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Der Traum von der Abendburg

Jozef Golba baut auf dem Hochstein im Isergebirge eine neue Bergbaude. Irgendwann, sagt er, wird sie vielleicht auch fertig.

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Von Jana Ulbrich

Wenn Jozef Golba oben vor seiner kleinen Holzhütte sitzt, dann reicht sein Blick über das Iser- und Riesengebirge bis weit ins Land. Bis nach Breslau kann er sehen bei gutem Wetter, und bis nach Zittau in die andere Richtung. „Es ist so wunderbar“, sagt er. „Mit Worten kann ich das gar nicht beschreiben“.

Manche in Sklarska Poreba (Schreiberhau) halten den 53-Jährigen für verrückt. Wie kommt einer auch darauf, Unmengen von Sand und Kalk und Holz und Steinen und Wasser auf den Wysoki Kamien zu schleppen? Um dort oben in 1058Metern Höhe eine Bergbaude zu bauen! Ohne Wasser, ohne Strom! Josef Golba lächelt verschmitzt wie ein Schuljunge, dem gerade ein toller Streich gelungen ist. „Na und“, sagt er und zuckt mit den Schultern, „dann bin ich eben verrückt“.

Als junger Lehrer, erzählt er, ist er 1980 nach Sklarska Poreba gekommen. Er sei fasziniert gewesen von der Landschaft und vor allem vom Ausblick auf dem Hochstein. So oft es ging, sei er hinauf gewandert mit seinen Schülern. Er zeigt das Bild von der alten Hochsteinbaude, die seit 1837 eines der beliebtesten Ausflugsziele im Isergebirge war. 1963 haben die letzten Touristen auf dem Berg übernachtet. Da regnete es schon durchs Dach. Irgendwann wurde die Baude später ganz abgerissen.

Eine alte Legende

1996 hat Golba den Platz gekauft, auf dem die alte Baude stand und verkündet: Ich baue eine neue.

Seitdem schleppt er Baumaterial auf den Berg. Fast jeden Tag. Mit einem 20Jahre alten russischen Geländewagen holpert er den steinigen Forstweg hinauf, jedesmal froh, gut oben und auch wieder gut unten angekommen zu sein.

Der Rohbau ist fertig. Die neue Baude sieht anders aus als ihre Vorgängerin auf dem historischen Foto. Golba hat seine Herberge so gebaut, wie er sich die „Abendburg“ vorstellt, diese Burg aus der alten Legende, die sich die Leute in Sklarska Poreba erzählen:

In der Nacht der Sommersonnenwende öffnet sich der Berg unter der Burg und gibt seine Schätze frei. Eine Frau aus Schreiberhau habe das erlebt, habe sich die Taschen voller Gold und Edelsteine gestopft – und dabei das Kind vergessen, als die Felsenhöhle sich im ersten Morgengrauen wieder schloss. Jeden Tag sei die Frau weinend auf den Berg gestiegen. Bis sich in der nächsten Sonnenwendnacht der Fels wieder öffnete, sie das Kind wieder glücklich in die Arme schließen konnte – und gar keinen Blick mehr hatte für all die Schätze.

Kaffee für die Wanderer

„Eine schöne Geschichte“, sagt Jozef Golba. Dann muss er aufstehen. Zwei Wanderer sind von tschechischer Seite hinaufgekommen. Auf dem kleinen Gaskocher in der Holzhütte macht er frisches Trinkwasser heiß, das er an diesem Morgen hinaufgebracht hat. Die beiden Wanderer freuen sich über den löslichen Kaffee – und Jozef Golba über den kleinen Nebenverdienst, den er mit dem Verkauf von Süßigkeiten und Getränken aus seinem provisorischen Kiosk hat.

Es hat sich längst herumgesprochen, dass es oben auf dem Hochstein wieder ein Ziel für Wanderer gibt. Wenn es auch noch nicht ganz fertig ist. „Vielleicht wird es ja irgendwann“, sagt Golba mit unerschütterlichem Optimismus. Und träumen könne er ja schon mal: Dass er Wasser findet und einen Brunnen bauen kann, dass es hier irgendwann auch Strom gibt, vielleicht erzeugt von einem Windrad. Und dass sein Restaurant auf dem Hochstein eines Tages floriert. Warum soll man ihm das nicht glauben? Wer hat ihm schon geglaubt, als er vor Jahren den ersten Stein hier hoch schleppte?