot-weiße Fahne.“

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Als Lehrling fuhr Bernd Gückel auf der „Georg Büchner“. Sein „Westvisum“ galt theoretisch noch bis 1998 – da war seine Zeit in schwerer See aber längst vorbei.
Als Lehrling fuhr Bernd Gückel auf der „Georg Büchner“. Sein „Westvisum“ galt theoretisch noch bis 1998 – da war seine Zeit in schwerer See aber längst vorbei. © André Braun
Die „Georg Büchner“.
Die „Georg Büchner“. © André Braun

Seine Augen suchen das Seil ab. „Da, die Gelbe, die steht für den Gesundheitszustand an Bord.“ Die Farbe kennt der alte Seemann nur zu gut. „Wir kamen aus dem Mittelmeer und haben tagelang vor Wismar geankert, weil die ganze Besatzung Durchfall hatte.“ Damals in den 80er-Jahren, als die DDR eine stolze Handelsmarine hatte. Als Gückel Schiffsoffizier auf Frachtern mit Namen wie „Schönwalde“ und „Werbellinsee“ war. Als junge Männer freiwillig zu den Grenztruppen gingen, weil nur so der Traum von der Seefahrt in Erfüllung gehen konnte. Erst die Grenze, dann die für DDR-Verhältnisse große Freiheit, erkennbar am Stempel im Pass. Denn die Seereisen endeten nicht am Eisernen Vorhang und brachten auch Westgeld. Gückels letztes Visum „zum Überschreiten der Seegrenze der DDR“ hätte bis 1998 gegolten.

Von Bord ging er mit der Deutschen Einheit. Fast 20 Jahre nachdem er als Matrosenlehrling angefangen hatte. Die Seefahrt hat ihn nie losgelassen, obwohl er seit kurz nach der Wende als Pharma-Referent im Außendienst Medikamente vertrieb. Jetzt ist Gückel Rentner. Er flaggt nur noch zu besonderen Anlässen oder wenn er oder seine Frau Geburtstag haben. Einmal Seemann, immer Seemann. In diesem Sommer stehen einige Wimpel auch für etwas, das über die Liebe zur Seefahrt hinaus und Gückel an die Nieren geht. Vielleicht das rote Kreuz oder die rote Raute auf weißem Grund. Es sind die Signale für Hilferufe und Manövrierunfähigkeit, im Klartext Seenot.

Es ist das Schicksal des Dresdner Schiffs „Lifeline“, das Gückel beschäftigt. Der frühere Fischkutter, der unter den Augen der Weltöffentlichkeit mit 234 Geretteten an Bord eine Woche lang keinen südeuropäischen Hafen anlaufen durfte. Ein Spielball der Politik, eine Nussschale in schwerer See. Ein Schiff, das Menschen im Mittelmeer aus Seenot rettet und jetzt selbst in Not ist. Ein Symbol für eine ganz simple Frage, die sich Berndt Gückel nicht erst stellt, seit die Wogen über der „Lifeline“ zusammenschlagen. Etwas hat sich verändert, ist näher gerückt. „Ehrenamtliche Seenotretter werden in der Öffentlichkeit kriminalisiert“, sagt Gückel. „Es wird der Eindruck erweckt, als wäre die Rettung nur eine Option neben dem Ertrinkenlassen.“

So sieht es Gückel und das macht ihn manchmal wütend. Dann verschwinden die Lachfältchen um die Augen und sein Schnurrbart beginnt aufgeregt über den Lippen zu hüpfen. „Wer in Seenot ist, muss gerettet werden, das ist keine Frage von Gesetzen.“ Gückel ist keiner, der für einfache Antworten zu haben ist, betrachtet die Dinge lieber nicht nur von einer Seite aus. Dafür mit dem Auge des Seemanns, der fast die ganze Welt gesehen hat, Elend in Afrika nicht nur aus dem Fernseher kennt. Grundsätze sind Grundsätze, erst recht, wenn es um Menschenleben geht.

