merken
PLUS

Der Wanderer

Werner Maiwald baute die Riesaer Firma BuS auf. Jetzt ist er 75 und will verkaufen. Dass er im Elbland gelandet ist, war Zufall. Wie vieles andere in seinem Leben.

Von Anna Hoben (Text) und Robert Steinig (Foto)

Wäre er in jenem Sommer vor 54 Jahren nicht im Berner Oberland gewesen und hätte nicht die Berge Jungfrau, Mönch und Eiger bestiegen, dann wäre er wahrscheinlich nicht in München gelandet, und dann wiederum würde er jetzt nicht in diesem Büro in Riesa sitzen, eine blau-weiß-graue BuS-Krawatte um den Hals. Was in aller Welt hat das Berner Oberland mit München und Riesa zu tun? Und sind manche Lebensläufe mehr vom Zufall bestimmt als andere?

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Mitte August 1961, 15 Grad in Berlin, ziemlich kühl für die Jahreszeit. Als Werner Maiwald von einer Wanderung in den Alpen zurückkehrt, liest er in der Zeitung, dass Berlin eingemauert ist. Er muss eine Entscheidung treffen. „Ich hatte nie vor, in den Westen zu gehen“, sagt er. „Lieber wollte ich hier etwas bewirken.“ Hier, das war Sachsen, das war die Lausitz, dort war er aufgewachsen. Die Heimat war es nicht, aber es war der Ort, an den er mit seinen Eltern gekommen war nach der Vertreibung aus Schlesien. „In gewisser Weise bin ich heimatlos“, sagt Werner Maiwald.

Er ist jetzt 75 Jahre alt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er die Firma BuS Elektronik in Riesa als Hauptgesellschafter zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Unternehmen mit 900 Mitarbeitern an drei verschiedenen Standorten, Produzent von elektronischen Baugruppen für Autos, Industrie, Medizin- und Sicherheitstechnik, Bahn- und Luftfahrttechnik. Der größte Arbeitgeber der Stadt Riesa, 700 Millionen bestückte Bauteile, 106 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2013.

Bald wird für Maiwald Schluss sein: Er will BuS verkaufen, an den niederländischen Konzern Neways. Als er der Belegschaft die Pläne verkündete, habe es kaum eine Regung gegeben, sagt er. Später habe er von „blankem Entsetzen“ unter den Angestellten gehört. Doch Maiwald ist überzeugt, dass der Verkauf die beste Lösung ist. „Als Familienbetrieb hätte es nicht weitergehen können.“ Sein Sohn hat in Bayern eine eigene kleine Elektronikfirma, die beiden Töchter sind in ganz anderen Branchen unterwegs. „Natürlich wird es Veränderungen geben mit Neways. Aber die hätte es bei mir auch gegeben“, sagt er.

Nächste Woche soll der Vertrag ausgearbeitet sein; im Juli soll unterschrieben werden, „irgendwo zwischen Eindhoven und Riesa“. Maiwald kann sich vorstellen, die Übergangsphase noch mitzugestalten, ein bis zwei Jahre, wenn auch weniger intensiv als heute. Noch hat er einen Zwölf-Stunden-Bürotag, noch ist es so, dass seine Frau abends höchstens bis um acht mit dem Essen auf ihn wartet. „Sie weiß und akzeptiert, dass ich eine zweite Ehe mit der Firma führe“, sagt er. Wie wird das also sein nach der Scheidung von der Firma – um im Bild zu bleiben? „Irgendwann muss man die Naturgesetze beachten“, sagt er. Wenn ihm auch klar sei, dass er dann nichts mehr zu sagen haben wird. „Damit habe ich mich abgefunden, da bin ich locker.“ Und dann? Er will noch eine Weile pendeln zwischen seinem Wohnort in Bayern und Riesa. Er wird Zeit haben für seine Hobbys, Radfahren, Skilanglauf, Berge besteigen. Es gibt ein paar Orte, wo er noch hinfahren möchte. „Aber ich will kein Reiserentner werden.“ Er selbst hat in dem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, mit 60, seine Promotion geschrieben, zum Thema Löten.

