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Der tote Junge aus dem Freibad

Es war ein tragischer Unfall. Nicht mehr und nicht weniger. Doch der „Fall Joseph“ wurde zum Albtraum von Sebnitz.

© Frank Baldauf

Von Jörg Stock

Klatsch! Ralf Hubrich wirft einen Packen zusammengeklammerter Klarsichthüllen auf den Stubentisch in seiner Pirnaer Dachgeschosswohnung. In den Hüllen stecken, säuberlich einsortiert, Zeitungsartikel. Sie haben dicke Schlagzeilen mit viel Rot drum herum, und häufig schaut ein süßes Knabengesicht heraus, mit schwarzen Kulleraugen und Ponyschnitt. In seiner langen Dienstzeit, sagt der Ex-Kommissar, hat er selten Pressetexte über seine Fälle aufgehoben. Dieser Fall ist eine Ausnahme. Es ist der Fall Joseph.

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Das Archivbild vom 28. November 2000 zeigt Polizisten, die in Sebnitz das Haus der Apotheker-Familie Kantelberg-Abdulla bewachen.
Das Archivbild vom 28. November 2000 zeigt Polizisten, die in Sebnitz das Haus der Apotheker-Familie Kantelberg-Abdulla bewachen. © dpa
Der Beitrag ist in gekürzter Fassung dem Buch „Der Kannibale von Heidenau“ von Jörg Stock entnommen. Die 3. Auflage Kriminalfälle aus der Region gibt es in den SZ-Treffpunkten.
Der Beitrag ist in gekürzter Fassung dem Buch „Der Kannibale von Heidenau“ von Jörg Stock entnommen. Die 3. Auflage Kriminalfälle aus der Region gibt es in den SZ-Treffpunkten. © SZ

Hubrich streift die Brille ab und reibt sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen, so als täte es ihm weh, das Konvolut anzuschauen. Nach der Sache damals hat er nie wieder mit Reportern reden wollen. „Ich war der Presse sehr böse“, sagt er.

Als Ralf Hubrich 1997 den Fall Joseph auf seinen Schreibtisch bekam, da hatte der Vorgang noch gar keinen Namen. Es war ein Badeunfall. Drei Jahre später sollte es Mord gewesen sein, begangen von einem fünfzig Mann starken Nazi-Mob. Aus dem Fall des Pirnaer Kripo-Manns Hubrich wurde ein Fall für die gesamte Republik, bis hinauf zum Bundeskanzler. Und es wurde der wohl größte Medienunfall seit den gefälschten Hitlertagebüchern.

Die haarsträubende Geschichte beginnt am 13. Juni 1997, einem Freitag, im Sebnitzer Dr.-Petzold-Bad. Es ist heiß. Der sechsjährige Joseph, Sohn des örtlichen Apothekerpaares Saad Abdulla und Renate Kantelberg-Abdulla, vergnügt sich mit seiner zwölfjährigen Schwester Diana in der gut besuchten Badeanstalt. Gegen 15 Uhr passiert die Tragödie: Der kleine Joseph wird leblos aus dem Wasser gezogen. Alle Rettungsversuche schlagen fehl. Der Junge stirbt. Wegen des unnatürlichen Todes wird die Kriminalpolizeiinspektion Pirna gerufen. Ralf Hubrich leitet damals das Dezernat I, das Straftaten gegen das Leben untersucht. Die Ermittlungen seiner Kollegen im Bad bezeichnet er als kompliziert. Zum fraglichen Zeitpunkt waren viele Leute dort gewesen. Doch in dem Trubel hatte keiner gesehen, wie der Junge unterging. Das ist recht typisch für Badeunfälle. Als Ermittler befragt man das Personal und die Helfer – viel mehr ist meistens nicht zu machen. Drum herum stehen zwar fünfzig oder hundert Mann, sagt Hubrich. „Aber die heben alle die Hände.“

Die Ermittler hoffen, dass Josephs große Schwester ihnen erzählt, was genau passiert ist. Als Hubrichs Kollegin, Hauptkommissarin Birgit Walther, einige Tage nach dem Unglück zu den Kantelberg-Abdullas fährt, um das Mädchen zu vernehmen, wird sie enttäuscht. Die Eltern sind gegen eine Befragung der Minderjährigen. Die Hauptkommissarin kriegt das Kind nicht einmal zu sehen. Alles, was Diana wisse, könne die Polizistin auch von ihnen erfahren, sagt das Paar.

