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Der Wahnsinn

Vor 20 Jahren stieg Dynamo aus der Bundesliga ab. Matthias Maucksch war als einer von sieben von 1991 bis 1995 dabei.

© Wolfgang Wittchen

Von Sven Geisler

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Matthias Maucksch ist damals stinksauer: „Mit solchen Schiedsrichtern wird der Fußball kaputtgemacht.“ Nach Gelb sieht auch er Rot in diesem Bundesliga-Spiel mit fünf Platzverweisen. Das ist fast 22 Jahre her und der Rekord ungebrochen. Am 1. September 1993 verliert Dynamo Dresden bei Borussia Dortmund mit 0:4, aber das Ergebnis spielt kaum eine Rolle an jenem denkwürdigen Abend.

Matthias Maucksch gewinnt beim 3:3 in Leipzig 1993 den Zweikampf gegen Franklin Bittencourt.
Matthias Maucksch gewinnt beim 3:3 in Leipzig 1993 den Zweikampf gegen Franklin Bittencourt. © SZ/Marion Gröning

Schiedsrichter Manfred Schmidt aus Bad Hersfeld schickt aller paar Minuten einen Spieler zum Duschen: die Dortmunder Matthias Sammer (29.) und Günter Kutowski (46.) sowie die Dresdner Nils Schmäler (34.), Maucksch (55.) und Markus Kranz (71.). „Das war schon Wahnsinn“, meint Maucksch. „Der Schiri hatte sich selbst unter Druck gesetzt, indem er frühzeitig Gelb für banale Dinge gab.“ Das DFB-Sportgericht sprach sowohl Schmäler als auch Kutowski, die glatt Rot gesehen hatten, in mündlicher Verhandlung frei.

Es ist eines der legendären Spiele von Dynamo in der Bundesliga, und auch Maucksch hält aus der Zeit einen Rekord – mit 118 Einsätzen. Doch seine Bestmarke geht in der mittlerweile 62-jährigen Vereinsgeschichte genauso unter wie die erstklassigen Jahre von 1991 bis 1995. „Für uns Ost-Fußballer war es ein Traum, in München, Dortmund oder auf Schalke zu spielen – und umso schöner, das mit dem Heimatverein zu erleben“, sagt der 45-Jährige.

Ihm kommt es deshalb nicht in den Sinn, nach dem Mauerfall in den Westen zu gehen. Mit 18 war er von den Junioren zur ersten Mannschaft aufgerückt; fast jedes Jahr schafften bei Dynamo ein, zwei Talente den Sprung. Maucksch gehört zu den DDR-Meistern 1989, wird 1990 Pokalsieger, spielt im Europacup. In der letzten Oberliga-Saison 1990/91 schafft Dynamo als Zweiter hinter Hansa Rostock die Qualifikation für das erste gesamtdeutsche Oberhaus.

Doch viele Menschen haben anderes im Kopf als Fußball. Nach dem Wiedervereinigungstaumel plagen sie die Alltagssorgen, viele verlieren ihren Job, verlassen die Region, um jenseits der offenen Grenze Arbeit zu finden. Das ist zweifellos ein entscheidender Grund dafür, dass plötzlich viele Plätze frei bleiben, wenn Dynamo spielt. Zum Auftakt gegen den 1. FC Kaiserslautern kommen 23 000, immerhin, gegen Wattenscheid fünf Wochen später sind es nur noch 13 000. „Wir führten zur Halbzeit 1:0, trotzdem haben uns die Leute ausgepfiffen“, erinnert sich Maucksch. Das erfolgsverwöhnte Dresdner Publikum musste sich erst daran gewöhnen, dass die Schwarz-Gelben nicht um den Titel spielten, sondern gegen den Abstieg kämpften. „Wir haben noch 3:0 gewonnen, und das war dann okay.“

In der Bundesliga-Zeit war das alte Rudolf-Harbig-Stadion nur viermal ausverkauft: dreimal gegen die Bayern und einmal gegen Dortmund. Im Durchschnitt kamen weniger als 17 000 Zuschauer; in dieser Spielzeit waren es mehr als 22 400 – in der 3. Liga. „Heute feiern sich die Fans selber, es geht weniger um den Fußball als um das Event“, meint Maucksch.

