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Die Blonde, die es nicht lassen konnte

Mit Jana Heinrich stand gestern eine Frau vor Gericht, die zehn Jahre mit verbotener Werbung Geld verdiente. Gezahlt haben meist Arbeitssuchende. Vielen machte sie Hoffnung. Das Ende eines Schneeballsystems.

© Matthias Rietschel

Von Thomas Schade

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Schwarze Jacke, schwarze Jeans, dunkler Pullover am Hals hochgeschlossen. So bringt Jana Heinrich ihr Gesicht und die wasserstoffblonden Haare richtig zur Geltung. Reichlich Kajal um die Augen betont den strengen Blick. Selbstbewusst läuft sie zwischen zwei Justizwachtmeistern auf den Gerichtssaal zu. Ohne Sonnenbrille, ohne Schal und Kapuze, die das Gesicht verdecken. Nur die High Heels fehlen, die sind nicht angesagt im Gefängnis. Dafür trägt die mittlerweile 45-Jährige Turnschuhe und Handschellen.

Oberstaatsanwalt Christian Avenarius brachte die Akten des mittlerweile fünf Jahre alten Verfahrens mit, doch die wurden gar nicht gebraucht. © Matthias Rietschel

Zum ersten Mal wird die stolze Frau als Strafgefangene auf die Anklagebank geführt. Sie ist einschlägig vorbestraft und sitzt seit einigen Monaten eine Strafhaft von zwei Jahren und acht Monaten in der JVA Chemnitz ab. Zum dritten Mal muss sich Jana Heinrich wegen verbotener Werbung in einem Strafprozess verantworten, diesmal am Dresdner Amtsgericht, zusammen mit zwei Komplizen, Glenn L. und dem Schlagersternchen Claudia H.

Die Vorwürfe, die Oberstaatsanwalt Christian Avenarius den Angeklagten vorhält, sind Jana Heinrich nicht neu. Es geht um 87 Vertragsabschlüsse, nach denen vorwiegend Arbeitssuchende und Rentner insgesamt 280 000 Euro an eine Firma namens White Oasis Marketing zahlten, deren Inhaberin Jana Heinrich war. Laut Staatsanwaltschaft sind diese Verträge durch verbotene Werbung zustande gekommen – ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.   

Die Blondine hört solche Beschuldigungen nicht zum ersten Mal. Bereits vom  September 2007 bis zum März 2009 saß sie wegen ähnlicher Delikte vor dem Leipziger Landgericht. Damals ließ sie ihren Verteidiger vor der 11. Strafkammer erklären, dass sie seit dem Jahr 2000 Seminare diverser Firmen verkaufe und zu diesem Zweck sogenannte Präsentationsveranstaltungen durchgeführt habe. Die Teilnehmer dieser Veranstaltungen hätten die Möglichkeit gehabt, eines der angebotenen Seminare zu kaufen oder bei der Firma Produkt-Promotion & Vertrieb (PPV) mitzuarbeiten.

Diese Firma PPV hatte Jana Heinrich nach Überzeugung der Richter im Jahr 2000 gegründet – mit dem Ziel, aus der Vermittlung der Seminare und dem Verkauf anderer Produkte Provisionen zu erhalten. Schon nach wenigen Monaten ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachtes der progressiven Kundenwerbung. Aber damals gelang es den Ermittlern nicht, den schwierigen Straftatverdacht zu erhärten.

Sechs Jahre später reichte der Verdacht für eine Anklage und die Leipziger Richter schauten in einer umfangreichen Beweisaufnahme hinter die Kulissen des Geschäftsmodells der Jana Heinrich. Am Ende stand für sie fest, dass Jana Heinrich und ihre Komplizen mithilfe eines Schneeballsystems insbesondere Menschen, die Arbeit suchten, Millionen aus der Tasche gezogen hatten.

