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Die jungen Milden

Annenmaykantereit wärmen sich im Dresdner Beatpol für die Sommerkonzerte auf. Die Musiker zünden, ihre neuen Songs leider nicht.

Die Herren Annen, May und Huck am Freitag im Beatpol.
Die Herren Annen, May und Huck am Freitag im Beatpol. © Ronald Bonß

Von Maximilian Helm

Das bemerkenswerteste an diesem Konzertabend ist wohl die Zusammensetzung des Publikums. Annenmaykantereit ziehen mit ihren spärlich instrumentalisierten Songs normalerweise eher die jüngere Zielgruppe an. Doch hier finden sich neben den erwartbaren Teenagern mit passenden Band-Shirts auch Gruppen von Männern und Frauen Mitte vierzig. Nicht als Begleitung ihrer Kinder, sondern, die Arme in die Luft gerissen, laut mitsingend. Seit Monaten war das Konzert am Freitagabend ausverkauft gewesen.

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Die Band ist durch das Erzählen kleinerer Geschichten bekannt geworden. Sie singen Lieder von verflossener Liebe, vom Erwachsenwerden oder von Drogenmissbrauch. Neben seiner unverwechselbaren, rauen Stimme hat Sänger Henning May auch das Talent einer feinen Beobachtungsgabe. Die Songs sind authentisch. Und die vier Jungs, die 2011 als Straßenmusiker in Köln starteten, sind es auch. Inzwischen füllen sie große Hallen, die Erwartungen an das kleine Clubkonzert im Dresdner Beatpol liegen entsprechend hoch. Auf der Bühne geben sie sich betont locker, scherzen mit den Fans, pflegen einen herzlichen Umgang untereinander. Doch die Lockerheit ist im positiven Sinne oberflächlich. Bei Annenmaykantereit sind vier Profis herangewachsen, die sowohl ihre Instrumente als auch ihr Publikum perfekt im Griff haben.

Doch hat die Band ein Problem, mit dem sie in ihrem jungen Alter noch nicht konfrontiert sein sollte: Die Leute wollen die älteren Songs hören. Im Beatpol wird das deutlich, die Jubelschreie bei den ersten Takten eines bekannten Hits bleiben bei den Liedern ihres neuen Albums „Schlagschatten“ aus. Doch auch die Band ist daran nicht unschuldig, erscheinen die drei Jahre gereiften Titel ihres Debütalbums routinierter und druckvoller zu sein. Bei der neueren Drogenballade „Schon krass“, einem ihrer sonst stärksten Songs, verheddern sich E-Gitarre und Schlagzeug und schaffen es bis zum Schluss nicht, sich aus der Misere zu befreien. Das fällt besonders deshalb auf, weil der Sound ansonsten überragend ist.

Beeindruckend wandelbar

Ein weiteres Problem sind die Songs an sich. Das neue Album der Band ist grundsätzlich nachdenklicher und etwas subtiler als sein Vorgänger, was die Künstler live vor eine Herausforderung stellt. Dem sind sie sich offensichtlich bewusst, und versuchen ihre Lieder etwas abzuwandeln. Das funktioniert perfekt bei dem Titel „Weiße Wand“, der trotz starkem Text auf der Platte etwas karg daherkommt. Von der Bühne im Beatpol hämmert er sich jedoch dank Herzschlag-Beat und kreischender Gitarrensaiten direkt in die Köpfe der Zuhörer. Komplette Stille sagt bei einem Clubkonzert viel aus. An anderer Stelle wiederum tritt insbesondere Gitarrist Christopher Annen ein wenig zu engagiert auf seinem Effektpedal herum und verändert bekannte und beliebte Songpassagen bis zur Unkenntlichkeit.

Neben seiner unverwechselbaren, rauen Stimme hat Sänger Henning May auch das Talent einer feinen Beobachtungsgabe.
Neben seiner unverwechselbaren, rauen Stimme hat Sänger Henning May auch das Talent einer feinen Beobachtungsgabe. © Ronald Bonß

Nach einer Stunde verschwinden die vier Musiker von der Bühne. Wenige Minuten später tauchen sie am anderen Ende des Saales auf, Sänger May spielt Gitarre, die übrigen bilden einen kleinen Chor. In intimer Atmosphäre, von Fans umringt, spielen sie einen bisher unveröffentlichten Song, eine Ballade mit dem Refrain „Ich will einen Ozean“. Insgesamt ist die Wandelbarkeit der vier Künstler beeindruckend. Es geht vom leichten Indiepop, über Folk-Power-Songs bis zu stampfender Clubatmosphäre bei „Ich geh heut nicht mehr tanzen“. Das Publikum feiert seine Helden, doch die große Party bleibt aus. Auch vom sonst üblichen Herumgerempel vor der Bühne ist wenig zu sehen, was auch an den besonders vielen gefühlvollen Liedern liegt, die an diesem Abend auf dem Programm stehen.

Nach einer weiteren Zugabe und exakt 90 Minuten ist das Konzert vorbei. Kein Gedränge, kein Gegröle, es geht beinahe merkwürdig gesittet zu. Im Sommer spielen Annenmaykantereit dann zwei große Konzerte am Elbufer. Dafür wäre ein Hauch mehr Eskalation beinahe wünschenswert.

Annenmaykantereit und Freunde, 24. und 25. August den Filmnächten am Elbufer.

Henning May im SZ-Interview: „Ich habe auch Freunde, die rechts denken