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Der geläuterte Frauenheld

Colin Bell ist als Trainer bei Dynamo gescheitert. Danach findet er zu Gott und steht nun im Finale der Champions League – mit den Frankfurter Frauen.

© imago

Von Sven Geisler

Ein Frauenversteher will er gar nicht sein, jedenfalls nicht mehr. Anfangs hat Colin Bell noch gedacht, er müsse sich mehr Mühe geben, genauer hinhören, sensibler reagieren. Doch nun schmunzelt der 53-Jährige und meint: „Mann kann Frauen nicht verstehen.“ Das sagt ausgerechnet einer, der die Fußball-Frauen des 1. FFC Frankfurt ins Finale der Champions League geführt hat; ironischerweise am Männertag, 18 Uhr, treffen sie in Berlin auf Paris Saint-Germain. Das ZDF überträgt live.

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Eislöwen zu Gast in Heilbronn
Eislöwen zu Gast in Heilbronn

Zwei Tage nach der Niederlage in Bayreuth geht es für die Dresdner Eislöwen am Dienstagabend mit dem Gastspiel bei den Heilbronner Falken weiter.

Bell strahlt voller Stolz, als er sagt: „Das hätte ich mir vor wenigen Jahren nicht träumen lassen.“ Wie auch? Gleich bei seiner ersten Station als Cheftrainer scheitert der Engländer. Mit 37 und voller Ideen kommt er am 1. April 1999 zu Dynamo nach Dresden, was viele für einen Aprilscherz halten. Denn eigentlich sollte der blonde Jüngling nach Leipzig, um beim FC Sachsen die Nachwuchsarbeit zu koordinieren. Doch bei Dynamo hatte mal wieder ein Trainer ausgedient, und vermutlich war es noch mehr jugendlicher Leichtsinn als der Reiz der Herausforderung, dass Bell keine Sekunde zögerte, sich auf den schwarz-gelben Schleudersitz zu setzen.

Anfangs läuft es gut, doch mit den ersten Misserfolgen hagelt es sofort Kritik. „In einem so großen Verein mit dieser Tradition wollen viele mitreden. Damit war ich sicher auch überfordert“, sagt Bell. Er versucht, zwischen den Fronten in der zerstrittenen Vereinsführung zu vermitteln und gerät dabei selber zwischen alle Stühle. „Ich wollte Harmonie schaffen.“ Ein aussichtsloses Unterfangen. „Wenn du die eine Mine entschärft hattest, war die nächste schon gelegt.“

In guter Absicht lässt sich Bell die Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer aufschwatzen. „Das kam gerade in Mode“, erinnert er sich, aber bei Dynamo zündete die Idee nicht, auch wenn der vermeintliche Motivationskünstler sogar Feuer machte. Doch es schmolz nur der Plastikpokal, in dem die Schwächen und negativen Gedanken der Spieler in Rauch aufgehen sollten. Die mussten sie nämlich auf Zetteln notieren. Im Bus sollten sie singen: „Bei uns brennt es, bei uns brennt es.“ Schlimmer noch: „Und wir haben kein Wasser!“

Bell spürt, dass es falsch ist, aber er kann es nicht mehr stoppen. „Damit habe ich mein Ansehen in der Mannschaft verloren“, sagt er – und schüttelt den Kopf. Er hat sich danach viel mit Psychologie beschäftigt und auch kein Problem mit individueller sportpsychologischer Betreuung, die mittlerweile gang und gäbe ist. „Aber ich würde nie wieder so einen Motivationspusher an meine Mannschaft lassen.“

Die Situation eskaliert im Frühjahr 2000, als Dynamo zu Hause gegen Sachsen Leipzig verliert und der Sturz in die Viertklassigkeit droht. Volkes Zorn richtet sich gegen den Trainer, der sich nun als „Staatsfeind Nummer eins“ fühlt. „Beschützt von fünf Bodyguards musste ich in den Katakomben ausharren. Die Jungs redeten aufgeregt über ihre Walkie-Talkies: Ja, Herr Bell, jetzt können wir! Nein, Herr Bell, die Fans wollen die Pressekonferenz stürmen.“

Zufall ändert das Leben

Als Assistenztrainer in Mannheim findet er schnell wieder einen Job, aber die Selbstzweifel lassen sich nicht einfach abschütteln. Bis ihm ein Zufall hilft, sein Leben zu ändern. Das Buch, das ihm ein Unbekannter nach dem Spiel reicht, legt er zunächst achtlos in die Ecke. Auf dem Titel ist ein Bild von Claudio Taffarel, Brasiliens Nationaltorwart, aber es ist kein Fußballbuch, wie der Untertitel verrät: „Das Neue Testament – mit Lebensberichten internationaler Spitzensportler.“ Für Bell klingt das erst mal kaum spannend. „Ich habe nicht an Gott geglaubt“, sagt Bell. „Für mich zählte nur, sportlich meine Ziele zu erreichen und privat meinen Spaß zu haben.“