Der Seemann sitzt nach vorn gebeugt auf dem Stuhl der „Kommandobrücke“. Die „Brücke“ ist sein Reich im Souterrain des Hauses. Hier schwelgt er in Erinnerungen und heckt neue Ideen aus. Das wichtigste Gerät war auch schon auf der echten „Brücke“ das wichtigste. Die Kaffeemaschine. In der Mitte ein Schreibtisch und Regale in Bucheoptik, ein Computermonitor, mit dem er sich durch die Nachrichtenströme des Internets wühlt. Wenn er E-Mails schreibt, enden die meistens mit „Ahoi“.

Ein stachliger Christusdorn und eine Glückskastanie vor dem Fenster dimmen das grelle Sonnenlicht. An der Wand Kalender, Merkzettel, Souvenirs der Nachwendezeit, die Patenturkunde für eine von ihm erfundene Nackenstütze fürs Auto. Gegenüber ein Seemannsleben in Fotos hinter Glas zusammengefasst. Ein Frachter ist zu sehen, Wellen peitschen darüber hinweg. Ein Foto zeigt Gückel als Matrosenlehrling. Auf einem anderen in Uniform der Grenzbrigade Küste als Steuermann auf einem Minensuchschiff. Daneben das Kapitänspatent, dass er ein paar Monate vor seinem letzten Landgang erhielt.

„Wer zur Handelsmarine wollte, durfte keine Westverwandtschaft haben.“ Gückel erzählt, er habe an den Sozialismus geglaubt. „Ich war nie Revolutionär, wie es sie nach der Wende plötzlich massenhaft gab und bin es bis heute nicht.“ Vom Deck eines Frachters dürfte die Perspektive anders gewesen sein als an Land. Zumal Seeleute Privilegien genossen, in westlichen Häfen Landgang und zusätzlich zum Lohn fünf Westmark pro Tag auf See erhielten. Schon die Lehre sei etwas Besonderes gewesen.

Berndt Gueckel rollt große Papiere auseinander, die um ein Messingrohr geschlungen sind. Auf den ersten Blick ein Wandkalender. Auf dem Deckblatt steht „1. Seefahrts-Tramp-Museum“. Ein bisschen Schifffahrts-ABC und vor allem sein Leben. Er zeigt es Gästen bei Kreuzfahrten, die er seit dem Renteneintritt als Reiseleiter begleitet. Mehrmals im Jahr auf Ozeankreuzern wie der „Queen Mary 2“ oder Aida-Schiffen, während seine Frau noch ein Jahr bis zur Rente hat. „Ich muss mich bewegen, ich habe keine Lust beim Nichtstun zu verblöden.“ Einen Roman hat er auch schon geschrieben. Wenn er Seemannsgarn erzählen kann, leuchten die Augen. Er liebt es, Menschen für die Schifffahrt zu begeistern.

„Hier“, sagt er und deutet auf das Foto eines Schiffs. „Georg Büchner“ steht am Bug. „Das hieß mal Charlesville und war für den Liniendienst von Belgien in die Kongo-Kolonie gebaut worden, bevor es die DDR als Ausbildungsschiff kaufte.“ 130 Lehrlinge seien sie an Bord gewesen. „Mit 16 sind wir ein ganzes Jahr mit der Büchner gefahren“, sagt er. „Wir haben gekotzt, geschwitzt, zehn Kilo abgenommen und sind als Männer hinterher nach Hause gekommen.“ Drei Mal nach Kuba, vor Florida wegen der US-Seeblockade immer begleitet von amerikanischen Düsenjägern. Abenteuer und exotische Länder weitab der Heimat. Er ist bis heute stolz darauf.

Bei einer Kuba-Fahrt habe er das erste Mal „Mann über Bord“ erlebt. Ein Matrose sei tot im Wasser neben dem Schiff getrieben. „Von einem Frachter aus Panama runtergefallen, hieß es.“ Er hat das nie vergessen. Auf dem nächsten Blatt ist die „Eichwalde“ zu sehen, ein 1976 in Rostock gebautes Frachtschiff, auf dem Gückel oft auf der Brücke stand und das nach dem Untergang der DDR-Flotte für chinesische Reeder unter karibischer Flagge weiterfuhr.