Keine Verletzungen gefunden

Schon bei diesem Gespräch hört Birgit Walther, dass Rechtsradikale den kleinen Joseph ertränkt haben sollen. Doch finden sich bei den weiteren Untersuchungen keinerlei Anhaltspunkte dafür. Die Staatsanwaltschaft veranlasst eine Obduktion. Verletzungen werden an Josephs Körper nicht gefunden. Alles deutet darauf hin, dass der Kleine ertrunken ist, ohne dass jemand anderes die Schuld daran trägt. Wie genau es passierte, bleibt mangels Zeugen allerdings unklar. Es gibt viele Möglichkeiten, im Wasser umzukommen, sagt Kommissar Hubrich. Das kann lautlos und sehr schnell gehen. „Es war das tragische Ertrinken eines Kindes, nichts anderes“, sagt er. Vorwürfe an die Stadt Sebnitz, es habe am fraglichen Tag an der Sicherheit im Petzold-Bad gemangelt, erweisen sich als nicht haltbar. Das Strafverfahren wird eingestellt.

Die Familie Kantelberg-Abdulla gibt sich mit den Ermittlungsergebnissen nicht zufrieden. Sie zeigt ein Tötungsdelikt an. Die Sebnitzer Apothekerkonkurrenz – es gibt noch zwei weitere Geschäfte in der Stadt – soll ein Mordkomplott gegen Joseph geschmiedet haben, das von einer Neonazi-Horde ausgeführt wurde. Saad Abdulla will von Abrechnungsbetrügereien seiner Zunftkollegen erfahren haben, weshalb diese ihn und seine Familie aus der Stadt treiben wollten. Die Ermittlungen verlaufen jedoch im Sande und werden im Mai 1998 eingestellt. Für Ralf Hubrich ist die Sache erledigt.

Dass sie es für Josephs Eltern nicht ist, ahnt er zwar, ahnt aber nicht das Ausmaß ihrer Privatermittlungen. Sie lassen ihren Sohn 1999 exhumieren und erneut untersuchen, treiben zahlreiche Zeugen auf, die den Mord an Joseph im Sebnitzer Bad gesehen haben wollen, beschäftigen sogar Privatdetektive.

Im Mai 2000 übergeben sie ihre Recherchen der „Bild“-Zeitung. Die Sache gelangt ins sächsische Innenministerium und von da zum Justizministerium mit der dringenden Anregung, das Verfahren im Fall Joseph wieder aufzurollen. Man beginnt, die neu aufgetauchten Zeugen zu vernehmen. Doch die sind wenig kooperativ, erscheinen wiederholt nicht zum Termin. Inzwischen drängt „Bild“ auf Veröffentlichung. Offenbar recherchieren auch schon andere Verlage in Sachen Joseph.

Am 21. November 2000 schließlich gelingt die Vernehmung von zwei Hauptbelastungszeugen. Sie machen einen glaubwürdigen Eindruck, bestätigen die Aussagen, die sie zuvor in eidesstattlichen Erklärungen gegenüber Josephs Eltern gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft geht nun von Mord aus. Schon am Abend wird der erste Tatverdächtige, der 20-jährige Maik H., in Sebnitz festgenommen. Am darauffolgenden 22. November, dem Buß- und Bettag, folgt die Verhaftung von Uta S., 21 Jahre alt, aus Sebnitz und ihres Freundes Sandro R., 25, der ebenfalls aus der Gegend stammt. Die drei jungen Leute sollen Joseph misshandelt, ihm Gift eingeflößt und ihn dann unter dem Beifall der Umstehenden ins tiefe Wasser geworfen haben. Am Donnerstag, dem 23. November, begrüßt „Bild“ die Nation mit der Schlagzeile: „Neonazis ertränken Kind“. Untertitel: „Keiner half. Und eine ganze Stadt hat es totgeschwiegen.“

