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Die Geßners haben ihren Hof seit 100 Jahren

Reiner Geßner hat die Geschichte des Hofes erforscht. Gestern hat er seinen ganz privaten Gedenkstein enthüllt.

Von Sylvia Mende

Das hat es in der fast 475-jährigen Geschichte des ehemaligen Gartengutes zu Beicha Nummer 5/6 noch nicht gegeben. Der Hof ist seit 100 Jahren im Besitz von Familie Geßner. Das haben Monika und Reiner Geßner gestern im Kreis ihrer Verwandten, Freunde und Nachbarn gefeiert. Eine an einem Stein befestigte Tafel zur Geschichte des Hofes wurde feierlich enthüllt. Grundlage für die geschichtlichen Fakten waren die Graupzig-Gödelitzer Gerichtsbücher. Und so erfuhren die Gäste unter anderem, dass der Hof und die nahe gelegene Kirche am 3. November 1833 abbrannten. Ein Jahr später errichtete der Baumeister Johann Gottfried Maudrich die Gebäude wieder. Der Hof entstand etwas weiter entfernt von der Kirche.

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Am 14. April 1914 kauften Gustav und Marie Geßner den Hof. 1938 übernahmen ihn Walter und Hilma Geßner und nun ist er im Besitz von Monika und Reiner Geßner. Zur Zukunft des Hofes sagte Geßner, der einen Sohn und eine Tochter hat: „Die Zukunft steht in den Sternen. Die Richtung ist aber klar.“ Doch darüber wurde gestern nicht gesprochen. Vielmehr spielte die Geschichte des Hofes und der Familie eine große Rolle. Reiner Geßner hat bei seiner Ahnenforschung herausgefunden, dass der Ursprung der Familie Geßner in Zschölla bei Oschatz liegt. Otto und Robert Geßner hatten dort eine Baufirma. Bis 1801 hat Reiner Geßner bisher die Familiengeschichte zurückverfolgen können.

Vom Bahnarbeiter zum Landwirt

Sein Großvater ist wegen des Baus der Schmalspurbahn von Lommatzsch nach Gärtitzsch, die vor 103 Jahren fertiggestellt wurde, nach Beicha gekommen. Er hatte im Hof bei dem damaligen Besitzer Ernst Reinhold Brühl Quartier bezogen. Da dessen Kinder keine Lust hatten, den Hof und die Landwirtschaft zu übernehmen, und der Bahnbau zu Ende ging, wurde Gustav Geßner Hofbesitzer und Landwirt. „Es war eine harte Zeit. Der Großvater musste in den Ersten Weltkrieg ziehen. Aber die Großeltern haben was draus gemacht. Wie sie das geschafft haben, weiß ich nicht“, so der Beichaer. Seine Großmutter übernahm zusätzlich noch die Bahnhofsagentur. Das bedeutete unter anderem die Zugabfertigung, das Ausfüllen von Papieren und den Verkauf von Fahrkarten und das viermal am Tag. „Als ich vor 65 Jahren geboren wurde, war der Neun-Uhr-Zug gerade durch“, erzählte Reiner Geßner. Sein Großvater habe ihn oft zur Bahnabfertigung auf den kleinen Bahnhof unterhalb des Gutes mitgenommen. Auch wenn er von den Eisenbahnern geärgert wurde, denn sie wollten seinen Opa mitnehmen, wurde da schon sein Interesse zur Geschichte der Bahn geweckt.

Der gelernte Kfz-Schlosser, der bis vor einigen Jahren beim Straßenbauamt arbeitete, interessiert sich nicht nur für Züge, sondern auch für Brückenbauwerke. Einige imposante Bilder hängen an den Wänden im Partyraum. So unter anderem vom Autobahnbau in Siebenlehn. Da seine Eltern nebenbei auch 30 Jahre lang den Kirchendienst erledigten, die Glocken mit der Hand läuteten und täglich die Uhr aufzogen, fand Reiner Geßner auch an mechanischen Uhren Gefallen.

Außerdem ist er Ortschronist. „Hinter jedem Datum, jeder Jahreszahl und jedem Namen steckt ein Stück Geschichte“, so Reiner Geßner. Er hatte recherchiert, welche bedeutenden Ereignisse sich mit dem gestrigen Datum und dem Jahr 2014 verbinden lassen. „Dieses Jahr ist ein historisches. Vor 175 Jahren wurde die Ferneisenbahn Leipzig-Dresden eingeweiht und vor 103 Jahren die Schmalspurbahn zwischen Lommatzsch und Gärtitzsch. Um 23.40 Uhr hat vor 102 Jahren am 14. April die Titanic einen Eisberg gerammt“, so Geßner.

Die Vier spielt eine große Rolle

Er selbst hatte am 14. April um 14.44 Uhr zum Fest anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Geßner-Hofes eingeladen, da die Zahl Vier in diesem Zusammenhang eine große Rolle spiele. Der Großvater sei im April 1877, also im vierten Monat des Jahres zur Welt gekommen. 1904 habe er geheiratet. Zur Familie gehörten vier Kinder und 1914 wurde der Hof gekauft. Der erlebte in den letzten 100 Jahren viele Höhen und Tiefen. 1957 wurde die Scheune ausgebaut, um mehr Stauraum zu bekommen. Dann wurde der Hof 1960 der LPG Typ I eingegliedert und 1965 kam er zum Volkseigenen Gut. Es war nur noch wenig private Landwirtschaft möglich. Nach der Wende wurde das Fachwerkhaus umgebaut.