merken
PLUS Dresden

Der schwarze Tod der Bäume

Nach den Dürren rafft nun ein Pilz Europas Ahorn-Arten dahin. Auch 80 Dresdner Bäume sind betroffen und müssen nun aufwendig gefällt werden.

Nur mit Schutzkleidung können kranke Bäume gefällt werden.
Nur mit Schutzkleidung können kranke Bäume gefällt werden. © Thomas Frey/dpa

Von Roland Knauer

Giftalarm an der Cockerwiese? So manchen Passanten verunsicherten die Männer in Schutzkleidung vor ein paar Tagen in der Dresdner Innenstadt. In weißen Ganzkörperanzügen und mit Atemschutz waren sie auf der Wiese nahe des Großen Gartens unterwegs. Der Grund dafür war schwarz. Wie verbrannt und verkohlt sahen die sieben Bergahorn-Bäume aus, die die Männer fällen mussten. Die Rinde schälte sich ab, darunter zu sehen: eine schwarze, rußige Schicht. Gebrannt hatte es dort jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Die umliegenden Bäume sehen ganz normal aus. Doch der Bergahorn ist anfällig für einen Winzling, der für die Baumart das Todesurteil bedeutet: für den Pilz namens Cryptostroma corticale, der bei ihnen die sogenannte Rußrindenkrankheit hervorruft. Nicht die einzigen Bäume, die deshalb gefällt werden müssen.

Der vermeintliche Ruß besteht aus unzähligen winzig kleinen Sporen des Pilzes. Mehr als hundert Millionen dieser Sporen sitzen auf einem Quadratzentimeter des Baumstamms. Nach dem Dürresommer 2018 sehen Förster und Spaziergänger diese Symptome in hiesigen Breiten nun häufiger. Nicht nur hier, auch andere Regionen Mitteleuropas sind betroffen. Verlässliche Zahlen über die Menge der Ahornbäume, die dieser Rußrindenkrankheit zum Opfer gefallen sind oder fallen werden, gibt es allerdings nicht. „Diese Krankheit ist sehr speziell“, sagt Andreas Roloff, Professor am Institut für Forstbotanik und Forstzoologie der TU Dresden. Baumpilz-Experten wie Rasmus Enderle vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig beschäftigen sich mit ihr. „Es ist schwer, die weitere Entwicklung dieser Baumkrankheit genau einzuschätzen“, sagt jedoch auch er.

Anzeige
Schlossherr gesucht!
Schlossherr gesucht!

Herbst-Auktionen mit außergewöhnlichen Immobilien aus Ostsachsen

Auch wenn die Schäden sehr auffällig sind, ist über das Leben dieses Pilzes bisher noch sehr wenig bekannt. Zum ersten Mal aufgefallen ist er 1889 in Nordamerika. 1945 gab es dann in Londoner Parks die ersten Fälle der Ahorn-Rußrindenkrankheit in Europa. Bis zum heißen und extrem trockenen Sommer 1976, an dessen Ende und im folgenden Jahr platzte dann im Süden von England und Wales von etlichen Ahornbäumen die Rinde ab, darunter kam die schwarze Rußschicht aus Pilzsporen zum Vorschein. Nach mehr als drei Jahrzehnten hatte die Rußrindenkrankheit in Großbritannien wieder zugeschlagen.

Die Rinde platzt ab, darunter wird eine gut ein Zentimeter dicke rußige Schicht sichtbar. Ein Pilz löst die sogenannte Rußrindenkrankheit aus. Warum er vor allem nach Dürrejahren auftritt, wird wissenschaftlich untersucht.
Die Rinde platzt ab, darunter wird eine gut ein Zentimeter dicke rußige Schicht sichtbar. Ein Pilz löst die sogenannte Rußrindenkrankheit aus. Warum er vor allem nach Dürrejahren auftritt, wird wissenschaftlich untersucht. © Arne Dedert/dpa

