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Der Impuls-Geber

Dirk Nasdala möchte in Hoyerswerda Oberbürgermeister werden.

Auch Wein gibt es im Garten der Nasdalas. Mit seiner Frau und seinem Schwiegervater stellt Dirk Nasdala – wenn es lohnt – schon mal geistige Getränke her.
Auch Wein gibt es im Garten der Nasdalas. Mit seiner Frau und seinem Schwiegervater stellt Dirk Nasdala – wenn es lohnt – schon mal geistige Getränke her. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Vor dem Haus von Familie Nasdala in Dörgenhausen stehen zwei stattliche Mammutbäume. Im Garten gibt es auch noch junge Pinien, etwas größer als Setzlinge. Dirk Nasdala hat sie selbst gezogen, nachdem eine seiner beiden Töchter im Frankreich-Urlaub Samen aus Zapfen gepult hatte. Der Oberbürgermeister-Kandidat findet große, alte Bäume ziemlich faszinierend. „Sie zeigen, wo wir wirklich in der Welt stehen, wer wir sind“, sagt der 54-Jährige. 

Um ein Haar wäre er 2013 ins Rathaus eingezogen. Im zweiten Wahlgang trennten ihn von Stefan Skora reichlich drei Prozent. Es war letztlich ein ziemliches Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den drei verbliebenen Bewerbern um das Amt.

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Dirk Nasdalas Wiege stand an der Spree, allerdings nicht an deren Unterlauf in der Lausitz, sondern in Berlin, Hauptstadt der DDR. „Ich bin im Regierungskrankenhaus geboren“, erzählt er. Sein Vater, einst Flüchtlingskind aus Ostpreußen, arbeitete für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), erst als Chef der Wache im Staatsratsgebäude, dann – bis er in Ungnade fiel – als Kommandant der berühmten Waldsiedlung in Wandlitz, in der viele Verantwortliche der Staatsführung mit ihren Familien lebten. Der Spielplatz des jungen Dirk war der Volkspark Friedrichshain. Später besuchte er die Schule in Bernau.

Eigentlich sollte er Militärstaatsanwalt werden. Der Studienplatz war jedoch weg, als der Vater sich 1984 in die Ex-Frau eines Doppel-Agenten verliebte. Bis dahin, erzählte Dirk Nasdala einmal, sei er überzeugt vom Sozialismus gewesen, von der DDR: „Ich kannte sie nicht.“ Erste Zweifel stellten sich ausgerechnet bei der NVA ein. Er war für Material-Beschaffung in einer Einheit verantwortlich und musste feststellen, dass selbst für das Militär Vieles nicht erhältlich war – es sei denn im Tausch.

Sein SED-Eintritt 1986, sagt er, sei dem Gedanken gefolgt, das System aus sich selbst heraus verändern zu helfen. Nasdala erzählt, dass sogar viele seiner Jugendfreunde, die Kinder der Staatenlenker, deutlich andere Ideen hatten als ihre Eltern: „Die waren bei Weitem nicht alle so beschränkt.“ Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung, im Oktober 1989, trat der damalige Jura-Student wieder aus der SED aus. Längst hatte er sich am Studienort Leipzig mit Oppositionellen angefreundet. Als die Genossen dazu aufriefen, die Bänke zum Friedensgebet in der Nikolaikirche zu besetzen, um Kritikern keinen Raum zu bieten, empörte ihn das. Es war ein kurzer Weg zu den Demonstranten. „Da haben wir es zum ersten Mal geschafft, um den Ring zu laufen“, sagt Dirk Nasdala über die Geschichte machende Leipziger Montags-Demonstration vom 9. Oktober 1989.

Die Erlebnisse mit den Christen in der Nikolaikirche führten über einen längeren Zeitraum auch zu persönlicher Religiosität. Zehn Jahre danach, vor seiner Hochzeit in Hoyerswerda, ließ er sich vom evangelischen Pfarrer Friedhart Vogel taufen, wurde Gemeindekirchenrat, Kreis- und Landessynodaler sowie Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

In die Lausitz kam Dirk Nasdala dank einer Studienfreundin. Der damals 30-Jährige hatte seine Anwaltszulassung noch nicht so lange, als ihn die frühere Kommilitonin 1996 anrief. Sie wollte wissen, ob er nicht in eine Rechtsanwalts-Kanzlei in Hoyerswerda eintreten möchte. Im Januar des folgenden Jahres wurde der Jurist Hoyerswerdaer. 1998 war er schon unter den Mitbegründern des Vereins Stadtzukunft, aus dem heraus 2004 die Freie Wählervereinigung gleichen Namens hervorging. 2006 wurde Nasdala erstmals Stadtrat. Heute führt er auch die Fraktion der Freien Wähler im Bautzener Kreistag an.

Dass er anders als 2013 zur Oberbürgermeisterwahl nicht für die Freien Wähler antritt, sondern mühselig um die nötigen Unterstützungsunterschriften geworben hat, war seiner Schilderung nach vielen unverständlich: „Inzwischen verstehen sie es besser.“ Er habe seine Unabhängigkeit unterstreichen wollen: „Bei dem Angebot, das ich unterbreite, geht es um die Frage, ob wir nur Protest und Meckerei haben oder ob wir die Stadt voranbringen wollen. Ich stehe für Letzteres“, sagt er. Es gehe ihm darum, Impulsgeber zu sein, Initiale zu setzen, Initiativen auf die Beine zu helfen und sie dann von der Leine zu lassen. Es sei ein bisschen wie mit den Pinien. Sie müssen vier, fünf, sechs Jahre gehegt, gepflegt und vor allem gegossen werden. Doch wenn die Wurzeln erst einmal tief genug in die Erde reichen, wachsen die Bäume ohne Zutun.

Dass dabei durchaus Schwierigkeiten auftauchen können, ist Dirk Nasdala nicht erst seit seinem Gastspiel als Hauptamtsleiter in Ottendorf-Okrilla geläufig. Vor gut einem Jahr schied er aus der Kanzlei Kossow und Nasdala aus, trat er den Job in der Gemeindeverwaltung an – auch ein bisschen als Vorbereitung aufs Oberbürgermeister-Amt. Manches lief gut, anderes nicht. Als es zur Frage kam, ob er, der Neuling, mit einer eigentlich nötigen Mitarbeiter-Kündigung einen größeren Aderlass provozieren sollte, warf er von sich aus das Handtuch. Auch so eine Kalamität ist eine Erfahrung. Er habe jedenfalls während der Wochen in Ottendorf-Okrilla durchaus viel nützliches lernen können, stellt Nasdala fest.

Langweilig ist ihm durchaus nicht. Da ist einerseits der Wahlkampf. Andererseits sind da die Familie, Hobbys und Ehrenämter. So ist der Dörgenhausener Ehrenritter des Johanniterordens und gehört dem örtlichen Rotary-Club an. Wichtig ist dem gebürtigen Berliner auch seine Arbeit im städtischen Beirat für sorbische Angelegenheiten. Er hat sich der Familie seiner Frau zuliebe Grundkenntnisse der Sprache angeeignet: „Ich kann sie ganz gut verstehen. Mit dem Sprechen hapert es etwas.“ Sorbisch, sagt er, sei wundervoll bildhaft. Und dann wäre da noch der Garten, neben der Pinienzucht unter anderem der Wein. Aus 20 Kilo Trauben pro Jahr machen seine Frau, ihr Vater und er im Schnitt 14 Liter.

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