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Deutsche, wollt Ihr ewig gedenken?

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Auch in Sachsen werden Stimmen laut, man müsse mal vergessen können.

Die polnische Westerplatte war das Ziel der ersten Granaten im Krieg. Erst nach Wochen ergaben sich die Verteidiger der deutschen Wehrmacht.
Die polnische Westerplatte war das Ziel der ersten Granaten im Krieg. Erst nach Wochen ergaben sich die Verteidiger der deutschen Wehrmacht. © dpa

Der 1. September 1939 ist erst wenige Minuten alt, als Ernst von Weizsäcker nach einem äußerst hektischem Tag sich anschickt, zu Bett zu gehen. Doch zuvor öffnet der Diplomat des „Dritten Reiches“ sein Tagebuch und notiert: „Es beginnt ein neuer Abschnitt. Ob mein Leben noch einen Sinn hat – es wird sich zeigen.“ Wenige Stunden später hört der 13-jährige Eugeniusz Kolodziejczyk in der polnischen Kleinstadt Wielun nahe der Grenze ein lautes Dröhnen. Der Junge kennt das Geräusch: Flugzeuge. Viele Flugzeuge. Kurz darauf fallen die ersten Bomben des Zweiten Weltkriegs. Eine Stunde vor jenem Zeitpunkt, den Adolf Hitler am Vormittag dem versammelten Reichstag verkündet: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!“

Was mit dem Überfall auf Polen vor 80 Jahren begann, zeigte bereits in den ersten Wochen alle Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust: entfesselte Gewalt, auch gegen Zivilisten, die verheerende Kraft neuer Waffentechnologien, die Unterdrückung eines ganzen Volkes, Deportationen, Ghettoisierungen, rassistisch motivierter Massenmord an den Juden, Vernichtungsmethoden wie Massenerschießungen, Verhungernlassen, Vergasen. Der 1. September 1939 markiert den endgültigen Anfang der Eskalation einer Entwicklung, die sechseinhalb Jahre zuvor mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler begonnen hatte, deren Ursachen aber viel weiter zurückreichen.

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Gleichwohl hat das Datum im Gedächtnis der Republik an Bedeutung verloren. Gedenkveranstaltungen und Diskussionen, neue Bücher oder Medienberichte erinnern ungleich weniger intensiv daran als an den 30. Januar 1933, der Auschwitzbefreiung am 27. Januar 1945 und dem Ende von Krieg, Nationalsozialismus, Holocaust am 8. Mai. Weil es weder für den „Anfang“ noch für das „Ende“ steht? Oder weil am Umgang mit dem 1. September 1939 womöglich eine Tendenz sichtbar wird, von jenen Deutschen geradezu herbeigesehnt, die denken und fordern, man müsse irgendwann auch mal vergessen können?

Seit einigen Jahren ist dieser alte Wunsch der Kriegsgeneration wieder lauter geworden, insbesondere in Sachsen. So erklärte Ende 2015 auf Dresdens Theaterplatz die einstige Pegida-Ikone Tatjana Festerling vor 8.000 Jubelnden „den Schuldkomplex aus zwölf Jahren Naziherrschaft offiziell für beendet“. Anfang 2017 wiederholte der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier diese „Erklärung“ im Dresdner Ballhaus Watzke, bevor Thüringens AfD-Vorsitzender Björn Höcke von „dämlicher Bewältigungspolitik“ sprach und eine „180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik“ forderte.

Gibt es diesen „Schuldkult“? Gedenken die Deutschen zu viel? Müsste man wirklich auch mal vergessen können?

Das Märchen vom „Schuldkult“

Tatsächlich wollte die Abteilung für Psychologische Kriegsführung des Westalliierten Hauptquartiers die Deutschen mit einer Kampagne von deren „Kollektivschuld“ überzeugen. Allerdings war diese These auch unter den Siegermächten umstritten und wurde bald fallengelassen. Den nach dem Krieg Geborenen passte der Schuh der persönlichen Schuld immer schlechter, die DDR entschuldete sich kollektiv selbst, indem sie sich für antifaschistisch erklärte, sämtliche Täter im Westen verortete und damit auch sämtliche Verantwortung. 

