merken
PLUS

Die Entscheidungen der Jeanette Biedermann

Als Tausendsassa der Unterhaltung hatte die 34-Jährige mehr gute als schlechte Zeiten. Jetzt beginnt ein neues Abenteuer.

Von Nadja Laske

Mit 180 Sachen ist Jeanette Biedermann von Berlin nach Dresden gejagt. Pünktlichkeit verdankt sie ihren guten und schlechten Zeiten im Privatfernsehen. Zur Probe im Privattheater Comödie will sie punktgenau landen, wenn auch der Magen knurrt. Das ist ihre Entscheidung. Mit einer Plastiktüte zwischen den Stuhlbeinen sitzt sie nun an einem der leeren Cafétische vor dem Theatereingang. „Ich musste mich so aufs Fahren konzentrieren, dass ich nicht nebenbei noch essen konnte“, sagt sie entschuldigend und steckt sich ein Stück trockenes Brötchen in den Mund. Ihr Tag hat früh begonnen, nun geht er gegen Mittag, und die Schauspielerin ist auf dem Weg zur zweiten Probe für ein neues Stück.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

„Das ist ein herrlicher Mädchenkaffeeklatsch – nur ohne Kaffee“, schwärmt die 34-Jährige. Sie wird eine von vier Damen spielen, die eine Nacht lang in einem Parkhaus verbringen und ihre weltbewegende Themen wälzen. Es geht darum, dass man im Leben Entscheidungen treffen muss, auch solche, die schwer fallen und die andere nicht verstehen. „In meiner Rolle spiele ich zum Beispiel eine junge Frau, die von ihren Eltern immer gesagt bekam, dass man als Frau unbedingt heiraten und Kinder bekommen müsse, aber sie schmeißt ihre Hochzeit und entscheidet sich, ganz anders zu leben.“

Soap und Verdienstkreuz

Im Gegensatz zum Textbuch hat Jeanette Biedermann nicht auf dem Absatz kehrt gemacht, als sie mit ihrem Mann und Musikerkollegen Jörg Weißelberg in der entweihten Löbauer Johannes-Kirche vor der Standesbeamtin stand. „Das war eine der schönsten Entscheidungen meines Lebens.“ Der glatte Pferdeschwanz fällt Jeanette über den Kopf, als sie sich wieder zu ihrer Einkaufstüte unter dem Tisch bückt und eine Tomate hervorholt. „Ja, ja, ich achte schon auf gesunde Ernährung“, sagt sie, „aber ich kann auch ganz anders.“ Bei der letzten Probe lag der Tisch voller Süßigkeiten. Deshalb habe sie sich heute für Gemüse entschieden.

Der Blick auf die Biedermann’sche Biografie indes offenbart eine Art Gemischtwarenladen der Unterhaltung. Es scheint, als sei das alles einfach passiert, ganz ohne große Entscheidungen: Im Mädchenalter Show-Start in der Manege eines Kinderzirkus. Wahl zur Schlagerkönigin mit 19 Jahren und Abbruch einer Friseurlehre bei Udo Walz. Von dort zum Vorentscheid des Eurovision Song Contest und wenig später die erste Fernsehrolle in der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Die brachte ihr Lehren fürs Leben, wie die besagte Pünktlichkeit. Gesungen hat Jeanette immer weiter, drehte Fernsehfilme und die Telenovela „Anna und die Liebe“, gab Trickfilmfiguren ihre Synchronstimme, saß in Talent-Show-Jurys und veröffentlichte ein Studioalbum nach dem anderen – mal Spitze, mal Mittelfeld. Von der Soap bis zum Bundesverdienstkreuz war alles dabei.

Bei Letzterem stöhnt sie kurz auf und hebt beschwichtigend die Hände. Eine große Ehre sei die Verleihung für sie gewesen, beteuert sie, „aber man müsste das Kreuz in viele kleine Teile zerschneiden und damit auch all die anderen auszeichnen, die wie sie ehrenamtlich fürs Deutsche Rote Kreuz arbeiten. Früher war Jeanette Biedermann Jugendbotschafterin, heute ist sie Botschafterin des DRK Deutschland und Peru. Peru? „Irgendwo muss man ja anfangen“, sagt sie pragmatisch, und in Peru habe es bis dahin noch gar keine Lobby für die Straßenkinder gegeben, um die sie sich nun bemüht – als Sprachrohr und Geldeintreiberin auf Galas und im Fernsehen. Überall da, wo Spenden zu holen sind. „Das ist eine Lebensaufgabe“, sagt sie ernsthaft. Also wieder eine Entscheidung.

Genauso wie die, Theater zu spielen. Im Gegensatz zum Job vor der GZSZ-Kamera musste sie dafür nicht als Unbekannte zum Casting gehen. „Aber ich hatte nicht dauernd Bekannte, die mich durch Türen geschoben haben“, sagt sie und angelt sich einen Champignon aus der Gemüsetüte. Der Sprung auf die Bühne gelang Jahre später, weil der Schauspieler und Kabarettist Hugo Egon Balder den Wunsch der Kollegin hörte und sie zum Debüt ans Düsseldorfer Theater an der Kö holte. Von dort aus kam der Ruf direkt nach Dresden – eine leichte Entscheidung, sagt Jeanette, schließlich stamme ihr Mann aus Löbau, wo die beiden eine Wohnung hatten, bevor Berlin das gemeinsame Zuhause wurde. Und wenn in Löbau oder Bautzen nichts los war, sind sie halt nach Dresden gefahren.

Das Unternehmen Musik hat sie mit ihm und dem Musikerfreund Christian Bömkes fortgesetzt, in Form der Band „Ewig“, die das Trio vor zwei Jahren gründete. Und nebenbei, mein Gott, designte sie auch noch. „Oh nein!“, ruft Jeanette Biedermann aus und lässt ihren angebissenen Champignon sinken. Der ist übrigens roh und ungeputzt. Ein bisschen Sand macht ihr nichts aus, das sei „Peeling von innen“. Zurück zur Mode: „Ich habe für Jeans Fritz zwar an zwei Kollektionen mitgearbeitet, aber ich bin keine Designerin.“ Vielmehr habe sie Ideen beigesteuert.

Ihr erstes Kinderbuch ist gerade fertig geworden. Auf der Frankfurter Buchmesse soll es vorgestellt werden. „Ich habe ja noch keine eigenen Kinder, denen ich die Geschichte in meinem Kopf erzählen konnte.“ Dabei sei die Entscheidung, später einmal Mutter werden zu wollen, durchaus gefallen. Trotz aller Sorgen: „Was mache ich nur, wenn ich eine Tochter habe, und sie fragt mich, warum Miley Cyrus auf der Bühne kifft und Schlüpfer trägt?!“ Aber schon greift Jeanette Biedermanns Grundvertrauen: „Ganz sicher kommt wieder eine Zeit, in der nicht Form den Inhalt, sondern der Inhalt die Form bestimmt“. So soll es sein, dafür hat sie sich entschieden.

Premiere des Stückes „Tussi-Park“ mit Jeanette Biedermann am 9. Mai in der Comödie Dresden, 8664135

www.comoedie-dresden.de