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Die glücklichen Nachbarn

Elli Hentschel und Inge Eisold aus Bischofswerda laden in ihre Wohnungen ein. Und erzählen, warum sie dort auf keinen Fall weg wollen.

© Steffen Unger

Von Gabriele Naß

Bischofswerda. Irgendwann will jeder wissen, wo er hingehört. Für die 89-jährige Elli Hentschel und ihren Erhard, der über 90 ist, war das im September 1997 endgültig so weit. Damals bezogen sie ihre heutige Wohnung in der Wohnanlage der Volkssolidarität „Am Lutherpark“ in Bischofswerda.

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Er stammt aus Frankenthal, sie aus Großröhrsdorf. Sie fanden sich und wohnten über 30 Jahre in Radeberg, weil sie dort bei Robotron Arbeit hatten. „Für immer konnten wir aber nicht bleiben. Wir hatten die Wohnung im zweiten Stock. Wir kamen noch gut rauf. Aber wie lange, haben wir uns damals gefragt“, erzählt die schmächtig gewordene Frau Elli. Heute leidet ihr Mann an Prostatakrebs. Sie pflegt ihn rund um die Uhr und das fällt ihr körperlich schwer. Aber er bedankt sich mit Sätzen wie: „Wenn ich dich nicht hätte, meine Schnecke.“ Beide sind glücklich, dass sie vor vielen Jahren vorausschauend dorthin gezogen sind, wo sie heute Hilfe bekommen. Sie haben eine 60 Quadratmeter große Wohnung mit Wohnzimmer und integrierter Küchenzeile, Schlafzimmer und Bad für 520 Euro im Monat. Dass sie oben wohnen, ist dank Fahrstuhl egal.

Mieter der ersten Stunde

Inge Eisold ist in der Wohnanlage Hentschels fast Nachbarin. Auch sie wohnt hier schon seit vielen Jahren, zog damals mit ihrer inzwischen verstorben Mutter ein und gehörte wie die Hentschels zu den ersten Mietern. So kennt man sich gut, schätzt man sich – und je älter man wird, umso mehr hilft man sich. „Komm doch wieder mal mit in unseren schönen Innenhof zum Kaffeetrinken, Elli. Oder am Freitag auf den Wochenmarkt“, sagt die mit 77 deutlich jüngere, aber gesundheitlich auch angeschlagene Inge Eisold. Als sie hört, dass die Elli ihren Erhard nicht mehr alleine lassen kann und will, sagt sie: „Bestimmt findet sich mal jemand, der dem Erhard in der Zeit Gesellschaft leistet. Wir fragen.“

Wir sitzen in Inge Eisolds guter Stube, die zu einer 46-Quadratmeter-Wohnung für 399 Euro im Monat gehört. Wir reden darüber, welche Geschichten das Leben im Alter schreibt. „Ob ich mich noch freuen kann? Manchen Tag ist das schwer. Ich frage mich oft, warum alle anderen aus meiner Familie schon weg sind und nur wir noch da“, sagt Elli Hentschel. „Aber froh sind wir, dass wir uns noch haben und so viele Erleichterungen hier im Haus.“

Der Vormittag vergeht. Es ist um elf. Zeit für die beiden Frauen, ans Mittagessen zu denken. Beide kochen nicht mehr. Und das müssen sie auch nicht. Im Speisesaal wird ihnen in der Großküche Laola gekochtes Wahlessen serviert: in der Woche für 3,20 bis 3,90 Euro je Portion, an den Wochenenden und Feiertagen für 4,20 Euro. Es schmeckt mal mehr und mal weniger, aber meistens schon. „Wenn man selber kocht, passiert auch mal was“, sagt Inge Eisold. „Und wenn man selber nicht mehr kann, aber Hilfe in Anspruch nehmen darf, beschwert man sich doch nicht, wenn mal was nicht klappt“, sagt Elli Hentschel. Sie und ihr Mann essen nicht unten.

Ein kurzer Schwatz mit den Damen

Nach unserer Unterhaltung gehen wir zusammen über den langen Gang mit vielen Wohnungseingangstüren bis zu Hentschels. „Erhard, ich bringe Besuch mit“, sagt sie beim Eintreten. Dann fragt sie, wie es geht. „Gut soweit im Moment“, sagt er. Auf die Toilette muss er gerade nicht. Frau Elli holt einen kleinen Topf aus dem Küchenschrank und sagt: „Wenn du noch einen Moment warten kannst, Erhard, hole ich das Essen. Ich bin gleich wieder da.“ Vorbei an vielen Wohnungen laufen wir nun zum Fahrstuhl. Ihren Topf hat Elli Hentschel vorn im Rollator abgestellt. „Gut, dass das so geht“, sagt sie.

Das Essen gibt es im Speisesaal im Erdgeschoss. Elli Hentschel holt es, um in der Wohnung gemeinsam mit ihrem Mann zu essen, der es nicht nach unten schafft. Kein langer, aber ein kurzer Schwatz mit den Damen der Volkssolidarität, die das Essen ausgeben, ist drin. Für Inge Eisold ist Zeit kein Problem. Sie hat Platz genommen an einem der Tische und isst Mittag in großer Runde. Eine redselige ältere Dame ist sie, der Gesellschaft so wichtig ist wie Hilfe beim Einkauf oder Arztbesuchen. „Alles habe ich hier im Haus. Ich kann es nutzen, muss aber nicht“, sagt sie. Und schwärmt in einer längeren Geschichte vom letzten Fest, das anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Wohnanlage gefeiert wurde. Es gab schön zu essen, zu trinken und Musik. Ansprachen wurden gehalten.

„Ich kenne alle„

Inge Eisold berichtet freudig, dass sie Leute getroffen hat, die sie sonst nur beim Arbeiten sieht, oder die früher hier gearbeitet haben. „Ich kenne alle“, sagte die ehemalige Krippenerzieherin. Zu ihren Lieblings-Nachbarn gehört Hilde. Die Hilde ist die, die so gern Kaffee kocht und zum Kränzchen einlädt. „Ich habe damals gejuchzt vor Freude, als klar war, dass meine Mutter und ich hier einziehen können“, sagt sie. –  Viele wollen hier auch heute einziehen, aber kaum eine der 51 überwiegend Zweiraumwohnungen steht leer. Es gibt verstärkt Anfragen und auch Wartelisten, sagt Hausleiterin Ingrid Bens.

Einen Trend beobachtet sie dabei: Die Leute, die sich melden, sind in der Regel um die 80 und damit deutlich älter als es Elli Hentschel und ihr Mann sowie Inge Eisold bei ihrem Einzug waren. So gelte es heute oft zuallererst zu entscheiden, ob die Wohnanlage noch die geeignete Form der Unterbringung ist. „Wir sind kein Pflegeheim“, sagt Ingrid Bens. In der Wohnanlage gibt es einen ambulanten Pflegedienst, Hilfe beim Einkaufen, Wohnung sauber machen oder Einkaufen durch die Volkssolidarität. Alles im Rahmen dessen, was man – bei einer Pflegestufe finanziert über die Pflegekasse – auch bekommt, wenn man noch zu Hause wohnt. Den Unterschied macht, dass die Ansprechpartner, die Hilfe organisieren und leisten, direkt in der Wohnanlage zu erreichen sind. Nämlich täglich zu den Bürozeiten von 8 bis 16 Uhr. Für Hentschels und Inge Eisold ist das alles gut so. Dass vielleicht eines Tages ein letzter Umzug ins Heim sein muss, wissen sie. „Aber jetzt noch nicht“, sagen beide.

www.volkssoli-bautzen.de