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Corona: Die Frau hinter den leeren Gastro-Stühlen

Kathleen Parma macht Eis und Marketing. Normalerweise. Von Dresden aus startet sie eine Aktion gegen den Corona-Tod des Gastgewerbes. Die wirkt deutschlandweit.

Kathleen Parma wird sich nicht zur Ruhe setzen, bis Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter eine Perspektive haben.
Kathleen Parma wird sich nicht zur Ruhe setzen, bis Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter eine Perspektive haben. © Marion Doering

Dresden. Feierabend. Das klingt nach Erholung oder Schlussstrich. Tausende Gastronomen, ihre Mitarbeiter und Zulieferer haben ihn seit Wochen unfreiwillig. Der wohlige Tagesausklang ist zum beängstigenden Dauerzustand geworden. Auch Kathleen Parma hat die Eismaschinen ihrer Ice-Rolls-Factory in der Dresdner Schlössergasse heruntergefahren. Dafür laufen die Computer in ihrer Agentur heiß. Auch ohne Eisproduktion ist an Feierabend nicht zu denken. Seit in Dresden alle Restaurants, Cafés, und Bars geschlossen bleiben, Hotels wie Konzerthallen auf ihre Gäste verzichten müssen, hat die 55-Jährige kein Wochenende mehr gehabt.

Anfang März hatte sie mit einer Freundin zusammengesessen, Betreiberin des Schießhauses, alteingesessene Adresse im neuen Musikerviertel. Sie erzählte ihr von einer WhatsApp-Gruppe, noch ganz klein, aber das erste zarte Pflänzchen eines Schulterschlusses unter Gastronomen, die kaum begreifen konnten wie ihnen geschah. Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie brachte viele von ihnen innerhalb von Tagen in wirtschaftliche Bedrängnis. Servicemitarbeiter und Köche standen trotz Kurzarbeiterregelung von heute auf morgen mit nur noch 40 Prozent ihrer bisherigen Verdienste da. Das passiert, wenn die üblichen Zuschläge wie Trinkgelder ausfallen und nur das Grundgehalt Basis der Berechnung ist.

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Erinnerung mit Gänsehaut

"Die Sache muss größer werden", sagte Kathleen Parma mit Blick auf den virtuellen Freundeskreis. Seit ihrer Jugend hat sie Menschen zusammengebracht, Veranstaltungen organisiert, Produkte zu verkaufen gewusst und dafür schon früh soziale Medien und Netzwerke genutzt. "Ich war eine der ersten 5.000 bei Facebook", erzählt sie. Direkt nach der Wende machte sich die gelernte Kinderkrippenerzieherin selbstständig, da war sie 26 Jahre alt und hoffte auf ihre große Chance. Die bekam und nutzte sie, zog einen Veranstaltungsservice auf, plante den ersten Sächsischen Unternehmertag in Dresden und eine Colani-Ausstellung im Verkehrsmuseum. Höhen und Tiefen gehörten zum Geschäft. Seit zehn Jahren betreibt sie ihre Agentur Networks PR, arbeitet als Dozentin und hat das Speiseeis völlig neu aufgerollt. 

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Wenn Kathleen Parma davon erzählt, wie angefangen und sich entwickelt hat, was jetzt als "Initiative Leere Stühle" in ganz Deutschland bekannt ist, muss sie sich am Kalender entlang hangeln. Die Ereignisse überschlagen sich, die Arbeit für die Aktionstage unter diesem Label füllt Tage und Nächte. Innerhalb von Stunden wuchs die FB-Gruppe auf mehr als hundert Mitglieder. "Wir haben einen Brief geschrieben, in dem wir auf unsere Situation aufmerksam machen und Forderungen zur Unterstützung der Branche stellen", sagt Kathleen Parma. Mit Gänsehaut erinnert sie sich an jenen Abend, an dem die Gastronomen ins Schießhaus kamen, um ihre Unterschrift auf das SOS-Schreiben zu setzen - 150 Unternehmer, die alle einzeln eintrafen, um der Kontaktsperre Genüge zu tun.

Dieser erste Brief ging schließlich per Mail an die sächsische Staatsregierung. "Von der Kultur- und Tourismusministerin Barbara Klepsch bekamen wir die Antwort, man habe unser Anliegen zur Kenntnis genommen und melde sich wieder. Das war uns nicht genug." Lichtblick: Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) lud die Macher der ersten Stunde ein, um mit ihnen nach Lösungen zu suchen. Ute Stöhr vom Schießhaus und Kathleen Parma hatten unterdessen mit Ralph Krause, Betreiber der Cafés Blumenau und Rauschenbach, Olaf Kranz vom Restaurant Palastecke im Kulturpalast, und dem Dresdner Steuerberater Steffen Schmidt ein Organisationsteam gegründet.

