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Die Exotin im Görlitzer Klinikum

Siham el Madini arbeitet seit zwei Monaten im Krankenhaus. Ohne Ausländer wie sie kommt die Klinik nicht mehr aus.

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© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

Wenn Siham el Madini das Patientenzimmer betritt, geht das muntere Länderraten gleich los. „Kommen Sie aus Brasilien?“ „Oder vielleicht doch aus Spanien“, rätseln dann die Patienten im Görlitzer Klinikum. Erst einer tippte auf das richtige Heimatland der jungen Frau: Marokko. Seit März ist die 30-Jährige im Krankenhaus als Ärztin in Weiterbildung angestellt. Am Görlitzer Haus ist es die erste und bislang auch einzige marokkanische Ärztin, sagt Klinikum-Sprecherin Katja Pietsch. Sie ist eine Exotin unter den ausländischen Medizinern am Krankenhaus.

So amüsant das Länderraten auch immer sein mag, am Ende kommt es auf die Äußerlichkeiten der Ärztin nicht an. Zumal da eben auch nicht viel zu sehen ist: Schwarze Haare, dunkle Augen. Was sagt das schon? An der Sprache ist eh nicht viel zu bemerken. Vier Tage nach ihrer Ankunft in Görlitz saß sie schon in der Volkshochschule, um Deutsch zu büffeln. Nun kann sie sich bereits verblüffend problemfrei verständigen. Sie selbst sieht das ein wenig zurückhaltender und will noch weitere Kurse belegen. Denn das ist ihr völlig klar: „Die Sprache ist ganz wichtig. Wie kann ich sonst die Patienten verstehen?“

Und das will sie. Denn Siham el Madini baut sich gerade mit ihrem Mann in Deutschland eine Zukunft auf. Und erfüllt sich einen Traum. Schon als Kind, so erzählt sie, sei sie mit Kittel und Stethoskop im heimatlichen Tiflet, einer Stadt nahe bei der Hauptstadt Rabat, herumgelaufen. Sie ist kein Flüchtling, kein Asylbewerber, kein Bürgerkriegsopfer – sondern eine Fachkraft, auf die Deutschland künftig in stärkerem Maße angewiesen sein wird. Deshalb erhielt sie jetzt auch eine zunächst auf zwei Jahre befristete Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Klinikum-Geschäftsführerin Ulrike Holtzsch hat bislang nur Gutes über die marokkanische Kollegin gehört. Jeder dritte Arzt am Klinikum ist ein Ausländer: 67 von 187. Die meisten kommen aus Polen und Tschechien. „Aber auch aus der Slowakei , Russland, Bulgarien, Ungarn, Österreich, Griechenland“, zählt Frau Holtzsch auf. Ein syrischer Arzt arbeitet in der Chirurgie, ein Landsmann von ihm hätte fast als Augenarzt angefangen – bekam aber kurz zuvor ein Stellenangebot von einer anderen Klinik. Auf das Görlitzer Haus trifft schon seit längerem zu, was der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Professor Jan Schulze, jüngst so zusammenfasste: „Die ausländischen Kollegen tragen vor allem in den ländlichen Regionen maßgeblich dazu bei, dass Patienten gut versorgt werden. Einige Kliniken könnten den Betrieb mancher Stationen ohne die internationalen Ärzte nicht aufrechterhalten, weil sie in Deutschland keine Mediziner finden.“

Neben den sprachlichen Hürden bauen sich vor den Einwanderern auch noch andere auf. Obwohl Sahim El Madini bereits acht Jahre Medizin in Tunesien studiert hat, auch einen offiziellen Abschluss besitzt, wird der in Deutschland nicht anerkannt. Nun muss sie die nötigen Papiere zusammenstellen, um einen Antrag auf Anerkennung zu stellen. Außerdem will sie eine fünfjährige Facharztausbildung zur Internistin dranhängen. Abschrecken tut das alles aber die weltgewandte Frau nicht. Seit sie 17 Jahre alt ist, lernt die Tochter aus bürgerlichem Hause die Welt kennen: Frankreich, Spanien, Italien, aber auch zwei Monate in der Elfenbeinküste. Nach Deutschland ist sie der Liebe wegen gekommen. Das klingt zwar etwas kitschig, und doch ist es wahr: Vor zwei Jahren lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen, der neben der marokkanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Als der nach seinem Studium in Karlsruhe ein Angebot von Bombardier in Görlitz annahm, kam sie mit an die Neiße. Und schwärmt von der kleinen Stadt mit den kurzen Wegen, dem städtischen, aber ruhigen Leben. „In größeren Städten muss man viel früher aufstehen, um pünktlich auf Arbeit zu kommen“, vergleicht sie. „Und auf den Behörden müssen Sie auch mit längeren Wartezeiten rechnen.“ Selbst für das Nationalgericht Couscous findet sie alles in den Görlitzer Supermärkten. Wie sie ohnehin über das Leben in der Stadt nur schwärmt: kein abschätziges oder gar ausländerfeindliches Wort hätte sie bislang gehört, die Menschen seien sehr höflich. Wenn sie sich mit ihrer polnischen Freundin auf einen Kaffee trifft, unterhalten sie sich aber auch auf Deutsch. Nur ein großes Einkaufszentrum – warum das nicht in Görlitz möglich ist, versteht sie nicht und schüttelt den Kopf darüber, dass die Einwohner nach Bautzen oder Dresden zum Einkaufen fahren.

Zwar darf Sahim el Madini zunächst einmal nur für zwei Jahre in Deutschland bleiben, doch ihre Pläne reichen weit in die Zukunft voraus. Erst der Facharzt, dann vielleicht eine Wohnung oder ein Haus in Görlitz kaufen, Kinder bekommen und eine Praxis gründen. Bis dahin aber wird sie weiter auf der Inneren im Klinikum ihre Patienten versorgen – und sie raten lassen, aus welch fernem Land sie komme.