merken

Der Streit um die Doktortitel

Plagiatsjäger Stefan Weber hatte zwei TU-Dozentinnen heftig kritisiert. Zu Unrecht, stellen nun Expertengruppen fest.

Von Doreen Reinhard und Annechristin Kleppisch

Arbeiten in Görlitz

Ob Arbeitsplatz, Ausbildung, Studium, Job für zwischendurch, Freiwilligendienst oder Ehrenamt: In Görlitz gibt es jede Menge gute Jobs!

Spätestens seit Karl Theodor zu Guttenberg Doktortitel und Ministerposten abgeben musste, ist der „Plagiatsjäger“ ein ruhmreiches Berufsbild geworden. Auch an den Dresdner Hochschulen wurden zwielichtig verfasste Doktorarbeiten gesucht – und gefunden. Das behauptete jedenfalls Stefan Weber, selbst ernannter Plagiatsjäger, der vor allem am TU-Institut für Kommunikationswissenschaft fette Beute machte. Die Doktorarbeiten von gleich zwei Dozentinnen zerrte er in die Öffentlichkeit und warf ihnen auf seiner Internetseite vor, Plagiate verfasst zu haben. Zu Unrecht, wie nun Expertenkommissionen von zwei deutschen Hochschulen nach langer Prüfung festgestellt haben.

Einer von Stefan Webers wohl prominentesten Fällen kochte im Sommer 2012 hoch. Am Pranger stand Nina Haferkamp, Professorin des damals noch jungen Lehrstuhls für Kommunikation und Medien. Ihr unterstellte Weber grobe Verstöße in ihrer Doktorarbeit, unter anderem, dass sie vom Web-Lexikon Wikipedia abgeschrieben habe. Der Druck der Öffentlichkeit wuchs rasant, und Nina Haferkamp gab kurz darauf ihren Posten ab, „aus gesundheitlichen Gründen“, wie das Institut knapp mitteilen ließ. Auf Anfragen reagiert Nina Haferkamp bis heute nicht. Auch nicht, als die Universität Duisburg-Essen nun bekannt gab, zu welchem Ergebnis ein Promotionsausschuss nach der Kontrolle ihrer Doktorarbeit gekommen ist. Fazit: Der Dr. bleibt.

„Die zuständige Fakultät bestätigt, dass im entscheidenden Teil der Arbeit eine originäre wissenschaftliche Leistung erbracht wurde, die im Formulieren eigener Hypothesen und deren empirischer Überprüfung besteht“, heißt es in einer Erklärung. „Im einleitenden Teil der Arbeit sind zwar Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis festzustellen. Das schmälert aber nicht den Erkenntnisgewinn für die Wissenschaft im Hauptteil der Arbeit“, erklärt Norbert Fuhr, Leiter des Ausschusses.

Rehabilitation und Reue

Von Nina Haferkamp ist dazu nichts zu hören. Weder Genugtuung noch eine Aussage darüber, ob sie an die Dresdner Universität oder auf einen anderen Posten zurückkehren wird. Ihr Anwalt richtet lediglich aus, dass seine Mandantin kein weiteres Interesse an ihrer Person wünsche. Dafür äußern sich andere Protagonisten, die in das Plagiatsdrama verwickelt worden sind. „Das Rektorat der TU Dresden ging schon im Juli 2012, als die Vorwürfe gegen Dr. Nina Haferkamp bekannt wurden, davon aus, dass ihr keine gravierenden Fehler bei der Anfertigung ihrer Doktorarbeit unterlaufen sind“, teilt TU-Sprecherin Kim-Astrid Magister mit. „Mit der aktuellen Entscheidung sieht die TU Dresden ihr in Nina Haferkamp gesetztes Vertrauen bestätigt. Wieder zeigt sich, dass für jeden Menschen bis zum Abschluss einer Untersuchung die Unschuldsvermutung gelten muss.“

Ähnlich urteilt auch Wolfgang Donsbach, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft. „Der Fall ist eine Warnung an alle, mit dem Thema Plagiatsverdacht behutsam umzugehen. Die kommunikativen Auswüchse in den Medien und in persönlichen Blogs können schnell eine Karriere, manchmal ein Menschenleben zerstören“, sagt er. „Das heißt nicht, dass man bei Fundstellen für wissenschaftlich zweifelhaftes Verhalten stillhalten muss. Die Wissenschaft lebt von der Kritik an wissenschaftlichen Texten. Aber erstens darf man nicht so tun, als sei dies immer eindeutig zu bewerten. Und zweitens gehören Verdachtsmomente in einem frühen Stadium nicht in die allgemeine Öffentlichkeit.“

Nur zu gern würde Plagiatsjäger Stefan Weber an dieser Stelle noch viele Schlusswörter hinzufügen, aber er darf nicht. Der Anwalt von Nina Haferkamp hat ihn in einem Unterlassungsschreiben aufgefordert, sich zu dem Fall Haferkamp nicht weiter zu äußern, ansonsten drohen Strafzahlungen. In einem anderen Fall hat Weber, der sowohl in Dresden als auch in Salzburg arbeitet, seine Meinung kundgetan. Denn auch gegen Katrin Döveling, einst ebenfalls Dozentin am Institut für Kommunikationswissenschaft, hatte er schwere Plagiatsvorwürfe erhoben. Auch ihre Arbeit wurde daraufhin von einer Kommission überprüft – ohne Konsequenzen. Ihr Doktortitel blieb ebenfalls erhalten. Auf ihrer Internetseite erklärte sie daraufhin: „Nach über einem Jahr der öffentlichen Anklage im World Wide Web ist es nun auch offiziell. In Bezug auf meine Dissertation wird weder ein auf den Entzug des Doktortitels gerichtetes promotionsrechtliches Verfahren noch ein sonstiges Verfahren eingeleitet. Es geht für mich über ein Jahr der öffentlichen Stigmatisierung und Rufschädigung zu Ende.“

Stefan Weber nahm das zum Anlass für eine Entschuldigung, eine kurzzeitige jedenfalls. Auf seiner Homepage hat er kürzlich seine Plagiatsvorwürfe gegen Döveling widerrufen: „Das Ergebnis muss von mir – wenn auch zähneknirschend – akzeptiert werden. Ich gestehe aus heutiger Sicht, dabei an die möglichen emotionalen Folgen bei den Beschuldigten im Eifer des Gefechts nicht gedacht zu haben.“ Mittlerweile hat er den Eintrag wieder gelöscht. „Ich wollte ihn von Anfang an nur für kurze Zeit im Blog stehen lassen“, sagt er. „Die Löschung heißt nicht, dass ich eine Entschuldigung zurückgezogen hätte, nur, dass das Thema nun in meinem Blog vom Tisch ist.“