merken
PLUS

Der Pegida-Versteher

Werner J. Patzelt ist ein gefragter Kommentator der Dresdner Zustände. Nun wird er von Studenten und Kollegen heftig kritisiert. Es geht auch um die Frage: Darf ein Politik-Professor politischer Akteur sein?

© Robert Michael

Von Doreen Reinhard

Das Internet vergisst nichts. Auch nicht die Nachrichten, die zwei Teenager vor einiger Zeit via Facebook tauschten. „Hab grad deinen Vater im Fernsehen gesehen, aber nur Bahnhof verstanden. Ist der irgendwie extrem schlau? Mit Politik und so?“, schrieb da ein Mädchen. Willi, der Gefragte, postete ein Grinsegesicht und einen Satz zurück: „Bild dir deine Meinung!“

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Willi ist 14 Jahre alt und interessiert sich gerade mehr für die Pfadfinder als für Politik. Aber er weiß Bescheid, wie das mit Facebook funktioniert, und gibt seinem Vater Nachhilfe in Sachen Internet. Der Vater heißt Werner J. Patzelt und ist ein in Dresden bekannter Politikwissenschaftler, der in den letzten Wochen noch bekannter geworden ist, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Seine Analysen sind gefragt seit die ganze Welt ratlos nach Dresden schaut und erklärt bekommen will, was da um Himmels Willen passiert. Warum marschieren Tausende durch die Straßen? Was will diese Bewegung, die sich Pegida nennt?

Werner Patzelt hat nicht genau gezählt, wie viele Interviews er gegeben hat, aber knapp 100 könnten es gewesen sein. Er ist Gast in Fernsehtalkshows und Radiodebatten, täglich stehen Journalisten mit ihren Blöcken vor ihm. Der Professor mit der markanten Löckchenhaube wiederholt wie ein Mantra die immer gleichen Sätze: Man müsse die Pegidisten ernst nehmen, die Mehrheit von ihnen seien keine Nazis, sondern ganz normale Menschen. Man solle ihnen zuhören und mit Dialog kontern statt mit Ausgrenzung. Nach der größten Kundgebung Mitte Januar bewertete er Pegida als „moralischen Sieger“ und attestierte den Gegendemonstranten „kunstvolle Feindbildpflege“. Patzelts Meinungen haben die Runde gemacht. Auch über ihn haben sich Meinungen gebildet. Vor allem in seiner Nachbarschaft fallen sie höchst kontrovers aus.

Am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden wird derzeit heftig protestiert. Vor einer Woche wehten Flugblätter durch das Hörsaalzentrum. Die Verfasser blieben anonym, gaben sich lediglich als Politikstudenten zu erkennen. In ihrem Schreiben werfen sie dem Wissenschaftler vor, sich auf die falsche Seite zu stellen: „Herr Patzelt ist in der Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler. Wir wollen eine Verharmlosung von Pegida im Namen der Politikwissenschaft nicht hinnehmen.“

Tags darauf folgte Entrüstung aus der Kollegenschaft. Ein offener Brief tauchte im Netz auf, unterschrieben von zwölf Mitarbeitern diverser Lehrstühle, die sich von Patzelts Äußerungen distanzierten. Mark Arenhövel, Professor für Politische Theorie und ranghöchster Unterzeichner, spricht für den Rest der Kritiker. Von denen gebe es im Kollegenkreis weit mehr als die zwölf Genannten. „Wir sind von vielen Menschen gefragt worden, was denn bei uns im Institut los sei“, sagt Arenhövel. „Mit unserer Stellungnahme wollen wir klarmachen, dass es die Einschätzungen eines Kollegen sind, die wir nicht teilen.“

Ihr Protest: Man habe aus Patzelts Statements eine Geringschätzung der Gegendemonstranten herausgehört. Er habe sich mehr in die Gefühlswelten von Pegida-Anhängern hineinversetzt als in die von Flüchtlingen, die im aufgeheizten Dresden in Angst leben müssten. Der Professor habe seine Rolle verkannt. „Er ist nicht mehr als Denker und Analytiker aufgetreten, sondern als Stichwortgeber für Pegida“, sagt Professor Arenhövel.