Alles begann in der Regel mit Anzeigen in der Zeitung: „Nebenverdienst am Wochenende“, oder „Fahren geladener Gäste“ konnten Interessenten da lesen. Wer sich nach den Jobs erkundigte, der erfuhr unter anderem, dass fahrfreudige Leute gesucht wurden zur Betreuung von Gästen für Firmenpräsentationen. 400 bis 550 Euro am Wochenende wurden in Aussicht gestellt.

Doch mit Fahrfreude hatten diese Wochenenden für viele Betroffene kaum etwas zu tun, denn sie saßen bald in einer der Verkaufsveranstaltungen der PPV. Mehrere von ihnen sagten später als Zeugen, dass sie von allein nie zu so einer Veranstaltung gekommen wären, die eine Zeit lang jedes Wochenende in einem historischen Gasthaus in Leipzig Propstheida stattfanden. Die Richter kamen zu der Überzeugung, dass es zum Konzept der PPV gehörte, die Leute auf diese Weise in ihre Präsentationen zu locken und ihnen erst dort zu sagen, dass es nicht um Fahrdienste ging, sondern um etwas ganz anderes. Für eine schnelle Umkehr war es da mitunter zu spät. So berichteten Zeugen, dass private Sicherheitsleute anwesend waren, die schon mal die Tür verschlossen – angeblich um Störungen von außen zu vermeiden.

Dann trat Jana Heinrich auf. Begleitet von Musik und Hurra-Rufen, habe sich die selbstbewusste Dame in Szene gesetzt. Von „Euphorie“ und „Tam-Tam“ berichteten Zeugen. Einige mussten auf Englisch von zehn auf null herunterzählen. Dafür seien sie vorher instruiert worden. „Wie bei einer Sekte“ sei es gewesen, so ein Zeuge. Bei ihrer Aussage deuteten mehrere Zeugen auf Jana Heinrich, als sie die Präsentationen schilderten. Die Gäste, die das erste Mal anwesend seien, würden das „ihr Lebtag nie wieder vergessen“, lautete sinngemäß einer der ersten Sätze der Eröffnungsrede.

Danach erfuhren die Gäste, worum es bei PPV tatsächlich ging. Ihnen wurden Seminare vorgestellt, die sie besuchen sollten und für die sie bezahlen sollten. Themen dieser Seminare waren beispielsweise Motivationstraining und Persönlichkeitsentwicklung, Zeitmanagement oder Rhetorik und Verkauf. Sie erstreckten sich meist über vier Tage und kosteten um die 3 200 Euro, ein marktüblicher Preis.

Die Ermittler hatten festgestellt, dass die Bildungsinstitute, die die Schulungen durchführten, eng mit der PPV verflochten waren. Nur die PPV vermittelte den Referenten die Kursteilnehmer. Bei diversen Razzien stellten die Ermittler fest, dass PPV und die jeweiligen Bildungsfirmen die gleiche Adresse und den gleichen Schreibtisch hatten. Die Inhaber der Bildungsfirmen erhielten von der PPV Monatsgehälter zwischen 800 und 3 000 Euro.

Um den Verkauf der Seminare anzukurbeln, führten sogenannte Verkaufsmanager nach der Präsentation Einzelgespräche. Zeugen berichteten, dass dabei ihre finanziellen Verhältnisse erfragt wurden. Zeugen, die die Seminargebühr nicht aufbringen konnten, sagten vor Gericht aus, PPV-Leute hätten ihnen dafür Kredite vermittelt. Ein Vertriebsmanager sagte aus, er habe an 30 Bankterminen teilgenommen.

Die Leute stürzten sich in Schulden, weil die Teilnahme an einem dieser Seminare die Voraussetzung dafür war, selbst als Verkaufsmitarbeiter bei PPV tätig zu werden. Da lockten 550 Euro Provision für das erste verkaufte Seminar. Und das war nur der Anfang. Schon nach dem Verkauf von zwei Seminaren sei der Aufstieg zum Verkaufsrepräsentanten möglich gewesen, der entsprechend mehr Provision erhielt. Innerhalb der PPV, so stellte das Gericht fest, habe es eine Hierarchie gegeben. Sie begann beim „Vertriebsrepräsentantenanwärter“, darüber erhob sich eine Pyramide, an deren Spitze die Vertriebsdirektorin saß. So entstand ein Schneeballsystem.

