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Der transparente Mensch

Der Gläserne Mann im Deutschen Hygiene-Museum hat ein zutiefst menschliches Problem: Der 85-Jährige kann sein Alter nicht leugnen.

Maria Lörzel reinigt den Gläsernen Mann.
Maria Lörzel reinigt den Gläsernen Mann. © Ronald Bonß

Dieser Mann hat seine beste Zeit längst hinter sich. 1935 war sein Geburtsjahr. In Dresden erblickte er das Licht der Welt, wurde erschaffen im Laboratorium von Franz Tschakert, Modellbauer im Deutschen Hygiene-Museum. Die Institution war am 16. Mai 1930 im neu gebauten Haus an der Lingnerallee eröffnet worden und der Gläserne Mann darin zweifellos die größte Attraktion. Er stand mit pathetisch erhobenen Armen im Zentrum des Hauses in einer kapellenartigen Apsis, der Stadt den Rücken zugewandt, den Blick ins Grün gerichtet, zum Großen Garten hin.

Er hat drei ältere Geschwister und bekam noch viele Brüder und Schwestern. Es gibt auch Kühe und Pferde, denen man ins Herz und auf die Nieren schauen kann. Aber aus Glas war keine der lebensgroßen Figuren, die als anatomische Modelle einst das Publikum in Scharen faszinierten. In der DDR wurden die transparenten Typen zum Exportschlager und Staatsgeschenk. Josef Stalin bekam zu einem runden Geburtstag ein Menschenpaar geschenkt. Insgesamt 140 gläserne Figuren wurden im Hygiene-Museum hergestellt, zehn sind derzeit noch im Bestand und vier davon in der Dauerausstellung zu sehen.

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Im Depot bekommt der Gläserne Mann eine Sonderkammer mit der für ihn optimalen, sehr trockenen Luft und einer Temperatur von 15 Grad.
Im Depot bekommt der Gläserne Mann eine Sonderkammer mit der für ihn optimalen, sehr trockenen Luft und einer Temperatur von 15 Grad. © Sebastian Kahnert/dpa

Doch zurück zu unserem Mann vom Jahrgang 1935. In der Ausstellung „Mutter und Kind“ begeisterte er 1936 die Menschen in Stockholm. Auf der Pariser Weltausstellung 1937 war er in einem eigenen Pavillon zu sehen. Dann bereiste er die Welt, bis ihn in den 1950er-Jahren eine Hamburger Schaustellerfamilie kaufte. Immer wieder wurde er entmannt, und nun trägt er einen Lendenschurz aus Leder. Seit den 1980er-Jahren zog er mehrfach um, bis ihn das Hygiene-Museum 2009 mit einem anatomischen Wachskabinett aus Finnland ankaufte. Die Dresdner Journalistin Heidrun Hannusch hatte die Museumsleute auf die Spur gebracht.

Man sieht ihm sein unstetes Leben an. Eine Schönheit ist er längst nicht mehr, und er ist schmutzig. Wie die menschliche Haut im Alter Falten bekommt, so schrumpft die transparente Hülle dieses Mannes und vergilbt. An einigen Körperstellen ist sie aufgerissen. Der Alterungsprozess erzeugt ein Kondensat, das Essigsäure enthält. Die wiederum greift die Lackschicht der Knochen und die Metallteile im Körper an. Unschöne Ablagerungen und Knochenbrüche sind die Folge.

Deshalb erhielt der Gläserne Mann absolutes Reiseverbot und wurde unter besonderen Schutz gestellt. Die VW-Stiftung finanziert ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, in dem das Hygiene-Museum bis Ende 2021 gemeinsam mit der Hochschule für Bildende Künste und der Technischen Universität Dresden sowie der Technischen Hochschule Köln herausfinden will, wie man Objekte aus Kunststoff langfristig bewahren kann. Historiker, Chemiker und Restauratoren gehören nun zum Pflegeteam des 85-Jährigen. Maria Lörzel erklärt: „Celluloseacetat altert schnell und rapide, zersetzt sich von selbst und könnte vollständig zerfallen. Rückgängig machen lässt sich dieser Prozess nicht.“ Die Restauratorin reinigt die Hülle des Mannes, sichert die gebrochenen Skelettteile. Den Alterungsprozess müsse man akzeptieren, aber man könne ihn mit guten klimatischen Bedingungen deutlich verlangsamen, sagt sie. Deshalb bekommt der Gläserne Mann eine Sonderkammer im Depot mit der für ihn optimalen, sehr trockenen Luft und einer Temperatur von 15 Grad.

Informationen für Besucher:

  • Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1, ist Di – So und am Pfingstmontag 10 – 18 Uhr geöffnet.

  • Bis 29. Mai sind alle Museumstickets um 50 Prozent reduziert, ab 30. Mai gelten die regulären Preise.

  • Aufgrund von Zugangsbeschränkungen kann es zu längeren Wartezeiten kommen.

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