Als Dynamo vor der Saison 1993/94 wegen Erschleichens der Lizenz vier Punkte abgezogen werden, kommen nur noch die Optimisten unter den Treuesten. Tiefpunkt: 9 700 gegen Wattenscheid. Doch die Mannschaft mit Trainer Siegfried Held ist wild entschlossen. „Wir hatten eine Trotzeinstellung, fühlten uns wie im gallischen Dorf, das wir gegen alle Widerstände verteidigen müssen“, sagt Maucksch. Tatsächlich konnte man den Eindruck gewinnen, der Deutsche Fußball-Bund und die Bundesliga seien den Dresdnern nicht wohlgesonnen. Dynamo wird als erster Verein wegen Lizenzmanipulation zu einem Punktabzug verurteilt, de facto werden zwei Siege vorab aberkannt. „Ich kann mir nicht helfen, das sieht nach Demontage aus“, sagte Maucksch damals im Kicker.

Der Start geht daneben. Nach drei Unentschieden und drei Niederlagen – das 0:4 im Farbenspiel von Dortmund inklusive – ist das Punktekonto immer noch mit einem Zähler im Minus. Aber es folgt das „Schlüsselerlebnis“, wie Held später den 1:0-Sieg beim 1. FC Köln nennt. Der Trainer ist zweifellos die Schlüsselfigur in der nun folgenden Erfolgsgeschichte, die mit einem 1:0 gegen Werder Bremen und dem Klassenerhalt am vorletzten Spieltag endet.

„Ob Sieg oder Niederlage: Siggi Held kannte keine Schaumschlägerei, er hat sachlich analysiert“, meint Maucksch, der die geradlinigen Trainertypen wie Eduard Geyer, Willi Reimann und eben Held als Spieler besonders geschätzt hat, denn: „Mit den Trainern, die für dich als Spieler angenehmer sind, weil sie dir viel Freiraum lassen, hast du keinen Erfolg.“

Diese Erkenntnis nimmt Maucksch mit, als er im Oktober 2009 Chefcoach bei Dynamo wird. Zum Aufstieg im Mai 2011 steht er zwar nicht mehr in der Verantwortung, hat aber maßgeblichen Anteil an der Rückkehr wenigstens in die zweite Liga. Die Mannschaft ist gut trainiert und personell ordentlich aufgestellt. Spieler wie Cristian Fiel, Alexander Esswein, Sebastian Schuppan und Dani Schahin holt er zum Teil gegen Widerstände aus der Vereinsführung. „In den Aufsichtsratssitzungen habe ich mich oft gefragt: Wollen die dich provozieren oder haben sie keine Ahnung?“, sagt Maucksch: „Ich tippe auf Letzteres.“

Hospitieren fürs Trainer-Comeback

In der Struktur sieht er die Ursache dafür, dass der Verein seit dem Zwangsabstieg aus der Bundesliga 1995 nicht wirklich vorankommt. Nach seinem Aus als Dynamo-Trainer war Maucksch bei einigen Vereinen im Gespräch, aber konkret wurde es nicht. Inzwischen arbeitet der Vater dreier Kinder als Sportlehrer an einer Mittelschule in Laubegast und die Aufgabe gefällt ihm, wie er betont. Seine Leidenschaft für den Fußball, die er mit sechs Jahren bei Dynamo entdeckte, ist geblieben – und eine Rückkehr auf die Trainerbank keinesfalls ausgeschlossen. „Ich bleibe dran, hospitiere, gucke viele Spiele.“

An die Bundesliga-Zeit denkt auch er mit Wehmut zurück und wie das Kartenspektakel fällt ihm das Rückspiel gegen Dortmund dabei ein. Das gewannen die Dynamos nämlich 3:0 – vor 14 800 Zuschauern und ohne Platzverweis.