Obwohl er fast 30 Jahre nicht mehr als Offizier auf der Brücke stand, verfolgt Gückel, was auf den Ozeanen passiert. Alte Kameraden trifft er regelmäßig in einem Verein für DDR-Seeleute. Aber die Nostalgie ist gerade ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Seit Wochen verschlingt er alle Nachrichten, die mit Mittelmeer und Seenotrettung zu tun haben – bei aller Seemanns-Sympathie kein einfaches Thema.

Gückel sucht nach einer Haltung, obwohl für ihn eigentlich alles klar ist. Es sei ein Unterschied, ob ein Schiff zufällig vorbeifährt und Menschen aus seeuntüchtigen Schlauchbooten rettet oder ob es extra hinfährt. Er spricht leise und bedächtig. „Die Schlepper in Libyen wissen, dass da jemand auf See liegt, der denen sozusagen die Ware abnimmt und das regelmäßig.“ Damit würden Helfer wie die Besatzung der „Lifeline“ zum Teil des Geschäftsmodells der Schlepper, ob sie das wollen oder nicht. Gückel hält kurz inne und richtet sich dann in seinem Stuhl auf. „Ich zolle den Lifelinern trotzdem Respekt, weil es ohne Idealisten schlecht um diese Welt stehen würde.“

Die Diskussion um das Schiff beschäftige sich mit Nebensachen wie der Registrierung oder der Lizenz des Kapitäns, obwohl die „Lifeline“ im Auftrag der italienischen Seenotrettungszentrale Migranten rettete. „Die Lifeline wird von den Politikern nur zum Sündenbock gemacht, dabei braucht es eine internationale Problemlösung.“

Für die Fluchtursachen interessiere sich keiner und die nächsten, die ihre Koffer packen würden, seien die Klima-Flüchtlinge, sagt Gückel. „Man sollte die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen angucken und fragen, was wir damit zu tun haben.“ Alle Welt habe vor der Küste Afrikas Fischrechte, sagt Gückel. „Was hat die Bevölkerung dort davon? Nichts!“ Es sei wie zu Kolonialzeiten. Glasperlen gegen Diamanten.

Auch die Handelsmarine war dabei. „Die DDR hat weltweit mitgefischt, zum Beispiel Garnelen vor Mosambik“, sagt er. „Wir haben den Fischern Proviant und Bier gebracht und die Garnelen nach Sassnitz gefahren.“ Von dort bis Japan und zurück nach Frankreich. Oder Edelstahl für Meerwasser-Entsalzungsanlagen von Spanien nach Libyen. Globalisierung trotz Kaltem Krieg. Wegen der Devisen. Die volkseigene „Deutsche Seereederei Rostock“ fuhr wie westliche Firmen über die Ozeane, nur deutlich günstiger als die Konkurrenz. Zu Hochzeiten war sie eine der größten Reederei Europas mit über 200 Schiffen.

Oft waren sie mit „Solidaritätsgütern“ beladen. Auf den Touren begann Berndt Gückel die Unterschiede zu begreifen, und wie krass das Elend in Afrika schon damals war. Wie in den 80er-Jahren in Gambia. „Wir hatten gespendete Kleidung abgeladen, die wir dann auf dem Markt wiederentdeckten.“ Dazu eine Ladung Reis und Augentropfen. „Die Hafenarbeiter haben den Reis sofort roh aus den Säcken gegessen und die Augentropfen getrunken.“

Aus Kleidung, die nicht mehr gespendet werden konnte, machten die Seeleute auf ihren Mosambikfahrten Putzlappen. „Als wir mit Schweröl getränkte Lappen in Maputo auf die Pier legten, wurden sie von den Hafenarbeitern mit Kernseife sofort in tragbare Kleidung rückverwandelt.“ In Angola habe so manche Ladung ihr Ziel gar nicht erreicht. Wie das ungarische Maismehl, das Finnland bei einer Unesco-Aktion bezahlt hatte und das für die Swapo in Namibia bestimmt war. „Das haben die Angolaner gleich auf der Pier geplündert“, sagt Gückel. „Vorher hatten Rebellen die von einem Schwesterschiff gebrachten Armee-Lkw mit falschen Papieren in Empfang genommen und entführt.“

