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Der halbe Osten gilt als Problemregion

Den neuen Ländern setzen jenseits der Zentren Abwanderung und Überalterung mächtig zu. Aber auch den Westen plagen Sorgen. 

©  SZ-Grafik

Jede fünfte Region in Deutschland ist schlecht für die Zukunft aufgestellt und in ihrer Entwicklung besonders gefährdet. Während Metropolregionen boomen, drohen diese Problemregionen laut einer aktuellen Studie noch weiter abgehängt zu werden. Die Forscher analysieren „akuten Handlungsbedarf“. Die wirtschaftlichen Schlusslichter befinden sich überraschenderweise im Westen, das Hauptproblem des Ostens liegt in der Demografie: Abwanderung und Überalterung.

Das zentrale Ergebnis einer am Donnerstag vorgestellten umfassenden Regionalstudie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln in Kooperation mit Wissenschaftlern von vier deutschen Hochschulen lautet: Von den 96 deutschen Raumordnungsregionen steht es in 19 in den Bereichen Wirtschaft, Demografie und/oder Infrastruktur schlecht um die Zukunftsfähigkeit. Elf davon liegen in Ostdeutschland – also etwa der halbe Osten. Im Freistaat gehören mit den Regionen Oberlausitz-Niederschlesien und Südsachsen zwei zu den ökonomisch schwachen Landstrichen mit erheblichen Entwicklungshemmnissen.

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Die Wissenschaftler analysierten die 96 Raumordnungsregionen mit mehreren Indikatoren nach den drei Kategorien. Den Vorteil dieser Einteilung gegenüber der Betrachtung von Städten und Landkreisen sehen sie darin, dass die Abgrenzung wirtschaftliche Verflechtungen und Nachbarschaftseffekte berücksichtigt.

Wirtschaftliche Schlusslichter im Westen

Mit Blick auf die Wirtschaft liegen die Schlusslichter in vor allem städtisch geprägten Regionen in Westdeutschland: Besonders düster sieht es in Duisburg-Essen, Emscher-Lippe und Bremerhaven aus. Zusammen mit der Region Dortmund folgt mit der Altmark der erste ostdeutsche Landstrich. Beurteilt werden etwa eine hohe Arbeitslosigkeit oder die Verschuldung privater Haushalte. Andere Problemzonen sind frühere Industriegebiete wie das Ruhrgebiet oder das Saarland, die immer wieder von Finanznot und drückenden alten Schulden eingeschränkt würden. Da entstehe kaum neue Wirtschaftskraft. In Sachsen und Thüringen sind die Arbeitslosenzahlen deutlich gesunken und die Löhne teilweise überdurchschnittlich stark gestiegen, so die Forscher. Allerdings ist die gute Arbeitsmarktentwicklung zu einem Teil der Abwanderung und dem Renteneintritt älterer Arbeitnehmer zu verdanken.

Ostdeutschland plagt fast überall die Demografie

Die ostdeutschen Regionen sind vor allem hinsichtlich der demografischen Entwicklung im Nachteil: Oberlausitz-Niederschlesien, Lausitz-Spreewald, Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg sowie Ost- und Südthüringen weisen ein hohes Durchschnittsalter der Bevölkerung auf, das in den vergangenen Jahren auch noch überproportional gestiegen sei, schreiben die Autoren. Damit sinkt das Erwerbspersonenpotenzial besonders schnell, wodurch sich schon abzeichnet, dass es in Zukunft erheblich weniger Steuereinnahmen in den Regionen geben wird. Auch Altmark, die Mecklenburgische Seenplatte und Nordthüringen zählen zu den besonders belasteten Regionen – allerdings vorrangig aufgrund der starken Einwohnerverluste. Auch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ist in diesen Gegenden deutlich geringer als im Westen.

Bei der Infrastruktur löst sich der klare Ost-West-Unterschied auf

Infrastruktur-Probleme gibt es der Studie zufolge deutschlandweit: Die drei westdeutschen Regionen Emscher-Lippe, Trier und Westpfalz plagen demnach besonders hohe Verschuldungsquoten, sie haben dementsprechend nur eingeschränkten Gestaltungsspielraum. In den ostdeutschen Regionen Altmark, Magdeburg und Halle/Saale ist die Verfügbarkeit von Breitbandinternet noch zu gering entwickelt.

Beim Handlungsbedarf bleibt es eher vage und allgemein

Die Studie empfiehlt, Hochschulen und Bildungseinrichtungen anzusiedeln. Das schaffe Wirtschaftskraft und ziehe jüngere Leute mit guter Bildung an. Das Schienennetz und Breitbandinternet müssten rasch ausgebaut werden. Zudem müssten Wege erprobt werden, indem Bürgerengagement als Ersatz für staatliche Angebote leichter werde. Wo Ärzte knapp würden, müsse die Telemedizin beherzt ausgebaut werden. Fazit: „Die Regionalpolitik muss jetzt dringend gegensteuern, sonst kann es zu gefährlichen Abwärtsspiralen kommen.“

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