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Der Mann mit den geschickten Händen

Föhn und Klopapier – mit ganz profanen Dingen wird derzeit die wertvolle Decke der Stadtkirche restauriert. Ein Baustellenbesuch.

Von Alexander Christoph

In der einen Hand ein Streifen Toilettenpapier, in der anderen ein nasser Schwamm. Konzentriert blickt Roland Flachmann in die Höhe, den Kopf im Nacken. Nach wenigen Sekunden ist es vollbracht. Das Toilettenpapier klebt am Bein des Jesu Christi. „Mit dieser Methode lassen sich ganz gut Wasserflecken beseitigen“, erklärt der 49 Jahre alte Diplom-Restaurator aus Dresden mit einem Lächeln.

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Ein Föhn zum Trocknen der Gouache-Farbe liegt immer in greifbarer Nähe. Foto: Alexander Christoph
Ein Föhn zum Trocknen der Gouache-Farbe liegt immer in greifbarer Nähe. Foto: Alexander Christoph
In mehr als zehn Metern Höhe arbeiten die Restauratoren momentan an der Kassettendecke. Mehr als die Hälfte erstrahlt bereits in neuem Glanz. Foto: A. Christoph
In mehr als zehn Metern Höhe arbeiten die Restauratoren momentan an der Kassettendecke. Mehr als die Hälfte erstrahlt bereits in neuem Glanz. Foto: A. Christoph

Mit drei weiteren Experten bessert Flachmann zurzeit in gut zehn Meter Höhe und knapp unter der Decke auf einem Gerüst arbeitend schadhafte Stellen an der Kassettendecke der Peniger Stadtkirche „Unser Lieben Frauen Auf Dem Berge“ aus. Sie ist ein Kunstwerk, das in Deutschland Seltenheitswert besitzen dürfte: Auf fast 600 Quadratmetern Fläche sind 35 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament auf 70 Bildtafeln festgehalten. Ein anspruchsvoller Auftrag, den der Schneeberger Maler Constantin Seytz der Ältere 1688 und 1689, unterstützt von einem Gesellen und wahrscheinlich noch einem Lehrling, auszuführen hatte.

Die Vertreibung aus Ägypten ist zu sehen, die Verkündigung Christi, die Geißelung Jesu – ein Motiv beeindruckender als das andere, aber leider noch nicht mit der Strahlkraft von einst. Roland Flachmann schreitet die Bildreihen ab, deutet auf Spuren eindringender Nässe. Das Dach wurde zwar vor Jahren repariert, die wertvolle Bilderdecke musste aber bis jetzt warten. Wie so oft dürfte das Geld eine Rolle gespielt haben: Rund 293 000 Euro fließen dieses Jahr in die Verschönerung.

Bei den Arbeiten ist Fingerspitzengefühl gefragt. Schließlich sollen die rechteckigen und ovalen Holztafeln wieder wie im 17. Jahrhundert in frischen Tönen daherkommen. Pinsel liegen auf Tischen herum, dicke und dünne, dazu Dutzende kleine Gouache-Farbtuben. Hautleim steht in einer Ecke, daneben in Schachteln weitere Farbdosen, allerdings auch Holzleisten, wie man sie aus dem Bastelladen kennt, Hämmer und anderes Werkzeug. Zig Strahler sorgen dafür, dass auf den Bildtafeln jeder noch so feine Riss zu sehen ist.

Roland Flachmann führt auf der Baustelle herum, erklärt, was sein Kollege Holger Blauhut macht – „er retuschiert“ –, warum neben Katharina Hummitzsch auf einem Tisch ein Föhn liegt – „zum Trocknen der Farbe“ –, sagt auch, dass nach ein paar Tagen mit dem Kopf im Nacken „der Rücken schon mal verspannt“ ist.

Nach einer Stunde, die wie im Flug vergeht, ist der Restaurator an den Ausgangspunkt zurückgekehrt. Er betrachtet sein Werk: Das Papier hält. Erneut fängt der 49-Jährige an zu erzählen – über seine Liebe zur Kunst, für die er sich „seit der Kindheit interessiert“, sein Studium in Dresden, seine Aufträge und die unendlich vielen Objekte, die er seit mehr als 20 Jahren in der Selbstständigkeit restauriert hat.

Dann kommt er noch einmal auf das Peniger Projekt zu sprechen. Rasch wird klar: Es ist eine mühsame und zeitintensive, freilich auch eine abwechslungsreiche Arbeit. Die Decke wird von Staub befreit, abblätternde Farbe wird gesichert, Wasserflecken werden entfernt, Fugen im Holz mit Leisten geschlossen, Fehlstellen ergänzt, Nägel ersetzt, Bretter an die passende Stelle zurückbugsiert und so fort.

Allein für die ersten 35 Bildtafeln war das Restauratoren-Team von April bis Ende Juni beschäftigt. Seit etwa einem Monat werkelt es am zweiten Abschnitt. „Das Optimum ist, wenn der Eindruck entsteht, es ist gar nicht restauriert worden“, verweist Roland Flachmann auf das, was ihm bei seiner Arbeit wichtig ist. Plötzlich herrscht Stille. Der Redefluss ist unterbrochen. Erneut ist eine Stunde vergangen. Ein prüfender Blick. Er nickt zufrieden, zieht den mittlerweile leicht braun verfärbten Streifen von der Decke ab und hält ihn wie als Beweis dem Reporter entgegen. „Sehen Sie“, sagt er und verabschiedet sich. Denn es gibt noch viel zu tun. (FP)