Auf der „Brücke“ im Keller ist es für einen Moment still. Nur das leise Surren des Computers ist zu hören. Gückel knetet seine Finger. „Das kann sich keiner mehr vorstellen.“ Manche Dinge seien unverändert geblieben. Die Weltwirtschaft, die Afrika systematisch benachteilige, habe sich zum noch Schlimmeren entwickelt. „Und da wundert man sich, warum die alle zu uns kommen wollen“, sagt Gückel. „Auch wenn das keine Option ist, aber meine Empathie für die Menschen ist ungebrochen.“ Die libysche Küstenwache „rette“ zwar Schiffbrüchige, sagt Gückel. „Aber keiner weiß, was danach passiert. Man kennt ja die Bilder von Internierungslagern.“

Wie Rückkehrer behandelt werden, Gückel hat mehr als nur eine Ahnung davon. „Bootsflüchtlinge wie heute gab es damals nicht“, sagt er. Ob Schiffbrüchige an Bord genommen werden, entschied der Kapitän. „Aber Republik-Flüchtlinge, die mit Kajaks in der Ostsee unterwegs waren, hat an Bord geholt, ob die wollten oder nicht.“ Zurück in der DDR erwarteten sie Verhöre und das Gefängnis.

„Die aus der DDR abgehauen sind, waren auch nicht alle in Not, wenn sie ihr Haus stehen lassen konnten, und sie wollten auch nicht zurück“, sagt Gückel. „Ich habe Gott sei Dank nie einen aus dem Wasser ziehen müssen.“ Aber er kennt Geschichten, wie die von zwei Männern, die es fast geschafft hatten und von einem DDR-Kutter kurz vor dem dänischen Hafen Gedser aufgebracht wurden. Bei internationalen Fällen lagen die Dinge anders. Er meint blinde Passagiere, damals als „Blinde“ abgekürzt. Da sei das Herkunftsland entscheidend gewesen. Auf der Afrika-Route hatte es Gückel mit Mosambikanern zu tun, die sich in Maputo an Bord schlichen, obwohl die Mannschaft das Schiff vor der Abfahrt abgesucht hatte.

Ärger mit dem Kapitän war da programmiert. „Es war natürlich blöd, wenn nach drei Tagen auf See plötzlich Blinde an Deck auftauchten. Es ist Seemannspflicht, sie menschlich zu behandeln, aber sie mussten sich Kost und Logis an Bord verdienen.“ Mit einfachen Arbeiten wie Rostschutzanstriche pinseln, erzählt er. Sie durften die DDR nie erreichen. „Das war kein Problem, wir hatten einen Linienbetrieb nach Mosambik.“ Am Horn von Afrika habe man die Männer an ein Schwesterschiff übergeben, das in der Gegenrichtung unterwegs war.

„Kein Land wollte die haben, zu Hause hat die auch nichts Gutes erwartet und Reedereien mussten alle Kosten übernehmen.“ Vielleicht auch deshalb gab es unmenschlich agierende Schiffsführer, sagt Gückel. Die Menschen einfach über Bord warfen oder schlimmeres. Er erinnert sich noch an einen Fall, den man sich damals erzählte und der weltweit Schlagzeilen machte.

Ein griechischer Kapitän hatte elf Kenianern die Haut aufschneiden und sie vor Madagaskar ins Meer werfen lassen, in dem es vor Haien wimmelte. Sechs überlebten. „Die konnten lesen und haben sich den Schiffsnamen gemerkt“, sagt Gückel. „Zur Ehre der zivilisierten Welt wurde der Kapitän gefasst.“ Ein Gericht verurteilte ihn zu mehr als zehn Jahren Gefängnis.

Im Mittelmeer werden heute seeuntüchtige Schlauchboote zur Todesfalle. „Da weiß keiner, wie viele wirklich ertrinken.“ Menschlichkeit ist Berndt Gückel wichtig. Und doch fürchtet er, dass bisher Selbstverständliches es irgendwann nicht mehr ist. Noch besiegt der gute Glaube die Zweifel des alten Seemanns. Weil es Menschen gibt, die sich dem Sturm der Politik aussetzen. Wie die Dresdner mit der „Lifeline“. „Selbst wenn die dabei ein paar Regeln brechen sollten“, sagt Berndt Gückel. „Wenn das niemand machen würde, sähe es ganz schlecht aus für unsere Humanität.“