Eine Kindheit im Jahr 2014 wird oft darüber beschrieben, was die Kinder alles haben. Kinder haben heute ihr eigenes Smartphone und ihren eigenen Computer. Kinder haben heute Freizeitstress, sie haben genauso viele Termine wie ihre Eltern. Kinder haben heute immer öfter Depressionen. Eine Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg, Maiwalds Kindheit, definiert sich über das, was er nicht hatte: „Ich habe nie Fußball oder im Sandkasten gespielt. Ich bin nicht ins Kino gegangen. Ich wollte aber auch nie Lokführer werden.“

Maiwald lernte früh, sich zu behaupten, seine Zeit einzuteilen, sich zu konzentrieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Priorisierung – Manager belegen heute Coachings dafür. „Die Schule habe ich sehr erfolgreich abgeschlossen“, sagt er, und es klingt, als sei er heute noch ein bisschen stolz darauf. Er war früh selbstständig. „Die Umstände zwangen uns dazu.“ Er schiebt hinterher: „Bei den Generationen nach mir ist dafür kein Verständnis mehr da.“ Dafür, wie das Leben damals war. Wenn er das sagt, ist sein Blick allerdings nicht großväterlich-erklärend.

Vielleicht hat es mit der Erfahrung der Heimatlosigkeit zu tun, dass ihm die Entscheidung leicht fiel. Vielleicht ist die Sache aber auch viel einfacher. Schon während des Physik-Studiums in Leipzig hatte Maiwald sich gesagt: entweder Dresden oder München. In einer der beiden Städte wollte er arbeiten. Er ging also nach München, nach jenem August im Jahr 1961. Bei Siemens fing er als Entwicklungsingenieur an, fast 30 Jahre sollte er dort bleiben.

Sein Vorbild als Junge war Thomas Alva Edison gewesen. Er hatte das Buch über den Erfinder gelesen, „Der Zauberer von Menlo Park“ von Kurt Kuberzig, das hatte ihn beeindruckt. „Die Glühlampe, eine geniale Idee. So etwas wollte ich auch machen.“ Er bewunderte aber auch Edisons Improvisationstalent, seine Arbeit, die immer an der Grenze zur Illegalität vorbeischrammte.

Auch er musste bei Siemens Überlebensstrategien entwickeln. „Es ging darum, sich in einem Moloch zu behaupten und Spaß zu haben.“ Zum Ziel zu kommen, „ohne an die Grenzen der Bürokratie zu stoßen, gerade als unternehmerisch denkender Mensch“. Sich selbst zu motivieren. „Vieles, was ich bei Siemens machen musste, war sinnlos“, sagt Maiwald.

Er war Anfang 50, als der Konzern ihm 1991 im Zuge des Personalabbaus kündigte. Er lernte den Riesaer Dieter Folkmer kennen, die beiden beschlossen, zusammen etwas Neues aufzubauen. In Bad Aibling bei München, wo Maiwald auch heute wohnt, gründeten sie die BuS GmbH, die Abkürzung steht für „Bayern und Sachsen“. Maiwald hatte ein Labor von Siemens gekauft, vier Angestellte hatte die neue Firma damals. Das war bald nicht mehr genug. Bei der Treuhand beantragte Maiwald die Übernahme des Robotron-Werkes in Riesa. Er wollte 120 von 1 000 Mitarbeitern übernehmen. „Die lachten mich aus.“

Nach zweieinhalb Jahren – es hatte sich kein anderer Käufer gefunden – kam ein Anruf: Über Nacht sollte Maiwald nach Hamburg kommen und den Vertrag unterzeichnen. Die Bedingungen: Kaufpreis eine Million D-Mark, dazu drei Millionen an Investitionen. 80 Mitarbeiter sofort übernehmen, außerdem 20 Azubis, plus 40 weitere Mitarbeiter ab 1996. „Ich musste ziemlich schlucken.“ Viele erklärten ihn für verrückt, doch er dachte sich: „Was Siemens kann, das kann ich auch, vielleicht sogar besser“. 1993 übernahm er den Betrieb.

Maiwald kannte beides, Kapitalismus und Sozialismus, er blieb bescheiden und spielte nie den Besserwessi, auch deshalb klappte wahrscheinlich alles so gut. Es gab in den folgenden Jahren oft einen Aha-Effekt, wenn Gäste sahen, dass BuS keine improvisierte Ost-Garagen-Firma war. Die Firma wuchs, ein kontinuierlicher Aufstieg.

Dass alles so gekommen ist, wie es ist – dem Zufall geschuldet? „Es war wahrscheinlich eine Mischung aus Ehrgeiz und Zufall.“ Ein paar Tage nach dem Gespräch kommt ein Anruf von ihm, es ist ihm wichtig, noch etwas dazu zu sagen. Von der Ankunft in der Lausitz nach der Vertreibung über den Urlaub in der Schweiz zum Zeitpunkt des Mauerbaus bis hin zu der Tatsache, dass Neways gerade jetzt einen Partner in Deutschland suchte – das alles seien Zufälle gewesen. Die Liste der Zufälle beschreibt die Wendepunkte seines Lebens.