Als Ralf Hubrich an diesem Morgen zum Dienst erscheint, liegt die Zeitung schon auf seinem Schreibtisch. Er ist perplex. Sein Chef ruft an: „Hubrich, was ist da dran?“ „Nichts“, sagt Hubrich. Und wieso wurden dann Leute eingesperrt? Allerdings, das wundert ihn. Oft genug hat der Hauptkommissar erlebt, wie zurückhaltend Sachsens Richter beim Verhaften sind. Dass man nun so schnell reagiert, kommt ihm äußerst seltsam vor. Noch Jahre später will ihm das nicht in den Kopf. Das hätte er in einer Bananenrepublik erwartet, sagt er. Aber nicht in Deutschland.

Dem OB verschlägt es die Sprache

So laut die Schlagzeile auch vom Titelblatt brüllte: Hubrich war sich sicher, dass „Bild“ eine Ente gedruckt hatte. Warum? Er spricht von seiner Menschenkenntnis, von seiner Erfahrung. Wäre die Geschichte wahr gewesen, er hätte sich einen Job als Hausmeister gesucht. Fünfzig Nazis sollten den kleinen Joseph ertränkt haben, unter den Augen von ganz normalen Badegästen, von Muttis und Vatis und Omas und Opas? Spätestens am nächsten Tag, da ist Hubrich sicher, wäre jemand bei der Polizei aufgekreuzt und hätte das erzählt. Wenn ein Kind stirbt, lässt das niemanden kalt. Das wäre herumgegangen wie ein Lauffeuer. Aber es gab keinen Hinweis. Nicht einmal ein Gerücht.

Mike Ruckh, Oberbürgermeister von Sebnitz, verschlägt es die Sprache, als er am bewussten Morgen beim Brötchen holen die „Bild“ zur Hand nimmt. Er liest die Schlagzeile vom Spaßmord des Nazi-Mobs in seiner Stadt und kann keinen klaren Gedanken fassen. Sind denn alle meschugge? Damals, am Tag von Josephs Tod, war er selbst ins Freibad geeilt, hatte dort aber keine Nazis gesehen. Aber es gibt ja Verhaftete. Sollte ihn sein Erinnerungsvermögen derart getäuscht haben? Schon ruft ein Abgeordneter aus dem Bundestag an. In Berlin sei die Hölle los wegen der Sebnitz-Geschichte. Ruckh, der eigentlich Urlaub hat, beschließt, sofort zum Rathaus zu fahren um nachzusehen, was eigentlich los ist. Als er ankommt, ist das Dienstgebäude noch geschlossen, aber schon von Reportern umlagert. Drinnen herrscht Auflösung.

Nachmittags auf der einberufenen Pressekonferenz beherzigt Ruckh die Ratschläge eines Kommunikationsprofis. Vor allem diesen: Die Story von „Bild“ nicht anzweifeln. Als „Wald- und Wiesenbürgermeister“ steht es ihm nicht zu, das Gegenteil von dem zu behaupten, was die Staatsanwaltschaft sagt. Ruckh erklärt, dass die Stadt erschüttert sei, dass sie radikale Gewalttaten nicht dulde, dass wer wegschaue sich mitschuldig mache. Er sagt aber nicht, dass Bürger seiner Stadt schuldig sind. Er sagt nur, dass er auf zügige Aufklärung durch die Ermittlungsbehörden hofft. Es sind gestanzte Sätze, die er spricht. Zum Teil hat er sie vorher aufgeschrieben, um sich daran festzuhalten, um auf der Bühne des Medienzirkus nicht zu straucheln.