In der Zwischenzeit schien der Pilz sich irgendwo verborgen zu haben. Aber wo? Um diese Frage zu beantworten, starteten britische Forscher ein paar Jahre nach der Dürre ein Experiment: Bei einigen Ahornbäumen entfernten sie ringförmig um den Stamm herum die Rinde und kappten so die Versorgungsleitungen für die darüber liegenden Bereiche des Baums. Prompt zeigten sich dort die typischen Symptome der Rußrindenkrankheit. Das war ein wichtiger Hinweis auf einen Auslöser für das Baumleiden: Fallen in der warmen Jahreszeit für eine längere Periode die Niederschläge aus, kann der Grundwasserspiegel so stark sinken, dass selbst die tiefsten Wurzeln der Bäume nicht mehr an das lebensnotwendige Nass kommen. Genau wie beim Ringeln der Baumrinde fällt dann die Versorgung aus. Anscheinend verbirgt sich der Cryptostroma corticale im Inneren des Baums und wittert in dieser Notsituation seine Chance: Der Pilz wächst und vermehrt sich. Gegen diesen Ansturm von innen heraus ist der Baum nicht geschützt.

Rasmus Enderle ist sich sicher. „Eine solche Strategie, vielleicht sogar etliche Jahrzehnte still in einem Baum auszuharren, bis dieser zum Beispiel durch eine Dürre geschwächt wird oder stirbt, kann für einen solchen Pilz einen enormen Vorteil haben.“ Es gibt einige Pilze, die im toten Holz leben, dessen Inhaltsstoffe verwerten und das Holz dabei langsam zersetzen. Bei dieser großen Konkurrenz aber hat der „Hausherr“, der viele Jahrzehnte im gesunden Baum auf seine Chance wartet, nicht nur einen Platzvorteil. Er kann zum Beispiel auch anderen Mikroorganismen den Zugang in sein Revier verwehren und hält sich so die Konkurrenz vom Leib. Diese Strategie könnte das Auftreten der Rußrindenkrankheit nach Dürrejahren, die den Bäumen stark zusetzen, gut erklären.

Auch das Auftreten der Ahorn-Rußrindenkrankheit auf dem europäischen Kontinent passt zu dieser bisher nur vermuteten, aber nicht bewiesenen Strategie des Ausharrens im gesunden Baum. In Mitteleuropa schreckte Cryptostroma corticale die Förster erstmals nach dem Hitze- und Dürre-Sommer 2003 auf. Bereits im Spätsommer dieses Dürre-Jahres vertrockneten in der Krone und an Ästen die Blätter und färbten sich braun. Unter der abplatzenden Borke tauchten bis zu einen Zentimeter dicke Schichten aus schwarzen Pilzsporen auf. Genaue Analysen konnten dann die Krankheit nachweisen. Zunächst in der besonders warmen oberrheinischen Tiefebene, aber danach auch in Sachsen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Es folgten die Schweiz, Österreich, Tschechien, die Niederlande und schließlich Bulgarien. Der Pilz hatte sich in Europa festgesetzt.

Wald muss anders bewirtschaftet werden

Als in Jahren wie 2015 und 2018 Hitzewellen erneut große Regionen in Mitteleuropa trafen, zeigten sich die Symptome an vielen weiteren Ahornbäumen. Nach Informationen der Stadt Dresden sind in Dresden derzeit 80 Bäume von der Rußrindenkrankheit betroffen. Neben den Bäumen am Rand der Cockerwiese an der Lennéstraße befinden diese sich auch am Bahndamm Ammonstraße und im Leutewitzer Park. Nach und nach werden sie alle gefällt.

Gegen die Situation helfen könnte der Waldbau der Zukunft, erklärt Rasmus Enderle. So können Förster gezielt die Gesundheit und Widerstandskraft einzelner Bäume stärken, wenn sie ein Waldstück alle drei bis fünf Jahre intensiver als bisher durchforsten, etliche Bäume herausschlagen und den übrigen Bäumen so Raum, Licht und Wasser verschaffen. Lässt der Förster die Ahornbäume dann auch nur noch an Stellen wachsen, an denen wenige Probleme bei Dürren auftreten, haben die ökologisch wertvollen Ahorne hierzulande auch im Klimawandel eine Chance.

Angst vor kranken Bäumen müssen Spaziergänger indessen nicht haben. Zwar können die riesigen Sporenmengen durchaus Entzündungen der Lungenbläschen mit Reizhusten, Atemnot und Schüttelfrost auslösen. Allerdings wurden solche Fälle bisher nur bei Menschen beobachtet, die sehr intensiven Kontakt mit befallenen Bäumen oder Holz hatten. Dagegen helfen: Schutzanzüge und Atemschutzmaske. Bevor das Holz abtransportiert wird, muss es außerdem in Folie gewickelt werden.

Mehr zum Thema Dresden