Frauengeschichten kursieren damals in Dresden einige. Der smarte junge Mann mit den fröhlichen blauen Augen muss sich nicht anstrengen, umschwärmt zu werden. Er genießt die Freiheit fern der Heimat im Westerwald, weit weg von seiner Frau und dem fünfjährigen Sohn. „Da sind Dinge passiert, für die ich keinem die Schuld geben kann.“

Seine Einsicht kommt spät. Es ist ein Sonntagmorgen im April 2004, als Bell sich durch die Fernsehsender zappt, bis er einen Amerikaner über Jesus reden hört. „Ich wusste bis dahin nur, dass er ans Kreuz genagelt wurde und Weihnachten das Fest der Geburt Jesu Christi ist“, sagt Bell. „Das war für mich eine Legende, ein Mythos.“ Von dem Mann auf dem Bildschirm kommt er nicht los, obwohl er die Fernbedienung fest in der Hand hält. „Er redete über Lebenswandel, Egoismus, falschen Stolz – und ich fühlte mich total ertappt.“

Bell will nun mehr wissen, liest die geschenkte Sportler-Bibel, ist fasziniert von der Glaubensgeschichte eines Taekwondo-Kämpfers. „Die hätte ich unterschreiben können.“ Er sucht Kontakt zu einem Trainerkollegen, von dem er weiß, dass er gläubig ist. In einer Szene-Kneipe reden sie über Gott und die Welt. „Und auf jede Frage antwortete er mit einem Bibel-Zitat. Nach dreieinhalb Stunden raste mein Herz.“

Mit den Augen eines Vaters

Zu Hause sinkt Colin Bell auf die Knie. „Ich weinte wie ein kleines Kind, bat Jesus um Verzeihung und nahm ihn in mein Leben auf.“ Er beichtet seiner Frau alle Sünden. „Ich hatte ihr sehr wehgetan, aber ich wusste jetzt: Wenn sie es nicht schafft, Gott wird mir verzeihen.“ Die Ehe übersteht die Krise, hält nun seit 24 Jahren.

Als er gefragt wird, eine Frauenmannschaft zu betreuen, ist nicht sie es, die skeptisch reagiert. Und Bell zögert nicht etwa, weil er fürchtet, in Versuchung zu kommen. „Ja, das könnte man“, meint der geläuterte Frauenheld, „aber das ist für mich kein Problem.“ Sein Selbstschutz: „Du musst sie mit den Augen eines Vaters anschauen, andernfalls würden sie es merken – und du hast verloren.“ Für ihn sei das keine große Anstrengung. „Ich hatte mir immer eine Tochter gewünscht“, sagt er und lacht: „So habe ich 20 auf einen Schlag.“ Und die nennen ihn hinter vorgehaltener Hand dann tatsächlich „Papa Colin“.

Zunächst aber blockt Bell ab, als ihn Bernd Stemmeler, Präsident des SC 07 Bad Neuenahr, vor vier Jahren anruft. „Tut mir leid, daran habe ich kein Interesse.“ Doch Stemmeler, der 2013 starb, bleibt hartnäckig, bis Bell endlich zustimmt, mal vorbeizuschauen. „Nach einer Viertelstunde habe ich nur noch das Spiel gesehen, nicht mehr unter dem Aspekt: Das sind junge Frauen.“

Er wischt die Vorurteile über die weibliche Ausübung dieses männlich dominierten Sports beiseite: Es ist Fußball – und er Trainer. Sein Umdenken erklärt er mit einer rhetorischen Frage: „Wenn du wählen kannst, die Nummer 153 der Tennis-Weltrangliste der Männer unter die Top-100 zu bringen oder Steffi Graf zu betreuen, wofür entscheidest du dich?“ Wie jeder Vergleich hinkt auch der, denn Bad Neuenahr ist keinesfalls das Nonplusultra des Frauenfußballs, steht nach sieben Spielen mit Bell ohne Sieg am Tabellenende der Bundesliga.