"Da kam ganz schnell die Idee"

"Der OB hat offen zugegeben, dass er die Folgen des Shutdowns für die Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter nicht in ihrer ganzen Breite ermessen hatte und war sofort bereit, über Unterstützungen zu reden. Das fand ich beeindruckend", erzählt Kathleen Parma. In einem ersten Schritt erließ die Stadt den Wirten die Sondernutzungsgebühren für Außenflächen im öffentlichen Raum. Land und Bund sahen die Betroffenen dennoch weiter in der Pflicht.

Ein zweiter Brief mit Forderungen adressierten Kathleen Parma und ihre Mitstreiter an den Sächsischen Landtag. Die Aktion auf dem Dresdner Neumarkt sorgte für Aufmerksamkeit in der ganzen Stadt und darüber hinaus. "Wir haben überlegt, wie wir das Übergeben des Briefes an Lars Rohwer inszenieren. Da kam ganz schnell die Idee, einen Tisch auf den Neumarkt zu stellen und ein paar Stühle." Ganz Social Networkerin und PR-Expertin, hatte Kathleen Parma das Vorhaben im Internet verbreitet und die Presse informiert. Eine Demonstration durfte nicht aus dieser Aktion werden, denn Menschenansammlungen sind verboten. Doch die leeren Stühle wurden Symbol.

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Regionale und überregionale Medien berichten seither, rund 1.000 Gastronomen haben sich der Initiative angeschlossen. Die ist rasend schnell über Sachsen hinaus gewachsen. Am 24. April standen wieder leere Stühle in der Stadt, dieses Mal auf dem Altmarkt, und wieder gab es einen Brief. Der Empfänger: Martin Dulig (SPD), Sachsens Wirtschaftsminister.

Dem leuchtet vieles ein: weshalb es Servicemitarbeitern und Köchen nicht reicht, nur 60 oder 67 Prozent vom bisherigen Gehalt für ihre Kurzarbeit zu bekommen und wieso der Betrag nicht erst ab der vierten beziehungsweise siebenten Woche auf 70 oder 80 Prozent steigen darf. Warum die reduzierte Mehrwertsteuer von sieben Prozent auf Speisen am Tisch Lokalen nichts nützt, wenn sie geschlossen bleiben. Auch, dass die Refinanzierung durch diese Maßnahme nicht funktionieren kann, wenn sie, wie geplant, schon im Sommer 2021 endet. Und: dass der Inhaber eines geschlossenen Betriebes von jetzt auf gleich null Einkommen für sich und seine Familie hat.

"Die ganze Branche wird geschädigt sein"

"Wir haben viel erreicht, aber nicht alle Angebote helfen den Betroffenen wirklich", sagt Kathleen Parma. Deshalb geht ihr Kampf weiter. Das von ihrer Agentur entwickelte Logo wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem deutschlandweiten Symbol für die Existenzangst der Branche. Die Webseite hilft Gastronomen in ihren Städten, ob  Berlin, Oberwiesenthal oder Kiel, Aktionen zu organisieren. Dass Kathleen Parma selbst seit Wochen für lau arbeitet, ist ihr keine Klage wert. Die Aktion Leere Stühle ist eine Herzensangelegenheit. Und wer behauptet, als Unternehmerin zöge sie Nutzen aus all den neuen Kontakten und potenziellen Kunden in ganz Deutschland, denen sagt sie: "Die ganze Branche wird nach Corona so geschädigt sein, dass sie für meine Dienste ganz sicher lange kein Geld übrig hat."

Aufkleber und Plakate drucken lassen, Videos fürs Netz drehen, für Aktionstage eine Bühne aufbauen und Bearbeitungsgebühren für Behörden zahlen, all das kostet. Deshalb freut sich die Initiative Leere Stühle über Spenden. Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, gab es die letzte bundesweiten Aktionen. Hunderte Stühle standen auf öffentlichen Plätzen. Stühle, auf denen noch vor kurzem Gäste saßen und deren Wirte davon abhängen, dass sie so bald wie möglich wieder besetzt werden. Dafür kämpft Kathleen Parma mit Hunderten Gastronomen weiter.


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