Mit dem Verschwinden der Kriegsgeneration verblich der Topos der Schuld allmählich in der Erinnerungskultur und machte dem angemesseneren Begriff Platz: Verantwortung. Dafür, dass die Vergangenheit nicht vergessen wird.

Wie verwegen die Behauptung eines „Schuldkults“ ist, belegt eine Umfrage der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ). Demnach fühlte sich nur rund jeder zehnte Deutsche für den Holocaust persönlich schuldig, drei Viertel der Befragten lehnen das ab. Fast 70 Prozent sind davon überzeugt, Deutschland habe wegen der NS-Zeit auch heute eine besondere moralische Verantwortung, der man sich stellen müsse. Das Gerede von „Schuldkult“ oder gar „Schuldkomplex“ ist mithin Unfug, der dennoch von neuen und alten Rechtsradikalen gerne in die Kampfrhetorik aufgenommen und als abwertende Keule für „Erinnerungskultur“ benutzt wird.

Zurück zu einer nationalistischen Geschichtsdarstellung

Das ist verständlich. Schließlich wäre ohne diese Erinnerungskultur auch das zentrale Anliegen des Grundgesetzes vom Vergessen bedroht. Das nämlich versteht die Bundesrepublik als entschiedenen Gegenentwurf zum Dritten Reich und hat eine entsprechende Kernbotschaft: Nie wieder darf politischer Extremismus in Deutschland zu einer relevanten, den inneren und äußeren Frieden ernsthaft bedrohenden Größe werden.

Was mit dem Erinnern geschehen kann, wenn es unter Druck gerät durch nationalistische, autokratische, nationalkonservative Kräfte, ist bereits überall in Europa beobachtbar, nachgerade im Osten. Waren dort bis zu den politischen Wenden Themen wie Kollaboration, Mitverantwortung für NS-Untaten oder eigene Kriegsverbrechen tabu gewesen, hatten sich seither mehr und mehr Wissenschaftler auch an diese Facetten der Vergangenheit gewagt und gezeigt, dass sich Täter- und Opferschaft oft genug miteinander vermengen. Es kam zu internationalen Kooperationen, man betrieb vergleichende Forschungen und arbeitete an einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur.

Doch in Ländern wie Polen, Russland, Ungarn, Tschechien wird diese Entwicklung wieder zurückgedrängt. Zurück zu einer nationalistischen Geschichtsdarstellung, die in den eigenen Reihen ausschließlich bedauernswerte Opfer und tapfere Helden verortet. An die Stelle aufgeklärter, kritischer und selbstkritischer Reflexionen treten Heiligenlegenden von Märtyrern einer idealisierten Vergangenheit, die mitunter gar als Argument dient für politische Forderungen nach territorialen Veränderungen und Reparationszahlungen.

Die Schwäche der Nationalisten

Von Selbstbewusstsein zeugen solche Ausblendungen der Schattenseiten der eigenen Geschichte freilich nicht. Anders als die deutsche Erinnerungskultur, für die im Gegenteil das Eingeständnis von historischer Schuld und daraus erwachsener Verantwortung fundamental ist. Auch weil während Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust Dinge in die Welt getreten und in den Exzess getrieben worden sind, die durch die einfache Anstrengung von Vergessen und Vergeben nie wieder aus ihr entfernt werden können.

Eben diese Dinge, sie werden immer noch gerne kleingeredet, im Familiengedächtnis schöngefärbt, weil der eigene Großvater natürlich eine Ausnahme und kein Nazi war, und durch Verweise darauf relativiert, dass andere ebenfalls Schlimmes getan haben. Überall, auch in Sachsen, kann man feststellen, wie selbstverständlich außerhalb großer Städte im Alltag Menschen mit NS-Symbolik auf T-Shirts oder in Tätowierungen umgehen oder mit Auto-Aufklebern, die für psychisch kranke Straftäter die Todesstrafe fordern.

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Freilich lässt sich streiten darüber, ob unsere gewohnten Formen des Erinnerns inklusive des ritualisierten Gedenkens wirklich alle noch zielführend sind oder ob es neue Traditionen braucht. Aber ohne die Erinnerung daran, wohin nationaler Chauvinismus bei gleichzeitiger Abwertung anderer Staaten, Völker, Kulturen, Religionen damals geführt haben, ist kein Bewusstsein dafür zu haben, wohin solche Kräfte heute und künftig wieder führen könnten.

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