Es sieht so aus, als sollten die Skeptiker recht behalten, die mutmaßen, er werde nicht den richtigen Ton treffen. Die Ratschläge sind gut gemeint: feinfühliger sein, mit Ruhe und Gelassenheit auftreten. Doch so ein Typ ist Bell eben nicht, sondern einer mit „teilweise unausstehlichem Ehrgeiz und Verbissenheit“. Er versucht anfangs nicht mal, sich zu verstellen. Seine leidenschaftlich-aggressive Ansprache sei ja „nicht böse gemeint“, aber sie erschreckt die meist noch jugendlichen Frauen. „Da prallen zwei Welten aufeinander.“ Und Tränen fließen. „Nicht immer meinetwegen“, sagt er und grinst in sich hinein.

Bell sucht das Gespräch mit den erfahreneren Spielerinnen, die ihm wichtige Denkanstöße geben. „Es ist dieselbe Sportart, es spielen elf gegen elf, und doch eine andere Welt. Das musste ich kapieren und bereit sein, als Mann in der Frauenwelt gewisse Eigenschaften anzunehmen.“ Geduldiger sein, man könnte auch sagen: verständnisvoller. Das gelingt Bell offenbar so gut, dass er nach zwei Lehrjahren, wie er sie selbst bezeichnet, von einem der erfolgreichsten Vereine des deutschen Frauenfußballs abgeworben wird.

Allerdings hat der 1. FFC Frankfurt mehr Konkurrenz bekommen, seit sich traditionelle Männerklubs wie Bayern München, der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen gern auch mit erfolgreichen Frauen schmücken. Es ist also keinesfalls selbstverständlich, dass die Frankfurterinnen mit Bell 2014 den DFB-Pokal gewinnen; zum Meistertitel fehlen zwei Minuten. Mit einem Gegentor kurz vor Schluss platzt die Party, und Bell fragt sich: Warum?

Manchmal hadert der Christ mit seinem lieben Gott, von dem er lange nichts wissen wollte. „Er hat uns den freien Willen gegeben, und ich hatte entschieden: Ich lehne es ab. Aber er hat sich immer wieder bemerkbar gemacht, bis ich verstanden hatte: Hey, hör‘ endlich mal zu!“ Die Frage, ob er katholisch oder evangelisch ist, mag Bell nicht beantworten. „Die Kirche als Institution ist mir nicht wichtig, sondern die lebendige Beziehung zu Jesus und dem, was in der Bibel steht. Das beeinflusst alles, was ich mache, auch wenn ich den Maßstäben nicht immer gerecht werden kann.“

Keine Bibel in der Kabine

Das Hemd hat er so weit aufgeknöpft, dass das goldene Kreuz an seiner Halskette zu sehen ist. Bell hat ein Fernstudium in Theologie absolviert, ist als Prediger unterwegs, hält Vorträge in Gemeinden, diskutiert schon mal spontan mit Zeugen Jehovas auf der Straße, aber in der Kabine stellt er seinen Glauben nicht heraus. „Ich werde niemals die Bibel auspacken vor der Mannschaft.“ Er betet oft, aber selten für Erfolg, weil er überzeugt ist, dass Gottes Wille geschieht, dass selbst Enttäuschungen für etwas gut sein müssen – und sei es für die Erkenntnis, dass es Wichtigeres gibt im Leben als Sieg und Niederlage. „Gerade im Sport, bei dem du emotional von einem Extrem ins andere fällst, ist es gut, einen Halt zu haben. Sonst wirst du wahnsinnig.“

Diese Lebenseinstellung hätte Colin Bell wohl auch in Dresden gutgetan, aber damals war sie noch nicht gereift. „Ich wollte der Weltmann sein und über den Dingen stehen.“ Zum Kirchentag 2011 war er mal wieder in der Stadt, und mit Dynamo ist er längst im Reinen. „Die Zeit möchte ich nicht missen. Hinzufallen, steht jedem zu – auch mir“, sagt Bell. „Ich war damals einfach nicht weit genug.“

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Auf seinen Stationen danach – vor allem in Mainz und Koblenz – hat er aus talentierten Spielern erfolgreiche Mannschaften geformt, ist mehrmals aufgestiegen. Doch erst mit den Frauen kommt er ganz oben an, steht als Trainer im Finale der europäischen Königsklasse. „Ich bin sehr dankbar für die Chance, die mir der Frauenfußball bietet.“ Obwohl er sie ja eigentlich nicht versteht, nicht verstehen kann. „Das sagen die Mädels ja selber: Hey, Trainer, wir sind halt Frauen, morgen ist alles wieder ganz anders“, erzählt Colin Bell augenzwinkernd, und er fügt hinzu: „Wir haben ja auch unsere Macken.“