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Die Deutschen sind zurück

Hakenkreuzfahnen, Nazi-Uniformen und Militärfahrzeuge sind jetzt in Sieniawka zu entdecken gewesen. Mit einem "Einmarsch" hatte das aber nichts zu tun.

Hakenkreuzfahnen hängen aus den Fenstern.
Hakenkreuzfahnen hängen aus den Fenstern. © Foto: Jan Lange

Aus dem Fenster hängen Hakenkreuzfahnen, vor dem Gebäude wartet eine Kolonne Militärfahrzeuge, um die uniformierte Leute stehen. Neugierig verfolgen Anwohner und Passanten die Szenerie. Schnell wird klar, dass die Deutschen keineswegs wieder in Sieniawka "einmarschiert" sind. Ein kleiner, etwas fülliger Mann läuft zwischen den Leuten hin und her, gibt ab und zu Kommandos. "Wir drehen in drei bis vier Minuten", ruft er beispielsweise. 

Andreas Sulzer heißt der Mann mit Hut und Sonnenbrille. Er ist Chef der österreichischen Produktionsfirma "pro omnia film" und dreht auf dem Gelände der ehemaligen Zitt-Werke eine Dokumentation über die frühere Rüstungsfabrik. Das alte Kasernen- und Fabrikgelände befindet sich heute auf polnischem Gebiet in Sieniawka (Kleinschönau). 

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Aus diesem Grund ist auch ein Sprachen-Mischmasch aus Deutsch, Englisch, Polnisch und Tschechisch zu hören. Das Filmteam hatte vor einigen Wochen in der Grundschule von Porajow (Großporitsch) Statisten gecastet. Denn der Doku-Film ist mit Spielszenen angereichert, für die Darsteller gebraucht werden. Über 30 hatten sich gemeldet und fast alle haben am Ende auch mitgemacht, berichtet Andreas Sulzer.

Die Komparsen warten nun in ihren Uniformen auf ihren Einsatz vor der Kamera. Viele sind Polen - das ist an den Gesprächen untereinander zu erkennen. Einige der Komparsen sprechen aber auch Deutsch.

Andreas Sulzer steht derweil auf der andere Seite der Dorfstraße, die durch Sieniawka führt. Hier ist auch die Kamera aufgebaut worden - denn gedreht werden soll als erstes die Ankunft der Militärkolonne. Über Walkie Talkie und Megafon gibt Sulzer seine Anweisungen. So auch die, dass sich die Fahrzeugkolonne in Bewegung setzen soll. 

Die historischen Gefährte warten in einigen Hundert Metern Entfernung auf das Startzeichen. Der Produzent prüft noch mal, dass kein Anwohner oder Passant zu sehen ist und lässt dann die Fahrzeuge hintereinander anrollen und den Schlagbaum an der Haupteinfahrt passieren. Nur Soldaten und eine Gruppe KZ-Häftlinge - in den Zitt-Werken gab es ein Außenlager des KZs Groß-Rosen - laufen durchs Bild. Ein paar Mal wiederholt sich dieser Ablauf, dann ist die Szene im Kasten.

Weitere Szenen entstehen in der Folge, gedreht werden weitere Konvois, Spielszenen mit leitenden Ingenieuren der Fabrik oder die Befreiung durch die Russen. Dafür sind auch Schauspieler aus Tschechien engagiert worden. Bis zum frühen Sonntagmorgen dauert der Dreh, am Sonntagnachmittag reist das Filmteam dann wieder ab.

Jetzt werden noch Doku-Sequenzen gedreht

Die Spielszenen bilden später mit den dokumentarischen Sequenzen den fertigen Film. Ein Teil der Doku-Szenen sei bereits vorher gedreht worden, der Rest werde in den nächsten Wochen aufgenommen, erklärt Sulzer. Danach geht der Film in den Schnitt, der auch noch mal etwa sechs bis acht Wochen dauern wird, schätzt der Produzent. 

Die Ausstrahlung ist für 2021 geplant - in der ZDF-Reihe "History". "Mit dem ZDF arbeiten wir seit Jahren zusammen", erklärt Sulzer. Durch polnische Partner sei man auf die Zitt-Werke und deren Geschichte aufmerksam geworden. In einer Vorab-Pressemitteilung hatte das ZDF verkündet, dass man dem Geheimnis der Zitt-Werke auf der Spur ist. 

So geheimnisvoll, wie von den Filmemachern angedeutet, sei die Geschichte der Fabrik gar nicht, findet Zittaus Museumsdirektor Peter Knüvener. Hartmut Müller vom Zittauer Geschichts- und Museumsverein beschäftige sich seit Jahren mit dem Thema, und hat auch schon einen Vortrag zu seinen Erkenntnissen gehalten. Das Museum unterstütze die Filmemacher gern, sagt Knüvener. Allerdings müsse es seriös sein. Er nimmt damit Bezug auf Vermutungen, dass es unterirdische Anlagen und geheime Rüstungsvorhaben der SS auf dem Gelände der Zitt-Werke gegeben haben soll.

Andreas Sulzer sieht dafür einige Hinweise. So sei die Rüstungsfabrik bis zuletzt von den Nazis verteidigt worden, als andere Fabriken und Orte bereits seit Wochen besetzt oder befreit waren. Dafür müsse es Gründe geben, meint der Produzent. Nach seinen Worten sei auch wenig bekannt, dass die Zitt-Werke eine große Bedeutung als Drehscheibe für Rückverlagerungen hatten. Bei den Recherchen sei man auf neue Dokumente gestoßen. Die Filmemacher konnten auch Zeitzeugen befragen, die in den Zitt-Werken gearbeitet hatten. Sie sind heute über 90. "Zum ersten Mal hatten sie den Mut, vor eine Kamera zu treten, und die Geschichte zu erzählen", sagt Sulzer.

Die Komparsen warten auf ihren Einsatz.
Die Komparsen warten auf ihren Einsatz. © Jan Lange
An der Hauptzufahrt wurde ein Schlagbaum errichtet.
An der Hauptzufahrt wurde ein Schlagbaum errichtet. © Jan Lange
Um die Zeit um 1945 echt darzustellen, wurden die Komparsen in alte Uniformen gesteckt.
Um die Zeit um 1945 echt darzustellen, wurden die Komparsen in alte Uniformen gesteckt. © Jan Lange
Die Fahrzeugkolonne ist auf dem Weg zur Haupteinfahrt.
Die Fahrzeugkolonne ist auf dem Weg zur Haupteinfahrt. © Jan Lange
Mehrfach wurde die Szene, wie die Fahrzeuge die Einfahrt passieren, gedreht.
Mehrfach wurde die Szene, wie die Fahrzeuge die Einfahrt passieren, gedreht. © Jan Lange
Am Schlagbaum standen auch einige Komparsen, die die Schranke im richtigen Moment öffnen mussten.
Am Schlagbaum standen auch einige Komparsen, die die Schranke im richtigen Moment öffnen mussten. © Jan Lange
... wieder auf dem Weg nach draußen.
... wieder auf dem Weg nach draußen. © Jan Lange
Die ehemaligen Zitt-Werke waren auch ein KZ-Außenlager. Deshalb wurden einige Komparsen in KZ-Häftlingskleidung gesteckt.
Die ehemaligen Zitt-Werke waren auch ein KZ-Außenlager. Deshalb wurden einige Komparsen in KZ-Häftlingskleidung gesteckt. © Jan Lange
Produzent Andreas Sulzer bespricht mit einem Komparsen die nächste Szene.
Produzent Andreas Sulzer bespricht mit einem Komparsen die nächste Szene. © Jan Lange

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