Zwischen den Jahren 2002 und 2006 fanden nach den Feststellungen der Leipziger Richter 307 solcher Präsentationen statt, an denen zwischen 30 und 175 Personen teilnahmen. Dabei wurden mehr als 4 600 Personen umworben und mindestens 3 959 Seminare verkauft. Jana Heinrich leitete bis Mitte 2005 Verkaufsveranstaltungen, später waren es andere PPV-Mitarbeiter. Sie habe immer die Zügel in der Hand behalten, sogenannte Managerrunden geleitet, Personalentscheidungen getroffen. Sie erhielt von jeder gezahlten Seminargebühr 1 400 Euro. Im Urteil gingen die Richter davon aus, dass Jana Heinrich in jener Zeit Provisionen und Bearbeitungsgebühren von insgesamt 4,37 Millionen Euro zugeflossen waren.

Die Leipziger Richter gehörten zu den Ersten, die in dem Geschäftsmodell den Straftatbestand der progressiven Kundenwerbung erfüllt sahen. Ihrer Ansicht nach verstieß die PPV gegen das Gesetz, als sie die Interessenten veranlasste, zunächst selbst eines der Seminare zu kaufen, ehe sie das Produkt gegen Provision Dritten anboten. Das verstoße gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb.

Das sieht Jana Heinrich wohl bis heute ganz anders. Schon vor dem Leipziger Landgericht führte sie ins Feld, dass 300 Kläger ihre Seminargebühr zurückhaben wollten. Mit allen musste sie deswegen vor Gericht streiten. In keinem Fall sei die PPV rechtskräftig zur Rückzahlung verurteilt worden. Doch die Leipziger Richter verurteilten sie zu einer Haftstrafe, es folgten Razzien und sogar einige Tage U-Haft, weil sie ihr Geschäft weiter betrieb. Auch dass der Bundesgerichtshof ihre Revision im Wesentlichen zurückwies, war für sie kein Alarmsignal. Ernst wurde es erst, als sie wegen ähnlicher Vorwürfe wie in Leipzig im November 2012 vom Landgericht Halle erneut zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Der Bundesgerichtshof bestätigte dieses Urteil. So sitzt Jana Heinrich seit September 2014 im Gefängnis in Chemnitz ihre Strafhaft ab.

Gestern erhöhte das Dresdner Amtsgericht diese Strafe auf drei Jahre und zwei Monate – ohne Beweisaufnahme. Nach einem Rechtsgespräch räumten alle drei Angeklagten die erhobenen Beschuldigungen ein. Alle wollte das Verfahren, das mittlerweile fünf Jahre dauert, vom Tisch haben.

Richtig unzufrieden zeigte sich nur der Oberstaatsanwalt. Christian Avenarius machte sich zum Anwalt der Betroffenen, die ihr Geld verloren haben. Sie seien „auf gut Deutsch beschissen worden“, so legte er los und griff den Gesetzgeber an. Der habe in diesem Fall eine Strafvorschrift geschaffen, „die viel zu milde“ sei und Mehrfachtäter begünstige. Unterm Strich seien die Leute alle betrogen worden, aber im rechtlichen Sinne sei der Tatbestand des Betrugs in diesem Fall nicht erfüllt. Auch Jana Heinrich wollte einen Schlussstrich, so ihr Anwalt.

Etwas in dieser Art hatte sie schon 2009 den Richtern in Leipzig erklärt und dennoch weitergemacht. Sie habe „in einer Grauzone“ agiert und sehe sich bis heute zu Unrecht verfolgt, so ihr Verteidiger gestern. „Von Reue zu reden, wäre Heuchelei“, ließ sie ihn ausrichten.

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