Patzelt, der Pegida-Versteher. Dieses Label klebt nun an ihm. Er selbst knibbelt es umgehend ab. Mit der ihm eigenen, geschliffenen Rhetorik, in die sich gern eine Spur Spott mischt. „Dieser Begriff ist intellektuell so unterirdisch, dass es fast schon Spaß macht, an dieser Stelle Ausgrabungen zu machen“, sagt der 61-Jährige. „Wenn man als Bürger etwas für den Zusammenhalt der Gesellschaft tun will, dann hat man nur die Chance dazu, wenn man versucht, die Leute, die sich wie verlorene Schafe von der Herde entfernen, zu begreifen. Nur so kann man sie zurückholen.“ Das ist und bleibt sein Standpunkt, vor und nach der Kritik.

Die hat seine Welt noch nicht mal ins Wanken gebracht. Werner Patzelt sitzt mit sonniger Miene in seinem Büro, vor ihm stehen Tee und Trockenobst. Dass es um ihn herum wispert und rumort, ficht ihn nicht an. Überrascht hat ihn auch der Inhalt der Schreiben nicht. „Kritik ist das Normalste der Welt, man muss sich darüber nur ordentlich austauschen.“ Über die Art der Kommunikation ist er indes empört. Er bevorzuge den Kampf mit offenem Visier.

Kritik aus der Studentenschaft? Habe er vor dem Flugblatt nur einmal gehört. „Nach einer Veranstaltung vor einigen Wochen wollten zwei Studenten meine Einschätzung der Gegendemonstranten hören. Wir haben dann über eine Stunde diskutiert.“ Und die Kollegen? Von denen sei er kurz vor der Veröffentlichung ihrer Stellungnahme informiert worden, dass da „etwas kommen würde“. Er hätte sich das anders gewünscht: „Sie hätten sagen können: Patzelt, wir haben da was Inhaltliches zu besprechen. Da hätte ich sofort einen Termin freigeschaufelt. Aber es ging wohl auch darum, nach außen zu dokumentieren, dass es im Institut noch andere Leute und Positionen gibt als mich. Und das ist ja durchaus legitim.“

Werner Patzelt ist eine raumgreifende Institution. Er wirft Schatten und genießt das Licht. Seit 1992 leitet der gebürtige Passauer den Dresdner Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich. Meinungsmacht und Sprachrohr ist er nicht erst seit Pegida. Schon vorher war er eine beliebte Adresse für Journalisten, die bei ihm schnell fündig werden, wenn sie Erklärungen suchen. Er bietet sich selten aktiv an, aber seine Türen stehen offen. Seine Handynummer bekommt man problemlos. Er ist ein Arbeitstier, wahrscheinlich könnte man ihn auch nachts um drei wecken und er würde ein druckreifes Statement in zartbayrischem Singsang deklamieren. Seinen Marktwert taxiert Werner Patzelt genau. „Wenn mich die Öffentlichkeit bezahlt, will ich der Öffentlichkeit auch etwas zurückgeben. Das ist, flapsig formuliert, eine Mischung aus klarer und hilfreicher Einschätzung und rhetorischem Unterhaltungswert.“

So hat er das auch bei Pegida gehalten. Kurz nachdem die Bewegung im Herbst das erste Mal durch Dresden zog, machte Patzelt seine Studenten darauf aufmerksam: „Da gibt es irgendwas, das heißt Pagode oder Pukida. Guckt euch das mal an.“ Die Studenten zogen los, sammelten Hunderte Interviews für eine Studie, die nun gestern veröffentlicht worden ist. Bei einer Kundgebung im November machte ihr Chef sich zum ersten Mal selbst ein Bild. „Ich bin mit einem beklommenen Gefühl hingegangen, weil ich dachte, ich sehe dort nur Faschisten. So hatte ich das zumindest vielen Medienberichten entnommen. Aber ich sah etwas anderes.“

Vier der bisher 13 Kundgebungen hat Werner Patzelt beobachtet und dabei seine Rolle verändert. Er wurde vom Theoretiker zum Praktiker, griff über Bande ins Geschehen ein – durch seine Aussagen in Interviews. Persönliche Treffen mit dem Pegida-Orgateam gab es nie, aber er war ein Ratgeber aus dem Off, der Forderungen an die Bewegung stellte: „Distanziert euch von Volksverhetzungen. Werdet euch einig, wofür ihr steht. Und redet mit Journalisten, damit es Klarheit gibt, wie man mit euch politisch umgehen muss.“

An seinem Institut hat dieses Engagement einen akademischen Streit ausgelöst. Die schärfsten Kritiker nennen den Professor einen „Pegida-Imageberater“. Im Kern geht es um die Frage: Darf ein Politikwissenschaftler zum politischen Akteur werden? Patzelt sagt: Ja, man muss sogar.