Der Auftritt gelingt. Doch zunächst glaubt man weiter „Bild“ und den Zeugen. Vor allem den auswärtigen Medien passt die Story vom Nazi-Mob wohl zu gut in den Kram. Eben erst ist die neonazistische Kameradschaft „Skinheads Sächsische Schweiz“ aufgeflogen. Muss eine deutsch-irakische Familie, Zuzügler aus dem Westen obendrein, in diesem Milieu nicht zwangsläufig zum Opfer werden?

Gemeinsam mit den Sebnitzer Bürgern stehen die Beamten der Pirnaer Kriminalpolizei um Ralf Hubrich am Pranger. Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, tadelte in der Süddeutschen Zeitung, die Polizisten hätten nicht hartnäckig genug nach Tätern gesucht, sich stattdessen frühzeitig auf die Version des Badeunfalls festgelegt. Gegen solche Vorwürfe können die Ermittler um Hubrich nichts unternehmen. Bei den fieberhaften Ermittlungen, die nun anlaufen, bleibt die Pirnaer Dienststelle außen vor. Das Polizeipräsidium in Dresden stellt eilig eine „Sonderkommission Schwimmbad“ zusammen. Es gibt Bombendrohungen gegen das Rathaus und das Polizeirevier. Scharen von Polizisten marschieren in Sebnitz ein, um Ordnung und Sicherheit aufrecht zu erhalten.

Inzwischen hatte sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder Renate Kantelberg-Abdulla in Berlin empfangen und ihr seine Unterstützung gegen rechtsradikale Drohungen angeboten. Die „Soko Schwimmbad“ ermittelt schließlich, dass von den schlimmen Beschuldigungen des Apothekerpaares nichts aufrecht zu erhalten ist. Die Haftbefehle gegen die drei Verdächtigen werden aufgehoben. Sie haben stichhaltige Alibis. Die weiteren Untersuchungen ergeben, dass der Junge an Herzversagen starb, begünstigt durch eine Erkrankung des Herzens. Im Juli 2001, nach Vernehmung von etwa 250 Zeugen, legt die Staatsanwaltschaft den Fall zu den Akten. Das Ergebnis ist praktisch dasselbe, wie schon vor vier Jahren. Im Sebnitzer Dr.-Petzold-Bad hat am 13. Juni 1997 eine Tragödie stattgefunden, aber kein Verbrechen.

Eltern glauben weiter an Mord

Der Polizist Hubrich verurteilt die Eltern nicht. Die Trauer um ihr Kind hat sie wohl zu einem aussichtslosen Kampf gegen den Rest der Welt getrieben, meint er. Im Jahr 2001 verlässt die Familie Kantelberg-Abdulla Sebnitz. Das Paar übernimmt eine Apotheke im Sauerland, muss das Geschäft aber 2012 aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben. Am Glauben, dass ihr Joseph umgebracht wurde, halten die Eltern fest. „Der Tod unseres Sohnes war und bleibt Mord“, sagt Saad Abdulla 2008 gegenüber der Sächsischen Zeitung. Der Fall Joseph beeinflusst das Leben in der Stadt nicht mehr, sagt Rathauschef Ruckh. Aus dem kollektiven Gedächtnis kriegt man die Sache trotzdem nicht gelöscht. Die Vorstellung vom braunen Nest bleibt, so wie die NPD, die immer noch im Stadtrat sitzt. Es gibt Ortsnamen, sagt Ruckh, da macht es einfach klick, so wie Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda. Bei Sebnitz macht es eben auch klick. Vielleicht nicht sofort. „Aber man hat so ein Gefühl: Da war doch was?“

Der alte Kripomann Hubrich sieht das ganz ähnlich. Die dicken Schlagzeilen, die in seinen Klarsichthüllen stecken, die stecken auch noch tief drin in so manchem Kopf, glaubt er. Bis heute trifft er Leute, die ihm sagen: Irgendetwas wird da schon dran gewesen sein.