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Der Künstler, der in keine Schublade passt

Reimar Börnicke aus Kipsdorf wird am Dienstag 80 – und schwört auf die Vielfalt.

Reimar Börnicke in seinem Atelier im Dresdner Stadtteil Kleinzschachwitz.
Reimar Börnicke in seinem Atelier im Dresdner Stadtteil Kleinzschachwitz. © Egbert Kamprath

Wie Mangelware die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes auf ein Thema lenken kann, das ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslässt, dafür kann Reimar Börnicke beredtes Zeugnis ablegen.

 In Guben, in der Wilhelm-Pieck-Stadt, verkauft ihm eine Buchhändlerin einen Roman über Friedrich II., einen Enkel Barbarossas, der im 13. Jahrhundert Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war. Das Buch von Joseph Jay Deiss mit dem Titel „Ich wollte Heiland sein und wurde Hammer“ ist im Universitas Verlag in der Bundesrepublik Deutschland erschienen und, obwohl offiziell importiert, in der DDR eine Rarität, weil es wegen der kostbaren Devisen nur in geringer Stückzahl eingeführt wurde.

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Börnicke, der in Guben seit 1964 Leiter des Kulturhauses und eines polnisch-deutschen Musik- und Tanzensembles des Chemiefaserwerkes ist, nimmt das Angebot der Buchhändlerin dankend an. So eine Gelegenheit würde kein Bücherfreund ungenutzt verstreichen lassen. Was er noch nicht weiß: Der streitbare Friedrich II., der, sagt Börnicke, zugleich Christ und Antichrist war und sich mit dem Papst anlegte, wird zu seinem ständigen Begleiter. Bis heute beeinflusst der „König von Jerusalem“ sein künstlerisches Schaffen.

Immer wieder taucht der Staufer, der die meiste Zeit in Italien lebte, in Gemälden oder Zeichnungen Börnickes auf. In einem seiner Bilder, entstanden 1994, zitiert der Kipsdorfer das berühmte mittelalterliche Porträt Friedrichs mit seinem Falken aus dessen Buch „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“. Auf der Malplatte fügt er das in jener Zeit errichtete Castel del Monte in Apulien dazu, lässt den achteckigen Grundriss mehrfach über dem Herrscher, seinen Frauen und zwei Kämpfern schweben, die sich um die Augustalis streiten, die Goldmünze Friedrich II. Aber die Gefahr kommt von außen, das Verderben nähert sich in blauen und roten Wogen.

Es ist eines von Börnickes Simultangemälden, die ein Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit sind. Eine Zeichnung des nur wenig älteren tschechischen Künstlers Jiří Anderle hatte ihn einst zu Bildern angeregt, in denen er Architektur, Porträts, Symbole und Landschaften thematisch vereint. „Das fasziniert mich außerordentlich“, sagt er. Manchmal entstehen dabei regelrechte Wimmelbilder, deren Deutung Börnicke gern dem Betrachter überlässt. Die Titel lassen kaum Rückschlüsse zu.

Nicht nur Alpenveilchen

Eines dieser Bilder heißt „Vielfältiges“, was im Grunde die Überschrift über das gesamte Schaffen von Reimar Börnicke sein könnte. Nein, auf einen Personalstil lässt er sich nicht festlegen. Weder vom Duktus noch von der Technik her, erst recht nicht thematisch. „Genau das will ich auch nicht“, sagt der Künstler, Lehrer, Kunstwissenschaftler und Autor, der am Dienstag seinen 80. Geburtstag feiert.

„Den Börnicke muss man nicht an seiner Handschrift erkennen“, sagt er. Ein Credo, das er sich auch durch seine beiden Kunstkurse angeeignet hat, die er seit fünfzehn Jahren im Bahnhof in Kipsdorf abhält, in Trägerschaft der Volkshochschule des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Auch dort ist Vielfalt Trumpf: „Wer immer nur Alpenveilchen malt, ist doch nach drei Wochen uninteressant.“

Erst recht möchte Reimar Börnicke nicht als Maler des Osterzgebirges gelten. Eine Schublade, in die der umtriebige Künstler auch kaum passen würde. „Natürlich interessiere ich mich für die Landschaften vor meiner Haustür“, sagt er. „Mein Blick geht jedoch weit darüber hinaus.“ Börnicke findet seine Motive auch im Schlosspark Branitz in Brandenburg, in Süditalien und in New York, genauso wie im niederländischen s‘Hertogenbosch, dem Geburtsort des Renaissancemalers Hieronymus Bosch, oder in Dresden, wo er neuerdings auch ein Atelier hat.

Dort sitzt er in diesen Tagen an seiner Staffelei, festgehalten von den derzeitigen Ausgangsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie, und malt eine Landschaft mit Wasser und Bäumen in spätimpressionistischer Tradition etwa eines Robert Sterl. Darauf ist Börnicke freilich nicht festgelegt. Er greift Anregungen aus verschiedenen Kunstepochen auf, von den Alten Meistern über die Romantik bis zur Neuen Sachlichkeit oder des Konstruktivismus in seinen abstrakten Bildern. Dabei ist er weder Kopist noch Imitator, er ringt vielmehr in einem mitunter lange andauerndem Prozess um eine eigene Umsetzung. Aber kein Künstler, sagt er, könne sich gänzlich von den Eindrücken anderer Kunstwerke befreien, die er je gesehen hat.

Reimar Börnicke hat seinen Blick auf die Kunst der Welt in unterschiedlichen Berufen geschult. In Bitterfeld geboren und aufgewachsen, lernt er zunächst den Beruf eines Schlossers, bevor er in Leipzig Germanistik und Kunsterziehung studiert. Während seiner Zeit in Guben absolviert er ein Fernstudium zum Kunst- und Kulturwissenschaftler, geht 1975 nach Berlin und promoviert über die Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland.1983 kommt Reimar Börnicke nach Dresden, wird Hochschullehrer und Abteilungsleiter für Kunstwissenschaften an der Hochschule für bildende Künste, später Dozent für Kultur- und Kunstgeschichte. Er zieht mit seiner Familie nach Kipsdorf, wird 1990 Amtsleiter für Kultur im Landkreis Dippoldiswalde und im Weißeritzkreis. Nach seiner Pensionierung 2002 widmet sich Börnicke der freien Kunst und schreibt Bücher, wie die 2014 erschienene 556 Seiten starke autobiografische Sammlung von Essays und Erinnerungen unter dem Titel „Innen und außen: Grenzüberschreitungen eines Unruhegeistes.“

Ausstellungen verschoben

Eine Fortsetzung, sagt Börnicke, sei in Arbeit. Er ist jetzt wieder voller Schaffenskraft, nachdem ihn der Tod seiner Frau Rosemarie vor anderthalb Jahren seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Ein Porträt von ihr ist eines der besten Zeichnungen in seinem neuen Katalog, der anlässlich seines 80. Geburtstages erscheint. Zwei Ausstellungen indes, eine in Schellerhau und eine in Heidenau, musste er wegen des Veranstaltungsverbots verschieben.

Friedrich II. muss sich also noch mit seinem großen Auftritt gedulden. Vielleicht nutzt Reimar Börnicke die Zeit und holt seinen Lieblingsherrscher ein weiteres Mal ins Bild. Das dürfte kaum langweilig werden – der Kaiser mit seinem universalen Geist ist ganz gewiss kein Alpenveilchen.

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