Im Grunde hat er diese Frage schon lange vorher für sich beantwortet. Er ist CDU-Mitglied, dieses Detail schwingt oft als Lesart seiner Person und Professur mit. Er sagt, das nerve ihn, gelinde gesagt, kolossal. „Die Leute denken, man deaktiviert als Parteimitglied einen Teil seines Denkapparats. Da hört man derlei Unsinn, dass ich als akademischer Büttel der Landesregierung diene.“ Dabei sieht er das Parteibuch als Zeichen von Offenheit. „Die meisten meiner Kollegen stehen der SPD oder den Grünen nahe, aber kaum einer manifestiert das durch eine Mitgliedschaft. Für mich war es eine Entscheidung für Transparenz.“

Patzelt stellt sich bereitwillig der Öffentlichkeit, aus wissenschaftlichem Eifer und Interesse, auch aus Eitelkeit als Wissenschaftler. Meist steht er dabei am Spielfeldrand. Bei Pegida ist er mit aufs Feld gegangen. „Es entstanden die Lager ,Gut‘ und ,Böse‘, Pegidisten und Gegendemonstranten. Es gab nur wenige, die dazwischen vermitteln wollten.“ Als Patzelt bemerkte, dass er bei der Pegida-Führung Gehör fand, die seine Statements verbreitete, teilweise sogar zitierte, nutzte er diese Schneise. „Ich wusste, dass ich die Chance habe, mit meinen Ratschlägen auf sie einzuwirken, damit es nicht zu Entgleisungen kommt und diese schrecklichen Grabenkämpfe aufhören.“

Wie groß sein Einfluss letztlich war, hat Patzelt nicht wissenschaftlich erhoben. Aber er verweist mit unverhohlenem Stolz auf den aktuellen Zwischenstand: Die Organisation hat sich gespalten und hadert in verschiedenen Lagern mit der Zukunft auf der Straße. Die Diskussion über Pegida hat sich nach drinnen verlagert.

Heute wird sie auch bei den Politikwissenschaftlern weitergeführt. Die Institutsdirektorin hat zur außerordentlichen Sitzung eingeladen, aus aktuellem Anlass. Es soll um Flugblätter und offene Briefe gehen, Professor Patzelt wird mit am Tisch sitzen und Stellung nehmen. Er sieht sich auf verlorenem Posten, aber nur quantitativ. „Im Kern kritisieren die Studierenden und Mitarbeiter doch, dass ich mich nicht der antifaschistischen Meinungsfront angeschlossen habe. Man hätte von mir erwartet, dass ich ganz Deutschland auseinandersetze, dass in Dresden die Faschisten wieder knapp vor der Machtübernahme stehen, sodass sich jetzt alle gegen diesen Feind zusammenfinden müssen“, erklärt Patzelt. Er habe sich weder hier noch dort eingereiht, „weil die Pegidisten zum großen Teil normale Leute sind, die wir für unser Gemeinwohl zurückgewinnen müssen“. Auf der richtigen Seite wähnt sich der Wissenschaftler trotzdem, auf der Seite „der freiheitlichen Demokratie“.

Patzelt, der Außenseiter? In dieser Rolle sieht er sich nicht. Eher als Einzelkämpfer, der seine Überzeugungen mit rhetorischer Schärfe verteidigen wird. Notfalls schwimmt er gegen den Strom. Sein Kreuz ist breit genug für Widerstand.

Weiterführende Artikel

Viele Fremdenfeinde bei Pegida

Viele Fremdenfeinde bei Pegida

Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt gilt als Pegida-Experte - manchen auch als Pegida-Versteher. Welche Motive und Ansichten die Anhängern haben, soll eine neue Studie erhellen.

Ruhe dürfte sobald nicht wieder einziehen, aber ein Zeitfenster hat sich geöffnet. Das hat Werner Patzelt seinem Sohn Willi zu verdanken. Der schüttelte den Kopf, als er die Interviews seines Vaters zählte. „Papa, du bist schön blöd. Statt jedem Journalisten das Gleiche zu erzählen, kannst du das doch bei Facebook reinstellen.“ Folgsam ist Werner Patzelt umgezogen und nun höchst erfreut über diesen neuen Kanal, der ihm schon jetzt immense Klickzahlen beschert. Die nächste Veröffentlichung ist bereits in den nächsten Tagen geplant: eine Abrechnung mit seinen Kritikern.