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Die Frau, die mit dem Wolf picknickte

Nur wenige Menschen haben Wölfe schon von Angesicht zu Angesicht gesehen. Gudrun Pflüger ist eine von ihnen.

© andreas kreuzhuber

Von Franz Herz

Schlank und drahtig, so steht Gudrun Pflüger in der Aula des Glückauf-Gymnasiums in Dippoldiswalde und zeigt auf dem Bildschirm einen Höhepunkt ihres Forscherlebens. Mit einem Kameramann war sie an der Westküste Kanadas, wo Indianer leben, die westliche Zivilisation noch nicht vorgedrungen ist und die Wildnis unmittelbar zu erleben ist. Dort begegnete sie dem Wolf: Sie beobachtet auf einer Waldwiese mit dem Fernglas die Umgebung. Da kommt ein Wolf aus den Bäumen, noch einer und schließlich ein ganzes Rudel. Die Leitwölfin beschnuppert das unbekannte zweibeinige Wesen mit seiner Outdoorkleidung und dem Rucksack. Das Tier wittert weder Beute noch Gefahr, und sein Rudel lässt sich auch auf der Wiese nieder und ruht sich aus. Stunden verbringen die Wölfe und die Forscherin zusammen auf der Wiese. Gudrun Pflüger hat sich auf den Boden gelegt, vermeidet Blickkontakt und reizt die Tiere nicht. Die schnuppern noch gelegentlich, lassen die Frau aber sonst in Ruhe. Die Szene wurde gefilmt.

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Gudrun Pflüger ist eine von wenigen Menschen auf der Welt, die eine so enge Begegnung mit dem Wildtier erlebt haben. Pflüger stammt aus Österreich und hat eine Karriere als Skilangläuferin und Bergläuferin hinter sich. Sie studierte Biologie und ging dann nach Kanada, um in der Wolfsforschung zu arbeiten. Davon berichtete sie im Dippser Gymnasium vor Schülern und in einem öffentlichen Nachmittagsvortrag mit rund 50 Zuhörern.

Sie sprach über zwei Wolfsregionen. Eine ist der Regenwald an der Westküste Kanadas, wo die Tiere praktisch ohne Kontakt zu Menschen leben. Daher sind sie auch nicht so misstrauisch wie in Regionen, wo sie verfolgt werden. Deswegen sind solche Begegnungen mit den Tieren möglich.

Anders sieht es im Süden Kanadas aus, wo sich die Bevölkerung des großen Landes konzentriert. Aus der Situation dort lassen sich auch Lehren für den Umgang mit Wölfen in Sachsen ziehen. Pflüger beruhigte die Anwesenden. Die schnelle Ausbreitung der Wölfe, wie sie Sachsen und Brandenburg in den letzten Jahren erlebt haben, wird sich nicht fortsetzen. Auch in Amerika haben sie sich, wenn sie irgendwo wieder angesiedelt wurden, schnell vermehrt. Das brach aber schnell wieder ein. Anfangs finden sie in den Wäldern reichlich Beute. Wenn der Wildbestand sinkt, können sich auch die Wölfe nicht mehr vermehren. Das Durchschnittsalter aller Wölfe liegt unter einem Jahr. Das liegt daran, dass die meisten als Welpen verhungern.

Aber das ist der natürliche Lauf der Dinge. Wenn der Mensch nicht eingreift, entwickelt sich ein Gleichgewicht. Das heißt auch, dass kein Müll in die Landschaft geworfen wird. Damit würde man Wölfe anlocken. In Amerika suchen sie systematisch die Straßengräben ab, ob nicht etwas Nahrhaftes zu finden ist. Die Forscherin zeigt eine seltene Filmaufnahme, wie ein Rudel Wölfe einen Hirsch jagt. Dabei hat jeder Wolf seine Aufgabe. Diese Ordnung sollte der Mensch respektieren, sagte Pflüger. Wenn Jäger einzelne Wölfe schießen, bringen sie das Rudel durcheinander. Den Wölfen fällt es schwerer, Wild zu jagen. Damit fangen die Probleme an, weil die Tiere gezwungen sind, leichtere Beute zu suchen und so anfangen, Haustiere anzugreifen.

Gudrun Pflüger: Wolfspirit; Meine Geschichte von Wölfen und Wundern; Patmos-Verlag, 19,99 Euro.