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Der Stollenteig wird wieder zum Bäcker getragen

Immer mehr Bürger entsinnen sich des alten Brauchs und haben so mehr Freude am Fest.

Manche alten Bräuche erleben eine Renaissance. Bäckermeister Dirk Jesche hat das in den letzten Tagen gerade wieder erfahren. „Bereits als unsere Bäckerei vor 30 Jahren von meinen Eltern gegründet wurde, brachten die Leute in der Vorweihnachtszeit ihren Stollenteig zum Abbacken hierher“, erzählt er. Bis zur Wende 1989 nutzten viele Kunden diesen Service. Denn Stollen gab es in den damaligen Kaufhallen kaum und wenn, dann nur als „Bückware“.

Die Zeiten änderten sich. Stollen gibt es nun in jedem Einkaufsmarkt. Das Herstellen von eigenem Stollenteig geriet fast in Vergessenheit. „Doch seit einiger Zeit gibt es wieder Nachfragen, ob man den Teig so wie früher zum Backen herbringen kann“, erzählt Dirk Jesche. Warum das so ist? Brauchtumpflege und die Freude, an dem traditionellen Weihnachtsbackwerk selbst mit Hand anzulegen, würden wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken. Und deshalb hat sich der Reichenbacher Familienbetrieb darauf eingelassen.

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75 Stollen von zehn Familien landeten jetzt im Bäckerofen. Bei der Rezeptur reden Dirk Jesche und seine Frau Benita Marschner den Kunden nicht rein. Jeder, der den Teig bringt, hat ein eigenes Familienrezept. So, wie Familie Idziaschek aus Sohland. „Bereits meine Großmutter brachte den selbst gekneteten Teig in einer Wanne mit dem Schlitten oder dem Handwagen zum damaligen Sohländer Bäcker in der Nähe des Kirchberges“, sagt Rosemarie Idziaschek.

Das Familienrezept für diesen Teig hat sich über Generationen hinweg vererbt. Verraten wird es nicht. „Allerdings können wir uns heute leisten, mehr Rosinen und Fett zu verwenden“, erzählt die Sohländerin. Die Zeiten sind eben besser geworden. Und auch die Zutaten wurden im Auto nach Reichenbach geschafft. Im Wäschekorb, in Töpfen und Schüsseln. 20 Kilogramm Zutaten für 20 Stollen, darunter eine große Schüssel eigenhändig mit dem Messer gewiegte Mandeln. So zubereitet schmeckten dem Vater der Sohländerin die Mandelstifte im Stollen am besten. „Diese Stollen gehören als vorweihnachtliche Geschenke für die Kinder und Verwandten in unserer Familie seit langer Zeit mit dazu“, sagt Idziaschek.

Auch aus Kemnitz und Reichenbach bringen die Kunden ihre Zutaten oder den fertig angerührten Teig zu Jesches. „Wir haben Familien, die den Teig ganz traditionell in der Wanne auf dem Leiterwagen transportieren“, erzählt Benita Marschner. Abgeholt werden die fertigen Stollen in Omas Koffern, eingeschlagen in Papier und ordentlich nebeneinander gelegt. Doch wozu diese Mühe? Denn auch bei Jesches gibt es fertig gebackenen Stollen zu kaufen. Rosemarie Idziaschek schmunzelt: „Solch ein Backwerk ist dann etwas ganz Besonderes und ein sehr persönliches Geschenk.“ Dazu kommt: Jeder Stollenteig, den eine Familie bereitet, ist mit der eigenen Familiengeschichte eng verbunden. (cj)