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Die Garten-Häusler

Zwei Dresdner Architekten beleben die alte Gartenhaus-Kultur neu und fertigen Liebhaber-Lauben von Hand.

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© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Neu erfunden haben das Gartenhaus schon viele. Moderne Lauben zum Lungern. Den Kubus fürs Grüne zum Beispiel, Micro-Compact-Home genannt. Quadratisch, praktisch und sicher auch gut. Hütten zum After-Work-Einsiedeln aus historischem Holz oder Treibhauszelte mit Liegestühlen.

Martin Haymann und Heiko Lieske indes kramen in der Geschichte des Gartenhäuschens. Statt in der Formensprache vorauszueilen, suchen die beiden Landschaftsarchitekten in dessen Vergangenheit. Die liegt im Jugendstil der Jahre zwischen 1870 und 1920. „Früher gehörte zu jeder Villa ein Gartenhaus. Das stand zur Straße hin an einer Ecke des Grundstückes“, sagt Heiko Lieske. Dort habe sich der Hausherr mit seiner Familie gezeigt und Ausschau gehalten, wer denn gerade in der Droschke oder im Automobil vorbeigefahren kam. „Dresdner Ecke“, der Begriff sei geläufig, wenn auch keiner aus der Fachliteratur und schon gar kein Alleinstellungsmerkmal für hiesige Villenviertel. „In Berlin sagt man vielleicht Berliner Ecke“, vermutet Heiko Lieske. Wer jedoch durch Striesen, Blasewitz, Tolkewitz und andere Gegenden geht, in denen einst betuchte Dresdner ihre Häuser gebaut haben, entdeckt hier und da besagte Eck-Häuschen. Manche aus Stein fest gemauert, andere aus Holz gezimmert. Einige bieten nur von oben Schutz vor Wetter, wie ein Pavillon, die anderen rundum.

Quer durch Sachsen reisten die ehemaligen Studienkollegen, auf der Suche nach den vielen verschiedenen Facetten des Freizeitdomizils. Als leidenschaftliche Gartenhäusler suchten sie nach der klassischen, weil schönsten, funktionalsten, geläufigsten Form des Gartenhauses. Fündig wurden sie bei Görlitz in Herrnhut. „Dort haben wir ein Gartenhaus entdeckt, das genau unserer Vorstellung entspricht und uns als Vorlage dient“, sagt Martin Haymann. Von Beruf Architekt, Landschaftsarchitekt und Tischler lockte ihn die Idee, dem Gartenhaus zu alter Ehre zu verhelfen. Ein Vorhaben, das auch seinen Freund und Kollegen Heiko Lieske reizt. Die ersten Träumereien dazu sind mindestens fünf Jahre alt.

Inzwischen gehen, radeln und fahren in Autos und Bahnen die Passanten der Königsbrücker Straße an einer neuen „Dresdner Ecke“ vorbei. Direkt an der Mauer, die das Grundstück des Möbelgeschäftes Trollhus begrenzt, steht neuerdings ein korallenrotes Häuschen mit spitzem Dach. Es ist der Prototyp des neuen Dresdner Gartenhauses, wie es Heiko Lieske und Martin Haymann nun bauen und verkaufen.

Zweieinhalb mal zweieinhalb Quadratmeter groß ist es, innen weiß gestrichen und mit spanischen Bodenfliesen belegt. Ein kleiner runder Tisch und höchstens vier Stühle haben darin Platz – der perfekte Ort, um mit Blick in die Natur an nieseligen Nachmittagen oder in kühler Abenddämmerung geschützt zu sitzen. Denn heutzutage hat sich diese Kultur des kultivierten Kaffeekränzchens hinter die Kulissen verlagert. Schwer vorzustellen, dass es verlockend sein soll, mit Freunden auf Autokolonnen und Niederflurbahnen zu schauen. Von Lärm und Dreck an größeren Straßen ganz abgesehen. Heute stehen Gartenhäuser hinter dem Haus im Grünen und sind eher Refugium der Ruhe als Hochsitz der Neugier und Eitelkeit.

Dabei verdienen es die neuen Exemplare, von möglichst vielen Vorbeikommenden gesehen zu werden. An der Königsbrücker Straße wirbt es um Aufmerksamkeit für die Geschäftsidee. Dieses und alle weiteren Häuschen der Zukunft sind detailverliebt von Hand gefertigt. Angefangen vom Eichen-, Lärchen- oder Douglasienholz über die Ornamentfliesen, die Kupfer- oder Zinkrinnen bis hin zum Schiefer auf dem Dach ist alles von Hand verlesen und verarbeitet. In Batzdorf haben sich Martin Haymann und Heiko Lieske eine Werkstatt eingerichtet. Dort sägen, hobeln, streichen und montieren sie. Das Holz kaufen sie bei einer benachbarten Firma ein, regional sollen die Baustoffe für das Dresdner Gartenhaus sein. Schiebefenster, Messingknäufe, auf Wunsch Elektrik und Lichtschalter im Retro-Design, das alles kostet.

„Manche Leute schaffen sich das dritte Auto an“, sagt Heiko Lieske, „andere wünschen sich ein Gartenhaus, wie wir es fertigen.“ Dafür rufen die beiden Architekten insgesamt rund 23 500 Euro auf. Elektroausstattung, ein Entwässerungssystem und die Truhenbank kosten extra. Wer aufs Schieferdach verzichtet und mit Biberschwanz vorliebnimmt, spart ein. Ansonsten ist für Haymann und Lieske Qualität nicht verhandelbar. „Das Dresdner Gartenhaus wird nie in Massenfertigung gehen“, sagen sie. Ein zweites Standbein neben ihrer selbstständigen Arbeit könnte es sein. Oder lieber ein Spielbein.

›› www.dresdner-gartenhaus.de